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Bötschi fragt Fabienne Hadorn «Heute machen Frauen einfach alles. Derweil die Männer gegen die Wand fahren»
Bruno Bötschi
24.5.2025
Fabienne Hadorn ist aktuell die einzige Frau, die beim Schweizer Fernsehen SRF in einer regelmässigen Comedy-Sendung zu sehen ist. Ein Gespräch über ADHS, Erfindungen und darüber, wie sie ihren 50. Geburtstag feiert.
24.05.2025, 01:00
25.05.2025, 10:07
Bruno Bötschi
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Fabienne Hadorn ist Schauspielerin, Komikerin, Sängerin, Texterin, Sprecherin, Regisseurin und Tänzerin. Die 49-Jährige lebt in Zürich und ist Mutter von zwei Kindern.
- Aktuell ist sie beim Schweizer Fernsehen SRF im Satire-Format «Die Sendung des Monats» neben Gabriel Vetter zu sehen und mit ihrem Soloprogramm «Kaboom Room» auf Tour.
- «Ach, das Problem ist doch, dass die Jungs es noch nicht gecheckt haben, dass das Patriarchat auch für sie schädlich ist. Deshalb ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass das Patriarchat jetzt von Typen wie Donald Trump und Co. an die Wand gefahren wird», so Hadorn.
- Fabienne Hadorn feiert am 24. Mai ihren 50. Geburtstag. Die Komikerin hostet an diesem Tag die «Female Trouble – Women in Comedy Gala» im Millers Theater in Zürich.
Fabienne Hadorn, ich stelle dir in den nächsten 45 Minuten möglichst viele Fragen …
… sorry, dass ich so verkrugelt aussehe. Ich war heute Morgen in der Mammografie und dachte, dafür müsse ich mich nicht hübsch machen. Aber das Allerwichtigste ist: Juhui, ich habe keinen Brustkrebs.
Wunderbar, das sind grossartige Neuigkeiten.
Danke.
Ich stelle dir also in den nächsten 45 Minuten möglichst viele Fragen. Und du antwortest bitte möglichst kurz und schnell. Wenn dir eine Frage nicht passt, kannst du auch einmal «weiter» sagen.
Ah, echt, so sportlich.
Frühling oder Herbst?
Frühling. Ich liebe immer die Jahreszeit am meisten, die aktuell draussen stattfindet.
Katze oder Hund?
Meine Grosi nahm früher immer, wenn sie einen Rheumaschub hatte, ihr Büsi auf den Schoss. Ich habe deshalb seit Kindheit eine besondere Beziehung zu Katzen. Hunde mag ich aber auch.
Schneewittchen oder Sissi?
Als Kind betete ich: Lieber Gott, mach bitte, dass ich so schön werde wie Sissi – oder noch ein bisschen schöner (lacht).
Zum Autor: Bruno Bötschi
blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.
Dein Vorbild als Zwölfjährige war Romy Schneider. Ihr gelang mit der Rolle als Kaiserin Elisabeth der Durchbruch als Schauspielerin.
Das stimmt. Es gibt drei Momente in der «Sissi»-Trilogie, die dafür sorgten, dass ich damals für die Kaiserin geschwärmt habe: Erstens haut Sissi durch das Fenster ab und geht fischen. Zweitens jammt sie ihrem Mann, also Kaiser Franz Joseph I., auf der Zither etwas vor. Und drittens bietet sie ihrer Schwiegermutter die Stirn. Ich fand es stark, wie sich Romy’s Sissi in den drei Filmen immer wieder gegen das Establishment auflehnt und die Erwartungen an eine Frau hinterfragt.
So grundsätzlich: Wie wichtig sind Vorbilder?
Total wichtig. Starke Frauen können Inspiration sein für andere Frauen und Mädchen. Ich sehe das aktuell bei meinen Töchtern, wie gross der Einfluss von Kunst und Kultur auf Jugendliche sein kann.
Die deutsche Komikerin Carolin Kebekus sagte im Interview mit dem «Manager-Magazin»: «Bis ich zwölf war, dachte ich, Humor sei ausschliesslich männlich. Didi Hallervorden, Otto, Rudi Carrell – im Fernsehen gab es ja nur Männer.» Wie war das bei dir?
Als ich klein war, wurde mir einmal von einem Grüselmann gesagt, ich sei mannstoll. Damals dachte ich, das bedeutet, ich sei so toll wie ein Mann, weil ich burschikos war (lacht schallend).
Später machten oft Frauen in Hosenrollen besonders Eindruck auf mich – allen voran Shirley MacLaine, Liselotte Pulver und Lucille Ball. Für mich waren in jungen Jahren aber auch Männer wichtig als Identifikationsfigur. Als Mädchen wollte ich wie Terence Hill oder Steve McQueen sein. Noch etwas später, als ich realisiert habe, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, wurde die Frauenfiguren immer wichtiger für mich.
Wer zum Beispiel?
Als Teenagerin gefiel mir Madonna extrem gut. Und weisst du was, letzten Sommer schaute ich im Kino Xenix in Zürich mit meiner älteren Tochter wieder einmal den Film «Desperately Seeking Susan» mit Madonna in der Hauptrolle. Bruno, der Film ist super gealtert. Du kannst daran echt nichts kritisieren – meine 18-jährige Tochter ist übrigens gleicher Meinung.
Wann hast du erstmals den Auftritt einer Komikerin gesehen – und was löste das in deinem Kopf aus?
Ich war jahrelang ein Fernsehkind, ging also erst später regelmässig ins Theater. Was ich nie vergessen werde ist mein erstes Konzert: Mit meiner Mami zusammen sah ich Diana Ross im Hallenstadion in Zürich. Das war grossartig.
Female Comedy dagegen entdeckte ich so richtig erst mit 42. Damals besuchte ich das Edinburgh Festival Fringe, das weltweit grösste Kulturfestival. Dort sah ich mir ausschliesslich Aufführungen von Frauen an. Ich sah «Nanette» von Hannah Gadsby aus Australien und «Nate – A One Man Show»von Natalie Palamides aus den USA. Wow, das waren unglaubliche Erlebnisse.
Bist du heute selbst ein Vorbild für junge Frauen – oder brauchen die keine Vorbilder mehr?
Vorbilder sind wichtig. Ob ich eines bin, da müsstest du andere Menschen fragen. Ich kann nur wiedergeben, was mir meine ältere Tochter sagt, die meinen TikTok-Kanal betreut.
Was sagt sie?
Junge Frauen fände meine Sachen nice. Ihre Lieblingskommentare sind «Who is this Diva?» und «Ich liebe diese Frau».
Wir leben immer noch sehr patriarchal geprägt …
Ach, das Problem ist doch, dass die Jungs es noch nicht gecheckt haben, dass das Patriarchat auch für sie schädlich ist. Deshalb ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass das Patriarchat jetzt von Typen wie Donald Trump und Co. an die Wand gefahren wird.
Ich bin sicher, in nächster Zeit werden immer mehr Buben und Männer realisieren: Nein, diese Art von Leben finden wir nicht geil. Bis die Mehrheit das realisiert, dauert es aber noch etwas. Umso wichtiger sind deshalb role models, also Vorbilder, weil sie etwas bewirken können bei jungen Menschen.
Wir sitzen gerade im Café du Bonheur beim Bullingerplatz in Zürich. Darf ich fragen, warum du mich hier treffen wolltest?
Ich wohne hier ums Eck in einer Genossenschaftswohnung. Lange Zeit war dieses Café sozusagen meine verlängerte Terrasse. Seit der Corona-Pandemie ist der Bullingerplatz aber immer mehr zum Hipster-Spot geworden. Deshalb haben wir Quartierbewohnerinnen und -bewohner uns etwas zurückgezogen. Trotzdem bin ich nach wie vor gerne hier. Denn ich finde es wichtig, dass man sich im Quartier zeigt und engagiert.
Wirklich wahr, dass das Ventil vom Duromatic-Dampfkochtopf die beste Zürcher Erfindung ist?
Es ist eine geniale Erfindung, aber die beste Zürcher Erfindung ist meines Erachtens die Bircher-Raffel. Aber die obercoolste Erfindung der Welt ist der Siphon (lacht schallend). Der Siphon wurde einst vom englischen Uhrmacher Alexander Cummings erfunden. Ein Siphon ist ursprünglich einfach ein gebogenes Rohr in dem immer Wasser steht und verhindert somit unangenehme Gerüche in den Wohnräumen. Die Idee vom Siphon ist simpel, aber sie hat uns Menschen schon ganz viel Gutes gebracht. Und falls du mir nicht glaubst, nimmst du am besten einmal an meiner Stadtführung «Heureka – Zürich einfach erfunden»teil. Dort erzähle ich ganz viele Geschichten über Erfindungen.
Über welche Nachrichten in der Zeitung hast du dich zuletzt gefreut?
(Überlegt) Ich finde es mega, dass die SP-Kantonsrätin Mandy Abou Shoak für das Amt der Zürcher Stadtpräsidentin kandidieren will. Ich habe das Gefühl, sie ist ein offener und integrer Mensch und würde unsere Stadt nochmals einige Schritte weiter nach vorne bringen.
Woraus besteht deiner Ansicht nach ein gutes Leben?
Das Wichtigste ist: Community, Community und nochmals Community. Es ist wichtig, immer wieder in Freundschaften zu investieren und auch sonst, also zum Beispiel im Job, ein gutes Umfeld zu haben.
Du arbeitest als Schauspielerin, Komikerin, Sängerin, Texterin, Sprecherin, Regisseurin und Tänzerin.
Ich hasse Langweile. Meine diversen Tätigkeiten sind meine Methode gegen die drohende Langweile anzukämpfen.
Blöde Frage: Was kannst du überhaupt nicht?
Vielleicht erinnerst du dich noch an unser allererstes Interview für das Magazin «Schweizer Familie» vor zwölf Jahren.
Ja, das tue ich.
Damals fragtest du mich, was ich mir am meisten wünschen würde. Ich antwortete, ich wünschte mir einen persönlichen Engel. Also eine Person, die alles um mich herum organisiert und mir sagt, wann ich wo sein und wen ich wann anrufen muss. Leider gibt es diesen Engel nach wie vor nicht. Ich kämpfe bis heute mit dem ganzen Bürokram und ertrinke nach wie vor hin und wieder darin.
Im Schweizer Fernsehen SRF bist du aktuell die einzige Frau, die fix in einer regelmässigen Comedy-Sendung zu sehen ist. Was macht das mit dir?
Ich spüre ein Verantwortungsgefühl. Ich will das aber nicht nur dem SRF anlasten. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Erst kürzlich sagte eine befreundete Komikerin zu mir: Hey Fabienne, du bist eine der ersten Komikerinnen, die beim SRF besteht und auch noch gute Kritiken bekommt. Diese Aussage hat mir irgendwie nochmals die Augen mehr geöffnet, nachdem ich anfänglich dachte: Okay, ich opfere mich.
Wieso opfern?
Weil ich beim Start von unserer SRF-Satire-Show «Die Sendung des Monats» davon ausgegangen bin, dass auch ich bald wieder weggekickt würde. Ich dachte, mir würde das weniger wehtun. Ich hätte dann wenigstens den Winkelried gemacht und wäre in die Bresche gesprungen, damit andere Frauen nachrücken könnten, weil Comedy-Frauen am Bildschirm danach wieder ein Stück normaler sein würden.
Aber Bruno, weisst du, was das Geilste überhaupt ist? Gerade vorhin habe ich die Rückmeldung bekommen, dass wir ab Sommer 2026 eine Comedy-Sendung für das SRF realisieren können (Anmerkung der Redaktion: blue News berichtete), die komplett von Frauen produziert wird.
Sehr cool. Eine sträflich unterschätzte Komikerin aus der Schweiz, für die du hier gerne etwas Werbung machen möchtest?
Ich werde am 24. Mai 50 Jahre alt und ich habe mich entschieden, an diesem Tag zu arbeiten. Ich hoste dann im Millers Theater in Zürich die «Female Trouble – Women in Comedy Gala». Dort wird unter anderem Julia Kubik auftreten. Sie ist eine jener Komikerinnen hierzulande, die gerade eine Überraschungsbox nach der anderen öffnet.
Ich liebe Julia über alles – und darum will ich, dass dieses Open-Air-Festival im Millers richtig voll wird. Dieser Abend ist mir eben auch deshalb so wichtig, weil er fast den gleichen Namen, also «Female Trouble», wie unsere neue Show im Schweizer Fernsehen SRF trägt.
Was muss man tun, damit eine echte Gleichstellung zwischen Frau und Mann Wirklichkeit wird?
Ich bin je länger desto mehr überzeugt davon, dass unser kapitalistisches System die Gleichberechtigung von Frau und Mann gar nicht zulässt.
Wieso nicht?
Heute machen Frauen einfach alles und damit viel zu viel. Derweil die Männer gegen die Wand fahren, weil sie nicht mehr wissen, was sie tun sollen: Möglichst viel Geld verdienen, noch mehr Muckis trainieren oder lieber mehr Gefühle zeigen? Fazit: Die Frauen sind überarbeitet und die Männer orientierungslos. So kann meines Erachtens keine Gleichstellung entstehen.
Deine Erfahrungen mit Grüselmännern?
Ich habe zum Glück keine wirklich schlimmen Erfahrungen mit Männern machen müssen. Aber so grundsätzlich gesagt: Grüselmänner sind arme Siechen, die mir leidtun.
Sind Frauen vielleicht doch irgendwie die besseren Menschen?
Frauen sind besser im Community-Aufbau als die Männer. Und Männer sollten ihr Testosteron besser in Liebe, Sport oder Bauspielplätze investieren statt in Gewalt. Kriege sind so gestern. Aber nichts nichtsdestotrotz: Ich glaube an die Männer.
Ich bin mit vielen Buben aufgewachsen und bin überzeugt: Den Männern stehen nach wie vor alle Möglichkeiten offen – und das nicht zuletzt auch deshalb, weil wir Frauen die Männer brauchen. Ich auf jeden Fall würde ohne meinen Mann durchdrehen (lacht).
Was hast du in all den Jahren über den Schweizer Humor gelernt?
Wir Schweizerinnen und Schweizer sind Komplexhäufchen (lacht). Das finde ich irgendwie herzig, ab und zu nervt es mich aber auch kolossal. Warum ist Schweizer Comedy immer so nett? Manchmal wünschte ich mir, wir alle wären etwas frecher und böser.
In der Comedyszene wird heute immer wieder über den Begriff «Cancel Culture» diskutiert. Er bedeutet, dass Komiker*innen mit kontroversen Ansichten gecancelt werden, indem man etwa ihre Auftritte absagt.
Jetzt einmal ehrlich, wie viele Komikerinnen und Komiker wurden wirklich schon gecancelt? Und was ist eigentlich mit all den Frauen, die gar nie als Komikerin auf die Bühne durften? Und deshalb sage ich: Es gibt keine Cancel Culture.
Es gibt Menschen, die durch das Canceln die Meinungsfreiheit gefährdet sehen.
Das sehe ich total anders. Ich finde es vielmehr wichtig, dass wir sagen können, wenn wir etwas cringe finden oder jemand einen toxischen Scheiss raushaut.
Nervt es dich, wenn du den Satz «Man darf gar keine Witze mehr machen» hörst?
Bei dieser Aussage schläft mir das Gesicht ein. Sorry, Comedy ist Arbeit, ganz viel harte Arbeit. Wer Comedy macht, muss sich mit der Welt, dem Zeitgeist und der Gesellschaft auseinandersetzen. Wer Comedy macht, muss an seinen Texten feilen und sich nicht mit dem erstbesten Joke zufriedengeben.
Komiker*innen wie Anke Engelke, Viktor Giacobbo und Kaya Yanar sagen, sie würden bestimmte Nummern über Minderheiten heute nicht mehr machen …
Weisst du was, auch ich musste einige Sachen von mir aus dem Internet löschen. Ich gebe zu: Ich habe Blackfacing gemacht. Und weisst du, wann ich das getan habe? In einem Stück, in dem wir die Leute vor Jahren darüber aufklären wollten, was Blackfacing ist und warum das nicht angeht. Wir haben also erklärt, was Blackfacing ist und haben es dabei blödsinniger Weise reproduziert.
Wie geht es deinem Papagei im Kopf?
Du sprichst von meinem ADHS, oder?
Seit anderthalb Jahren weisst du, dass du die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS hast. Veränderte die Diagnose dein Leben?
Nach der Diagnose nahm ich eine Zeit lang Medikamente. Die einen Pillen machten mich manisch, die anderen depressiv. Irgendwann überlegte ich mir: Bisher ging es auch ohne. Wieso soll ich jetzt mit bald 50 noch mit diesem Quatsch anfangen und ständig irgendwelche Pillen fressen?
Es ist ein Fakt, dass ich seit Jahren regelmässig zwischen zwei Extremen hin und her tingle. Mein Leben besteht aus gesunden Dingen wie Thai Chi, Winterbaden und Fasten. Es gibt aber auch die weniger gesunden Sachen wie zu viel Nikotin, Partys und andere crazy madness. Okay, vielleicht würde hin und wieder ein Pilleli zu nehmen die Sache einfacher machen …
… aber auch langweiliger?
Viel langweiliger – und darum gebe ich hier und heute zu: Ich bewege mich lieber zwischen Sündigen und Gsündeln.
Dieses ungefilterte Wahrnehmen von Emotionen, die Impulsivität, die mit ADHS einhergeht – sind das vielleicht Eigenschaften, die dir als Komikerin und Schauspielerin nützen können?
Das stimmt. Deshalb nahm ich die ADHS-Medikamente auch nie, wenn ich auf die Bühne ging oder wir «Die Sendung des Monats» aufgezeichnet haben. Das haben mir übrigens auch anderen Künstlerinnen und Künstler geraten, die ebenfalls ADHS haben.
Wann warst du das letzte Mal von deinen Kopfgeburten selber überrascht?
Während meiner Soloshow «Kaboom Room» passiert das regelmässig. Kurz bevor ich auf die Bühne gehe, denke ich zwar meistens: Alles wird ganz furchtbar. Doch kaum stehe ich vor dem Publikum, läuft es fast automatisch.
Es passiert auch immer wieder, also wenn ich später eine Aufzeichnung des Auftritts anschaue, dass ich denke: Wow, genial. Es ist verrückt, was auf der Bühne im Zusammenspiel mit dem Publikum alles passiert. Hin und wieder fühlt es sich beim nochmaligen Anschauen so an, als wäre ich ein Medium, in das gerade der Theatergott eingefahren ist (lacht).
Was ist die schlimmste Konsequenz, die du je wegen eines Witzes aushalten musstest – sei es auf der Bühne oder auch im Privaten?
Ach, ich bin schon so oft in ein Fettnäpfchen getreten … aber gerade jetzt kommt mir keine dieser Geschichten in den Sinn. Sorry.
Was macht die Tatsache mit dir, dass du demnächst 50 Jahre alt wird?
Ich freue mich mega darauf.
War das mit 30 und 40 auch schon so?
Ja. Nein. Sagen wir es so: Bisher habe ich das Älterwerden noch nie als schlimm empfunden. Ich bin eine Stehauf-Frau, die nach vorne schaut. Und wie schon erwähnt: Ich werde am Abend des 24. Mai, also dann, wenn ich 50 werde, im Millers Theater in Zürich die «Female Trouble – Women in Comedy Gala» hosten.
Vielleicht erinnerst du dich an den SNL-Sketch von Komikerin Molly Shannon, als sie eine 50-jährige Tänzerin spielte, die am Broadway vortanzt und fortwährend beweisen will, was sie alles noch kann. Ich denke, ich werde mir ihre Performance zu Herzen nehmen und dem Publikum selbstironisch zeigen, was ich noch alles kann mit 50 (lacht).
Was macht dir am meisten Hoffnung für die Zukunft?
Da zitiere ich gerne Hannah Arendts Begriff der «Natalität», also der menschlichen Fähigkeit zum Neuanfang. Deshalb sage ich auch immer zu allen coolen Menschen: macht Babys. Es ist das Beste, was der Welt passieren kann. Vor ein paar Wochen habe ich eine Decke für ein Neugeborenes gehäkelt. Als ich das Baby damit zum ersten Mal zudecken durfte, dachte ich: Es kommt alles gut. Wird ein Kind geboren, fängt alles wieder von Neuem an – so wie im Frühling auch. Das gibt mir Hoffnung.
Was kann ein Mensch tun – ausser als Satirikerin oder Komikerin auf der Bühne stehen – um mit dem Rechtsrutsch und anderen gesellschaftlichen Problemen klarzukommen?
Ich bin im Säuliamt in einer SVP-Hochburg aufgewachsen und katholisch geprägt. Ich kann gut verstehen, was mit diesen Leuten gerade los ist und welche Ängste sie umtreiben.
Wieso aber bist du nicht so geworden?
Ich weiss es auch nicht. Mein Vater ist politisch eher links, sitzt aber nach wie vor mit SVPlern am Stammtisch. Möglicherweise hat er es mir einst vorgemacht, wie ich mit Andersdenkenden umgehen soll. Gleichzeitig spüre ich, wenn ich jeweils die SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher mime, dass ein Anteil von mir auch noch so tickt und erschrecke dann immer.
Wir kommen langsam zum Schluss und damit zum Self-Rating-Test: Du benotest bitte dein eigenes Talent von null Punkten, kein Talent, bis zehn Punkte, maximales Talent: Gärtnerin?
Ich gebe mir sechs Punkte, denn in diesem Jahr habe ich es zum allerersten Mal geschafft, alle meine Pflanzen auf dem Balkon mehr oder weniger unbeschadet durch den Winter zu bringen. Kürzlich fing sogar mein japanischer Ahorn wieder an zu blühen, nachdem ich sicher war, dass ich ihn in den letzten Wochen zu oft im Stich gelassen habe. Oh my god, was für eine Leistung (lacht schallend).
Lügnerin?
Ich kann nicht gut lügen. Ich gebe mir zwei Punkte.
Astronautin?
Null Punkte. Ich würde sicher nicht wie Katy Perry mit einer Rakete in den Himmel hochfliegen.
Wieso nicht?
Das ist verlorene Zeit. Wir haben auf der Erde genug Themen, die wir dringend angehen sollten. Sorry, mussten diese sechs Frauen wirklich elf Minuten lang in den Himmel hochfliegen, um zu realisieren, dass in den USA aktuell die Demokratie arg bedroht ist?
Wenn du einen Wunsch frei hättest …
Ich fände es grossartig, wenn wir Menschen jeden Morgen in einem anderen Körper aufwachen würden (lacht). Ich denke, das würde uns im Umgang mit anderen empathischer machen.
Möchtest du noch ein Schlusswort halten?
Seid lieb miteinander. Als Inspiration empfehle ich die Netflix-Dokuserie «Love on the Spectrum». Die Menschen, die sich da daten, sind grad, was direkte und auch achtsame Kommunikation betrifft, meine Vorbilder.