Auswanderer-Kolumne«Krass, jetzt wohne ich tatsächlich in Portugal»
Bruno Bötschi
2.3.2025
Michelle und Renato de Oliveira sind mit ihren zwei Kindern vor drei Jahren nach Santa Cruz, Portugal ausgewandert.
Bild:Privat
Im Februar 2022 ist die Kolumnistin mit ihrer Familie nach Portugal ausgewandert. Nun, drei Jahre später, hält sie Rückschau, betrachtet die Gegenwart und wagt sogar einen Blick in die Zukunft.
Michelle de Oliveira
02.03.2025, 07:11
02.03.2025, 16:48
Bruno Bötschi
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Vor drei Jahren ist blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira gemeinsam mit ihrem Mann und den beiden Kindern nach Portugal ausgewandert.
Heute hält sie in ihrer Kolumne Rückschau, betrachtet die Gegenwart – und wagt auch einen Blick in die Zukunft.
«Nach vielen Jahren hat man es plötzlich gesehen, genug vom Leben hier, die Sehnsucht nach der Schweiz grösser denn je und die Entscheidung für eine Rückkehr wird gefällt», so de Oliveira.
Zu Beginn unseres Lebens in Portugal passierte es fast täglich, irgendwann nur noch wöchentlich und mittlerweile selten. Dass ich mitten in einer Bewegung innehalte und denke:
Krass, jetzt wohne ich tatsächlich in Portugal.
Das Leben hier fühlt sich nach drei Jahren normaler und logischer an, und häufiger kommt jetzt der Gedanke: Ja, klar wohne ich in Portugal.
Schon oder erst drei Jahre?
In diesem Punkt wird mir die Relativität der Zeit bewusst. Wir fühlen uns hier so zu Hause, dass es manchmal schwer vorstellbar ist, dass wir nicht schon immer hier gelebt haben.
Zur Person: Michelle de Oliveira
Bild: Privat
Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogini, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren, aber auch aus ihrem ganz realen Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Portugal.
Die Kinder wurden hier eingeschult. Mein Mann hat in Santa Cruz sein Kleidergeschäft eröffnet. Und ich erledige meine Arbeit wie vorher – einfach von hier aus. Ganz normaler Alltag eben.
Doch es gibt auch Momente, in denen ich mich an die Unsicherheit von vor drei Jahren erinnere: An die Angst, mit der Auswanderung eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.
An das radikale Ausmisten und das trotzdem endlose Kistenpacken. Die schmerzhaften Verabschiedungen. Und den Flug von Zürich nach Lissabon ohne Rückflugticket.
Das fühlt sich noch so nahe an, dass ich denke: Was, das ist schon drei Jahre her?
Schweizer Pünktlichkeit versus portugiesischer Lifestyle
Apropos Zeit: Ich gehörte schon in der Schweiz zu den ganz pünktlichen Menschen. Lieber zehn Minuten zu früh als drei Minuten zu spät. Hier gilt aber auch eine Verspätung von einer halben Stunde noch als pünktlich.
Damit ich also nicht dauernd und überall warte, muss ich mir extra viel Mühe geben und ebenfalls zu spät kommen – oder eben portugiesisch pünktlich.
So wie kürzlich an einer Kindergeburtstagsparty: Diese startete um 15.30 Uhr. Um diese Zeit wäre sie in der Schweiz schon fast wieder vorbei. Obwohl ich meine Kinder kaum im Zaum halten konnte, gelang es uns, erst um vier Uhr dort zu sein.
Doch Überraschung: Wir waren die ersten Gäste. Um vier Uhr nachmittags! Als wir um 18 Uhr noch immer nicht «Happy Birthday» gesungen und Kuchen gegessen hatten, wurde ich unruhig.
Die Gastgeberin versicherte mir, wir würden nur noch auf die letzten Gäste warten. Um 19 Uhr gab es Kuchen und damit auch gleich den Znacht für meine Kinder.
Ein neues Familienmitglied
Unsere Familie in diesen drei Jahren um ein Familienmitglied gewachsen, eines mit vier Pfoten. Phoebe ist aus dem Tierheim zu uns gekommen und wir könnten uns ein Leben ohne sie kaum noch vorstellen. Ich habe mir immer einen Hund gewünscht und hier passte endlich einer in unser Leben.
Phoebe liebt lange Spaziergänge am Meer und im Wald genauso wie ich. Und mindestens genauso gerne büxt sie aus und erkundet die endlose Natur auf eigene Faust – weil sie natürlich ohne mich viel schneller unterwegs ist.
Das nervt zwar, sorgt aber auch immer wieder für unerwartete Abenteuer.
«Que bom, a senhora fala portugês!»
Diesen Satz höre ich immer mal wieder, weil die Leute überrascht sind, dass ich Portugiesisch spreche. Und ich freue mich jedes Mal darüber. Mittlerweile kann ich mich gut verständigen, wenn auch fern von Perfektion.
Denn mit der Grammatik holpert es noch immer, weil ich schlicht nicht die Disziplin aufbringe, mich hinzusetzen und mir die Theorie in den Kopf zu zwängen. Ich lerne einfach weiterhin im Alltag.
Etwa auf Portugiesisch zu streiten – zum Beispiel mit dem Nachbar, dessen Hund unseren Hund gebissen hat und das seiner Meinung nach meine Schuld ist. Aber das ist Stoff für eine andere Kolumne. Viel wichtiger: Angeblich kann ich akzentfrei fluchen – was kann ich mehr wollen?
Ferienland Schweiz
Neulich wurde mir bewusst: Unsere Tochter hat mit ihren fünf Jahren mehr als die Hälfte ihres Lebens in Portugal verbracht. Sie war zwei, als wir umgezogen sind und hat nur noch wenige Erinnerungen an das Leben in der Schweiz.
Sie kennt das Land vor allem aus den Ferien. Lustigerweise ist sie aber die Einzige von uns, die regelmässig behauptet, sie würde lieber in der Schweiz leben. Was mich zum nächsten Punkt bringt.
Rückkehr geplant?
Das werde ich oft gefragt. «Kommt ihr wieder zurück?» Meine Antwort ist immer die gleiche: «Wir schliessen es nicht aus, aber im Moment gibt es keine Pläne.» Ich habe den Eindruck, dass die kritische Anfangsphase hinter uns liegt.
Wäre uns hier nicht wohl, wüssten wir das inzwischen, funktionierte das Leben ganz und gar nicht, sowieso. Möglicherweise wird eine Rückkehr umso unwahrscheinlicher, je länger man weg ist.
Vielleicht ist es aber auch genau umgekehrt: Nach vielen Jahren hat man es plötzlich gesehen, genug vom Leben hier, die Sehnsucht nach der Schweiz grösser denn je und die Entscheidung für eine Rückkehr wird gefällt.
Ich finde es schön und aufregend, nicht zu wissen, wie es ausgehen wird. Vielleicht ja auch ganz anders und wir ziehen nach Madagaskar?
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