Immer diese bösen, bösen Babyboomer

Marianne Siegenthaler

30.9.2019 - 00:00

Die Generation Babyboomer soll an fast allem schuld sein. Ob den älteren Menschen demnächst auch noch das Tanzen verboten wird?
Bild: Getty Images

Erst machen sie das Klima kaputt, dann liegen sie den Jungen auf der Tasche. Das «Babyboomer-Bashing» ist voll im Trend. Leider, findet die Autorin dieser Kolumne.

Ich gehöre zur Ü-50-Generation und stelle gerade fest: Wir Babyboomer sind an allem schuld.

Statt die Umwelt zu schützen, haben wir sie praktisch ruiniert. Den Wald beinahe zum Sterben gebracht wegen dem sauren Regen. Und der war sauer wegen der Abgase. Na ja, das Waldsterben ist dann doch nicht eingetreten.

Kurz danach kam das Ozonloch als tödliche Bedrohung. Das Worldwatch Institute rechnete mit Millionen von zusätzlichen Toten. Auch das war zum Glück ein Fehlalarm.

Und jetzt kommt die nächste Katastrophe in Form von CO2. Davon hat es einfach zu viel. Beispielsweise weil wir Babyboomer zu zweit in riesigen Fünf-Zimmer-Wohnungen leben. Oder gar im Einfamilienhäusli. Und Fleisch essen, das wir mit unseren vierrädrigen Dreckschleudern irgendwo eingekauft haben.

Die letzte klassische Karrieregeneration

Aber es ist nicht nur das Klima, das wir ruinieren. Auch das Gesundheitswesen wird je länger je mehr unbezahlbar, weil wir mit unseren Zipperlein ständig zum Arzt rennen. Nun gehen wir auch noch bald in den Ruhestand – womöglich auch noch vorzeitig. Und weil wir so viele sind, aber so wenige Kinder gezeugt haben, liegen wir den Jüngeren auf der Tasche. Wegen des Generationenvertrags. Den diese nie unterschrieben haben. Wir übrigens auch nicht.

Kurz: Es ist ein Elend.

Dabei war doch der Anfang recht vielversprechend. Wir Babyboomer, also alle, die zwischen 1945 und 1964 geboren sind, gingen so richtig «ad Seck».

«Die Babyboomer sind die letzte klassische Karrieregeneration», sagt denn auch der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski. «Sie legen viel mehr Wert auf Disziplin, Pflicht und Ehrgeiz, als das bei allen nachfolgenden Generationen der Fall ist. Und sie brennen für ihre Arbeit.» Kein Wunder. Wir waren und sind immer überall viele. Und das heisst: Konkurrenzkampf.



Als ich in die Schule kam, waren da 43 andere Kinder. Es hatte aber nur 40 Stühle. Tja. Und so ging es weiter. Ob Lehrstelle oder Wohnung, Sitzplatz im Hörsaal oder Autofahrstunden – immer waren da jede Menge andere, die dasselbe wollten.

Milliarden Franken – doch wo sind die geblieben?

Das hat Auswirkungen: Viele von uns sind enorm leistungsbereit und haben teils das ganze Leben immer Vollzeit gearbeitet. Und so für den grössten wirtschaftlichen Aufschwung aller Zeiten gesorgt. Und folglich auch sehr viel Steuern, Gebühren, Sozialbeiträge und Abgaben gezahlt. Auch in die Altersversorgung. Milliarden Franken – doch wo sind die geblieben?

Ich weiss es nicht, aber mich stört es, wenn Menschen im Pensionsalter nur noch als Kostenfaktor wahrgenommen werden.

Da vergisst die jüngere Generation, dass sie auch profitiert von den älteren Leuten, die als langjährige Steuerzahler die öffentliche Hand alimentieren, die damit unter anderem Schulen und Universitäten betreibt. Und den gemeinnützigen Wohnungsbau unterstützt. Krippen und Mittagstische finanziert. Und so weiter.

Nicht zuletzt ist es ein Glück für die jüngere Menschen, dass sie nicht so viele sind wie wir. Nicht nur wegen des Klimas. Nein, auch weil sie dereinst mehr erben können.

Marianne Siegenthaler ist freie Journalistin und Buchautorin. Wenn sie grad mal nicht am Schreiben ist, verbringt sie ihre Zeit am liebsten im, am und auf dem Zürichsee.

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