«Klimaflucht» ins Berner Oberland

Caroline Fink

8.7.2019 - 00:00

Eiger, Mönch und Jungfrau leuchten hinter dem Mittelland. Bis Ende Jahrhundert werden sie wahrscheinlich, wie die ganzen Alpen auch, eisfrei sein.
Bild: Caroline Fink

Die Zürcher Wohnung ist im Sommer kaum bewohnbar, und in 80 Jahren werden die Schweizer Alpen mit grösster Wahrscheinlichkeit eisfrei sein – wir müssen verstehen, dass die Uhr auf fünf nach zwölf steht.

Ich gehöre zu einer privilegierten Gruppe von Menschen: Jenen, die in einer Altbauwohnung in Zürich leben. Parkettböden, ruhig gelegen, hübscher Innenhof, oberste Etage direkt unter dem Estrich. Das war lange Zeit einfach nur grossartig.

Bis vor einigen Jahren die ersten Hitzwellen anrollten.

Gute 35 Grad in der Wohnung tags und nachts – da lässt es sich weder arbeiten noch schlafen. Zumindest nicht für jemanden wie mich, die den Winter dem Sommer vorzieht.

Und so erinnerte ich mich irgendwann an ein Konzept aus heissen Ländern: Datschas, Häuser am Meer, Villen in grünen Hügeln – Sommerfrische für Flachländer, die vor der Hitze fliehen.

Ein Vorgeschmack auf eisfreie Alpen: Gletscherschmelzbäche im Saastal.
Bild: Carolin Fink

Diesen Sommer packe auch ich erstmals meine sieben Sachen und quartiere mich für mehrere Tage im Ferienhäuschen im Berner Oberland ein, das – ein weiteres Privileg – in Familienbesitz ist.

Dort öffne ich das Fenster und lasse morgens kühle Luft in die Stube hinein, draussen plätschert der Brunnen, und eine Amsel zwitschert in der Tanne. Derweil höre ich in den Nachrichten, dass in Zürich der Teer schmilzt und die Gleise der SBB sich vor Hitze biegen.

Jeder weiss, die Seuche steht vor der Tür

Blicke ich vom Arbeitstisch auf, sehe ich den Gipfel der Jungfrau, das weiss gleissende Silberhorn und den Giessengletscher, der wie ein gewaltiger Wasserfall aus Eis über die Nordflanke des Berges talwärts fliesst. Und während Zürich zum Hexenkessel wird, kann ich mir im Berner Oberland vorgaukeln, der Sommer sei schön und die Welt in Ordnung.

Doch als ich ein weiteres Mal zur Jungfrau blicke, fällt mir ein Songtext des US-amerikanischen Barden Leonard Cohen ein. Der Titel: «Everybody knows»  – jeder weiss es.  Jeder weiss, dass die Seuche vor der Tür steht, und jeder weiss, die Zeit wird knapp. «Everybody knows, that the plague is coming, everybody knows that it's moving fast.»

An kaum einem Ort der Schweiz werden die Klimaveränderungen so gravierend sein wie im Hochgebirge. Werden Gletscher verschwinden, Permafrost schmelzen, Steinschläge drohen und Seen entstehen, die mit ihren Flutwellen dereinst ganze Täler ausradieren könnten. In 80 Jahren werden die Alpen mit grösster Wahrscheinlichkeit eisfrei sein, die Jungfrau eine düstere Flanke aus Fels und Geröll.

Ein weiterer Vorgeschmack auf eisfreie Alpen: nichts als Geröll - ebenfalls im Saastal.
Bild: Caroline Fink

Doch es fällt schwer, das Unverstellbare zu denken. Noch viel schwerer, wenn es in der Zukunft spielt. Und so mache ich mir noch einen Kaffee, setze mich auf die Terrasse, blicke zu den Gletschern hoch und lausche dem Glockengebimmel der Schafe auf der Wiese nebenan.

Allein die Tatsache, dass meine Wohnung seit wenigen Jahren im Sommer teils unbewohnbar ist, lässt mich ahnen: Die Uhr steht auf fünf nach zwölf. «Everybody knows.» Also auch ich.

Zur Autorin: Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

«Kolumne»: Ihre Meinung ist gefragt

In der Rubrik «Kolumne» schreiben Redaktorinnen und Redaktoren von «Bluewin» regelmässig über Themen, die sie bewegen. Leserinnen und Leser, die Inputs haben oder Themenvorschläge einreichen möchten, schreiben bitte eine Mail an: redaktion2@swisscom.com

Bilder des Tages
Zurück zur Startseite