Bötschi fragt Rolf Knie (2. Teil) «Ich ging in meine Garderobe und schlug alles kurz und klein»

Bruno Bötschi

24.8.2025

«Ich füge mich besser dem Älterwerden, als mich ständig zu bemitleiden, weil gewisse Dinge heute nicht mehr perfekt funktionieren»: Rolf Knie wurde kürzlich 76 Jahre alt.
«Ich füge mich besser dem Älterwerden, als mich ständig zu bemitleiden, weil gewisse Dinge heute nicht mehr perfekt funktionieren»: Rolf Knie wurde kürzlich 76 Jahre alt.
Bild: Keystone

Rolf Knie war jahrzehntelang eine prägende Figur der Schweizer Comedy. Ein Gespräch über seinen peinlichsten Auftritt als Clown im Circus Knie, die Blessuren des Alterns, Fussball und was der Sinn des Lebens ist.

Bruno Bötschi

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Rolf Knie führte gefühlt vier Leben: als Clown und Artist, als Schauspieler, als Maler und als Event-Organisator.
  • Im Interview mit blue News spricht der 76-Jährige über seinen peinlichsten Auftritt als Clown im Circus Knie.
  • «Während der Hauptprobe für die neue Tournee vom ‹Knie› im März 1974 klappte während meinem Auftritt als Clown überhaupt nichts – und das Publikum lachte nicht.»
  • Und weiter: «Nach meiner Nummer ging ich in meine Garderobe zurück und schlug vor lauter Enttäuschung alles kurz und klein.»
  • Den ersten Teils des Interviews mit Rolf Knie kannst du unter diesem Link lesen.

Rolf Knie, Sie wurden am 16. August 76 Jahre alt. Was hat Sie am Älterwerden überrascht?

Ich bin glücklich, dass ich nach wie vor so gut zwäg bin (lacht).

Im Alter kann es passieren, dass man das Gefühl hat, alles bereits gesehen zu haben und gleichzeitig keine Kraft mehr hat, um Neues erleben zu können.

Ich gehe nach wie vor mit Vollgas voraus.

Wirklich?

Natürlich gibt es Themen, die ich mit weniger Elan angehe als in jungen Jahren. Kürzlich sprach ich mit meiner Frau darüber, ob wir ein Haus im Tessin kaufen sollen. Wir entschieden uns dagegen. Mit 76 planst du nicht mehr jahrelang voraus.

Zum Autor: Bruno Bötschi
blue News

blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.

Ab einem gewissen Punkt im Leben geht es oft nur noch bergab. Fürchten Sie sich davor?

Angst habe ich davor nicht, aber Respekt. Es ist mit einer der Gründe, warum ich nach wie vor so intensiv lebe. Ich weiss nicht, ob morgen schon alles vorbei sein wird.

Irgendwelche Altersbeschwerden oder sonstigen Blessuren?

Früher spielte ich leidenschaftlich gerne Fussball. Verfolge ich heute ein Spiel, denke ich manchmal: Wow, das waren tolle Zeiten.

Gleichzeitig ist mir bewusst: Ich füge mich besser dem Älterwerden, als mich ständig zu bemitleiden, weil gewisse Dinge heute nicht mehr perfekt funktionieren.

Apropos Schmerzen: Beim Circus Knie schlug der 2023 verstorbene Gaston Häni, ihr damaliger Partner in der Manege, Sie einmal aus Versehen k.o. …

(Lacht) Einmal? Das ist mehrfach passiert. Während unseren Clown-Nummern schwitzten Gaston und ich zudem oft mehr als die Trapezkünstler. Einerseits bewegten wir uns während unseren Nummern meist komplett unnatürlich. Dazu kommt die Konzentration und Anspannung. Verfehlst du in der Manege einen Witz, spürst du sofort, wie die Stimmung im Publikum sinkt. 

Im Rückblick: Welches war Ihr peinlichster Auftritt?

(Überlegt einen Moment) Während der Hauptprobe für die neue Tournee vom Circus Knie im März 1974 klappte während meinem Auftritt als Clown überhaupt nichts – und das Publikum lachte nicht. Nach meiner Nummer ging ich in meine Garderobe zurück und schlug aus lauter Enttäuschung alles kurz und klein. Ich erlitt einen Nervenzusammenbruch und kam erst nach zwei, drei Tage später wieder richtig zu mir.

Was war genau das Problem mit Ihrer Clown-Nummer?

Im Jahr zuvor war ich zum ersten Mal als Clown im «Knie» aufgetreten. Das Publikum war begeistert – und mir stieg der Erfolg etwas in den Kopf. Bald dachte ich, so schwer könne es nicht sein, einen Clown in der Manege zu spielen. In der Folge nahm ich die Vorbereitung für die Tournee 1974 auf die zu leichte Schulter. Die missglückte Hauptprobe war mir eine Lehre fürs Leben. Seither wagte ich mir nie mehr derart unvorbereitet an ein neues Projekt.

Wie ging es 1974 nach Ihrem Zusammenbruch im Garderobenwagen weiter?

Mein Auftritt als Clown wurde bis auf Weiteres gestrichen. Wochenlang war ich nur als Pferdedresseur im «Knie» zu sehen, derweil ich meine Clown-Nummer neu erarbeitete. In dieser Zeit stand mir mein Vater zur Seite. Das war auch nötig, denn ich fing schon an zu Schwitzen, wenn ich nur schon in die Nähe des Zirkuszeltes kam.

«Die missglückte Hauptprobe war mir eine Lehre fürs Leben. Seither wagte ich mir nie mehr derart unvorbereitet an ein neues Projekt»: Rolf Knie.
«Die missglückte Hauptprobe war mir eine Lehre fürs Leben. Seither wagte ich mir nie mehr derart unvorbereitet an ein neues Projekt»: Rolf Knie.
Bild: Keystone

Der Circus Knie hat sich seit Ihrem Ausstieg stark verändert. Wie gefällt Ihnen das diesjährige Programm?

Sagen wir es so: Seit Géraldine Knie die künstlerische Leitung innehat, bietet der «Knie» ein Programm für eine neue Generation. Das kommt gut an, und darüber bin ich glücklich. Dieser Umbau war nötig, genauso wie der Wechsel im Verwaltungsrat vor fünf Jahren. Ich war damals hauptverantwortlich, dass die neue Generation ans Ruder kommt. Und ja, Géraldine macht es wirklich gut.

Was halten Sie von Mann Maycol Errani, dem Mann von Géraldine Knie, der als technischer Direktor amtet?

Mit ihm habe ich nur ein Problem: Er ist Fan vom falschen Fussballverein (lacht schallend).

Von welchem?

Juventus Turin.

Welcher Fussballverein ist Ihr Favorit?

Natürlich die Young Boys – weil ich dort von Kindesbeinen an Fussball spielte. Später besuchte ich die Handelsschule in Zürich und kickte in der Juniorenmannschaft des FC Zürich. 1967 bekam ich einen Vertrag für die erste Mannschaft.

Aber ich war leider kein besonders guter Schüler und entschloss ich mich kurzerhand, die Schule zu verlassen und nach Lausanne zu reisen, wo der Circus Knie gerade gastierte. Mein Vater war hässig auf mich – aber nicht, weil ich die Schule aufgab, sondern weil ich den FCZ verlassen hatte.

Stellen Sie sich gelegentlich die Sinnfrage?

Das ist eine philosophische Frage, die ich nicht so schnell beantworten kann. Was ich sagen kann ist: Das Streben nach immer mehr ist sicher nicht der Sinn des Lebens.

Zu dieser Erkenntnis bin ich nicht zuletzt durch Karlheinz Böhm und durch die Zusammenarbeit mit seinem Hilfswerk «Menschen für Menschen» gekommen. Diese Arbeit veränderte mein Blick auf die Welt komplett. Damals wurde mir auch klar, wie unpassend der Begriff «Dritte Welt» ist. Es gibt nicht zwei oder mehrere verschiedene Welten gibt. Es gibt nur eine Welt.

Wie glücklich sind Sie im Moment?

Ich bin sehr glücklich.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Angst ist kein guter Ratgeber. Ich beschäftigte mich zudem schon früh mit dem Tod und war gemeinsam mit meinem Vater einer der ersten Mitglieder der Sterbehilfeorganisation Exit. Viele Jahre lang war ich zudem Mitglied eines Vereins, der nach meinem Ableben meine Organe wiederverwerten wollte. Ich bekam jahrelang Briefe, in denen mir mitgeteilt wurde, welche Organe von mir noch brauchbar seien.

Welche Organe sind das aktuell?

Seit meinem 65. Geburtstag wurde meine Namen aus Altersgründen aus dem Register gestrichen (lacht).

«Das Streben nach immer mehr ist sicher nicht der Sinn des Lebens»: Rolf Knie.
«Das Streben nach immer mehr ist sicher nicht der Sinn des Lebens»: Rolf Knie.
Bild: Keystone

1999 antworteten Sie in der «Schweizer Illustrierten» auf die Frage «Haben Sie Angst vor dem Tod?»: «Ich habe kein Problem, wenn ich morgen tot umfalle. Ich habe vielleicht schon mehr gelebt als andere ein ganzes Leben.»

Dazu stehe ich nach wie vor. Ich habe übrigens mein Ableben auch so geregelt, dass es nach meinem Tod zu keinen Diskussionen über das Erbe kommen kann.

Haben Sie ein Testament?

Ja.

Eine Patientenverfügung?

Ja.

Wir kommen langsam zum Schluss und damit zum Self-Rating-Test: Sie benoten Ihr eigenes Talent von null Punkten, kein Talent, bis zehn Punkte, maximales Talent: Koch?

Null Punkte (lacht). In der Küche bin ich absolut unfähig. Aber ich habe das grosse Glück, dass meine Frau eine ganz hervorragende Köchin ist.

Witze-Erzähler?

Null Punkte. Versuche ich einen Witz zu erzählen, vergesse ich spätestens in der Mitte die Pointe.

Ehemann?

Ich versuche ich jeden Tag von neuem meine Frau glücklich zu machen.

Gelingt es Ihnen auch?

Ja.

Demnach geben sich als Ehemann zehn von zehn Punkten?

Über die Höhe der Punktezahl müsste meine Frau entscheiden.

Schweizer des Jahres?

Weiter.

Wir sind fertig.

Schon? Halleluja!


Den ersten Teil des Interviews mit Rolf Knie kannst du unter diesem Link lesen.


Mehr Videos aus dem Ressort

Bötschi versucht sich als Dresseur – und hat den besten Lehrer

Bötschi versucht sich als Dresseur – und hat den besten Lehrer

Ivan Knie gibt Bruno Bötschi in der Manege vom Circus Knie Einblick in der Hohe Schule der Pferdedressur. Wie talentiert der blue News Redaktor ist und welcher Tier es ihm besonders angetan hat, erfährst du im Video.

10.04.2025