Liebe Nani – der berührende Brief einer Enkelin an ihre Grossmutter

Christina Caprez

8.12.2019 - 10:00

Pfarrerin Greti Caprez-Roffler 1966, an der Spitze einer Hochzeitsgesellschaft im Bündner Bergdorf Nufenen.
Bild: Nachlass Greti Caprez-Roffler

1931 wurde die Bündnerin Greti Caprez-Roffler als erste Frau in der Schweiz in ein Pfarramt gewählt. Damals eine europaweite Sensation. Über 80 Jahre danach macht sich ihre Enkelin, die Journalistin Christina Caprez, auf die Spuren der Frau, die sie nur als Nani kannte. Ein Brief an die verstorbene Grossmutter.

Am 13. September 1931 tut das Bündner Bergdorf Furna etwas, was zuvor noch keine Gemeinde der Schweiz gewagt hat: Es wählt eine Frau zur Pfarrerin. Ein Skandal, der bis nach Deutschland Schlagzeilen macht.

Greti Caprez-Roffler ist 25 Jahre alt, frisch gebackene Theologin und Mutter. Sie zieht mit ihrem Baby ins Bergdorf, ihr Mann bleibt als Ingenieur in Zürich. Die Behörden konfiszieren das Kirchgemeindevermögen, doch die Pfarrerin arbeitet weiter, für «Gottes Lohn».

Nach dem Tod der Grossmutter macht sich die Enkelin Christina Caprez auf die Spuren der ersten Schweizer Gemeindepfarrerin. Das Buch «Die illegale Pfarrerin» ist eine aussergewöhnliche Emanzipationsgeschichte.

Für «Bluewin» hat Christina Caprez einen Brief an ihre Grossmutter geschrieben. Sie zeichnet darin deren Leben nach und fragt sich gleichzeitig, wie viel von Nani Greti und ihrem Streben nach Emanzipation in ihr selber steckt.

Liebe Nani

Seit Langem habe ich dich nicht mehr so genannt. Nani und Neni, wie es im Prättigau üblich ist. Nani warst du für mich, als ich ein Kind war und dich in Furna besuchte, in dem 200-Seelendorf auf 1'400 Meter über Meer, damals in den 1980er Jahren. Einige Male verbrachten meine Schwester und ich Ferien bei euch. Damals als Kind warst du für mich einfach meine strenge Grossmutter mit den eulenhaften Augen und dem grau melierten, zu einem Knoten gebundenen Haar. Jeden Abend befreitest du die langen Strähnen, nahmst die Bürste und zähltest hundert Striche ab. Ich sass neben dir und sah fasziniert zu.

Dass du die erste Frau in der Schweiz warst, die ein eigenes Gemeindepfarramt innehatte, in ebendiesem Furna, 50 Jahre zuvor, das wusste ich damals nicht. Dass deine Wahl Schlagzeilen bis nach Deutschland machen würde, dass du später das Amt im Jobsharing mit deinem Ehekameraden, wie du Neni nanntest, ausüben würdest, dass du meinem Vater schon im Alter von sechs Jahren das Stricken beibringen und so den Grundstein für meinen eigenen Feminismus legen würdest – von all dem hatte ich keine Ahnung.

Erst Jahre später fand ich im Haus in Furna den Schatz, den du hinterlassen hast. Möglicherweise sortiertest du just an jenen Abenden, als ich oben im Dachzimmer im Bett schlief, unten in der Stube deine Briefe, Tagebücher und Fotos. Schliesslich stand der Umzug ins Altersheim bevor. Du legtest alles fein säuberlich geordnet im Estrich des Furner Hauses in eine Kommode und notiertest auf einen Zettel: Für eine evt. Theologin unter meinen Enkelinnen und Enkeln. Theologin bin ich zwar nicht. Aber als ich Jahre nach deinem Tod deinen Nachlass sichtete, nahm ich deine Notiz als Gruss an mich.

Greti Caprez-Roffler, Chur, 17. August 1946.
Bild: Nachlass Greti Caprez-Roffler

Auch du hast als Kind deine Ferien in jenem Walser Holzhaus auf dem Furner Boden bei den Grosseltern verbracht. Sie hatten Kühe, Schweine, Hühner und einen Gemüsegarten. Furna war dein Sehnsuchtsort, den du manchmal auch idealisiert hast. Dein Vater, Joos Roffler, war in dem Bergdorf aufgewachsen. Weil er dem Lehrer und dem Pfarrer durch seine Intelligenz auffiel, durfte er in Chur auf die Kantonsschule, studierte Theologie und wurde später selber Pfarrer in Igis.  Der stattliche, zum Cholerischen neigende Mann sah dich schon früh als seine Nachfolgerin. Du wehrtest dich zuerst – ein Mädchen geht doch nicht auf die Kantonsschule! – doch er setzte sich durch.

Im Lauf der letzten fünf Jahre, während ich mich mit deiner Geschichte beschäftigte, habe ich oft Zwiegespräch mit dir geführt. Was hätte ich darum gegeben, dir Fragen stellen zu können. Etwa: Woher hattest du schon als Jugendliche den Wunsch zu lieben und eine Familie gründen – und gleichzeitig deiner Berufung nachzugehen? Das war für die meisten Frauen zu deiner Zeit undenkbar, besonders für Theologinnen. Die Debatten um die Zulassung der Frau zum Pfarramt drehten sich immer nur um ledige Frauen. Schon zu Beginn des Studiums in Zürich lerntest du meinen Grossvater kennen, Gian Caprez aus Pontresina, an einem Anlass, bei dem sich die heimwehkranken Studierenden aus dem Bergkanton trafen: dem Bündnerball im Kaufleuten. Du ahntest schon damals, dass er deine grosse Liebe werden würde. Als er ein Jahr vor dir die ETH mit dem Ingenieursdiplom verliess und eine Stelle am Polytechnikum in São Paulo angeboten bekam, habt ihr geheiratet. Du hast deine Theologiebücher fürs Schlussexamen eingepackt und bist mit ihm über den Ozean gereist.

Mir blieb der Atem weg, als ich den Brief las, den du im Dezember 1929, wenige Wochen nach der Ankunft in Brasilien, deiner Mutter schicktest. Du hattest einen klaren Plan: Anfang Mai Zeugung (es wird dann schon grad gehen, wie wir wollen!), Anfang Oktober Reise, Ende Oktober Examen. Dann würde ich November, Dezember und Januar bei Euch sein und bei Dir mein Kind bekommen. Deine Mutter lachte dich nur aus: Ein Kind könne man doch nicht so planen! Und ausserdem fände es der Vater keine gute Idee, schwanger vor die Professoren zu treten. Doch du bliebst dabei: Dass eine schwangere Frau doch nicht ein Examen machen könne, ästhetisch oder sittlich oder weiss ich was nicht, rührt mich gar nicht. Das geht die Professoren dann nichts an, ob ich als schwangere Frau Examen machen will oder nicht. (...) Das ist noch nie da gewesen. Es würde mich aber schrecklich reizen. Die Frau «mit ihrem hohen, hehren Mutterberuf» macht just während der Schwangerschaft Schlussexamen. Welche Schändung «der göttlichen Schöpfungsordnung».

Greti Caprez-Roffler und Ehemann Gian 1929 in den Strassen von São Paulo.
Bild: Greti Caprez-Roffler

Wider jede Wahrscheinlichkeit ging dein Plan auf. Im September 1930 bist du allein, mit dem Kind im Bauch, über den Ozean gefahren und hast wenige Tage nach der Ankunft in Zürich deine Prüfungen abgelegt. Im Archiv der Universität stiess ich auf dein schriftliches Examen in Ethik bei Professor Emil Brunner. Thema: Die modernen Eheprobleme und christliche Ethik. Darin stelltest du zwei Grundfeste des traditionellen Eheverständnisses infrage: die Monogamie und die Rollenteilung zwischen Mann und Frau. Es gibt keine Sicherung dagegen, dass ein zweiter Mensch unserem Herzen ebenso lieb sein wird. Es gibt nur eines: einander die Freiheit zu lassen und es miteinander zu tragen und erleben. Ein Plädoyer für die Polyamorie – verbunden mit einer Fundamentalkritik der Rollen von Hausfrau und Alleinernährer. Dass der Vater seine Kinder oft überhaupt nicht kennt, weil er nur während der beiden Mahlzeiten mit ihnen zusammen ist, die Mutter – und vor allem unsere Schweizer und deutschen Mütter – vor lauter Flickkorb und Küche nichts anderes mehr sehen, dies bedeutet eine ungeheure Verarmung der Familie. Wenn unsere Zeit für die Frau Freiheit zum Beruf fordert, so ist dies nur die eine Seite, wenn auch eine ungeheuer wichtige, die andere ist: mehr Zeit dem Vater für seine Familie.

Was Professor Brunner wohl gedacht haben mag, als er deine kühnen Thesen las? Dazu habe ich im Archiv nichts gefunden und auch in deinen Tagebüchern und Briefen nicht. Hingegen stiess ich auf ein Erlebnis, das dich in jenen Prüfungstagen erschütterte: #MeToo anno 1930. Ein anderer Theologieprofessor, Ludwig Köhler, damals Rektor an der Universität, versuchte dich im Rektoratsbüro zu küssen. Du wehrtest ab, doch er insistierte und lud dich zu sich nach Hause ein, er sei allein, Frau und Töchter seien fort. Es gab für mich aber keine Möglichkeit zur Illusion, ich musste wissen, dass er viel mehr als nur einen Kuss wollte. Und ich ging nicht. Es gelang mir, dies alles und die Erregung darüber, die Angst vor ihm hinauszuschieben, auszulöschen, wenn auch mit Gewalt. Vor der mündlichen Prüfung bei einem Kollegen passte er dich auf dem Gang ab und wiederholte seine Einladung. Du kamst ihr nach, wolltest erklären, dass du nicht interessiert seist. Doch dazu kam es nicht. Kaum standen wir in seinem Zimmer, riss er mich an sich und es wäre wie ein Sturmwind über mich dahingebraust, wenn ich ihm nicht gewehrt. «Gib mir deinen Mund», bat er zweimal, und er nahm ihn sich. Ich riss mich los, und im selben Augenblick sprach er von etwas anderem, mir die Türe zur Aussprache verschliessend.



Drei Monate später, Ende Januar 1931, brachtest du bei deinen Eltern im Pfarrhaus von Igis das Kind zur Welt. Dein Mann, mein Grossvater, kam erst im März aus São Paulo zu euch. Doch das Glück als junge Familie war überschattet von deiner Verzweiflung darüber, nicht arbeiten zu können. Noch hatte kein Kanton das Pfarramt für Frauen geöffnet. Die wenigen Theologinnen arbeiteten als Pfarrhelferinnen neben einem männlichen Pfarrer. Im Sommer 1931 lehnte der Bündner Kirchenrat deine Bitte, wenigstens aushilfsweise predigen zu dürfen, ab. Ich habe es zuvor vielleicht geahnt, aber noch nie mit so grausamer Deutlichkeit gewusst, erfahren müssen: dass es eine Schande ist ein Weib zu sein, schriebst du daraufhin in dein Tagebuch.

Hier hätte deine Geschichte enden können wie die vieler Akademikerinnen deiner Generation – wenn nicht genau in jenem Sommer 1931 in Furna der Pfarrer gekündigt hätte. Schon mehrere Pfarrer hatten das Dorf verlassen, weil es ihnen zu abgelegen war. Ohne Strom und ohne Verkehrsverbindung ins Tal hatte die Gemeinde schlechte Karten, noch dazu in Zeiten des Pfarrermangels. Es war deine Mutter, die die unerhörte Idee hatte und dem Kirchgemeindevorstand einen Brief schrieb mit der Frage, wie sich Furna zur Wahl einer Pfarrerin stellen würde. Und tatsächlich: Am 13. September 1931 wählten dich die Furnerinnen und Furner – Frauen hatten in der Evangelisch-reformierten Landeskirche Graubündens seit 1918 das Stimmrecht – einstimmig zu ihrer Pfarrerin, mit den gleichen Rechten und Pflichten wie ein Pfarrer. Ich habe es so plötzlich gewusst, dass ich dies versuchen müsse, hieltest du rückblickend fest. Und doch hoffte ich heimlich, weder der Gemeindevorstand noch die Gemeinde selber werden so etwas Gewagtes unternehmen. Denn ich fürchtete mich noch immer und nicht minder vor dem Amt.

Am 3. Oktober zogst du mit dem kleinen Kind und einer Haushälterin ins Pfarrhaus, dein Mann blieb bei seiner Arbeit in Pontresina. Das war ein Skandal, der bis nach Deutschland Schlagzeilen machte. Schliesslich wagtest du es als erste Frau in der Schweiz, alleinverantwortlich ein Gemeindepfarramt zu übernehmen, und das ohne die Erlaubnis des Kirchenrats. Ausserdem warf man dir vor, du vernachlässigest Mann und Kind. Für ein solches Vorbild, eine solche Missgestalt einer Familie im Pfarrhaus, würden gesund denkende Gemeinden sich bedanken, wetterte dein Erzfeind, Jakob Rudolf Truog, der Pfarrer von Jenaz. Furna hielt trotz allem zu dir. Als die Landeskirche drohte, das Kirchgemeindevermögen zu konfiszieren, schickte der Kassier seine Tochter mit einem Jahreslohn ins Pfarrhaus. Wenige Tage später machte der Kanton seine Drohung wahr und sperrte die Konten der Kirchgemeinde Furna.

Greti Caprez-Roffler in Sao Paulo, Sommer 1933.
Bild: Nachlass Greti Caprez-Roffler

Wie du dich damals gefühlt haben magst, kann ich heute nur erahnen. Zwar kamst du in der Gemeinde gut an, ja, sogar die Männer gingen wieder häufiger zur Predigt. Zeitzeugen haben mir von deinem Charisma erzählt, das dir half, auch unerhörte Ideen durchzusetzen. So führtest du Skihosen für Mädchen ein und sprachst mit Müttern offen über Verhütung. Aber abends in der Pfarrhausstube befielen dich manchmal Zweifel. Liebes, kleines Brüderlein, wohin wird mich das noch führen? schriebst du meinem Grossvater, der nur jedes zweite Wochenende nach Furna kommen konnte. Ich habe Angst. Werde ich mir eines Tages die Flügel an der Sonne verbrennen?

Drei Jahre nach der Wahl in Furna gabst du dein Amt auf. Zwar hatte sich die Landeskirche mit deinem ungesetzlichen Wirken arrangiert – nach der Konfiszierung hatte sie keine Sanktionsmöglichkeiten mehr. Du aber warst zermürbt von der Trennung von deinem Ehekameraden. Vor allem aber tat sich Ende 1933 eine neue Perspektive auf: Gian entschloss sich, den Ingenieursberuf an den Nagel zu hängen und, inspiriert durch dich, Theologie zu studieren. So werden wir auch hier Gefährten sein, notiertest du in dein Tagebuch und zogst zu ihm nach Zürich. Im Sommer 1941 geschah das Unerwartete: Dieselbe Behörde, die Furna das Kirchenvermögen beschlagnahmt hatte, bot euch nun eine Stelle an. Ihr wurdet Seelsorger an der neu geschaffenen Stelle an den kantonalen Gefängnissen, Spitälern und psychiatrischen Anstalten.

Jene Jahre in Chur gehörten zu den glücklichsten deines Lebens. Du lebstest mit deinem Eheliebsten und den mittlerweile fünf Kindern in einem Einfamilienhaus in Chur, und arbeitetest mit dem Segen der Landeskirche als Seelsorgerin. Doch das Glück währte nicht lang. Es kam alles zusammen: Die Haushälterin kündigte, dein Vater starb, ein Kind brach sich das Bein, die andern erkrankten an Masern und Lungenentzündung. Schliesslich entdecktest du, dass du wieder schwanger warst, mit fast 40. Es war dein sechstes Kind – mein Vater. Du nahmst es als göttliches Zeichen. Nun aber wurde es endgültig: Eine Rückkehr ins Amt ist unmöglich, ich habe nun meinen Platz allein bei Gianin und unsern sechs Kindern. Und vielleicht ist das das Schwerere. Den ganzen Tag Kinderlärm und Streit und Rufen und immer wieder das Bewusstsein, zu wenig Geduld zu haben.



Du wurdest Hausfrau und Mutter, zwei Jahrzehnte lang. Du schöpftest kurzzeitig Hoffnung, als dein Mann eine Stelle als Gemeindepfarrer in Kilchberg am Zürichsee fand: Dort würdest du vielleicht wieder predigen können, auch ohne selber gewählt zu sein. Ja, ich vermute sogar, dass mein Grossvater auch darum Pfarrer wurde, um dir die Mitarbeit in einer Gemeinde, in der er offiziell gewählt wäre, zu ermöglichen. Du wusstest ja, dass nach dem Skandal von Furna kaum eine Gemeinde den Mut haben würde, dich als Pfarrerin zu wählen. Doch die Hoffnung zerschlug sich bald: Eduard Schweingruber, der eifersüchtige zweite Pfarrer in Kilchberg, ein Mann mit aufbrausendem Temperament und grossem Einfluss in der Kirchenpflege, verhinderte jegliche Mitarbeit. Im Tagebuch schriebst du dir den Frust von der Seele. Ich hätte nie gedacht, dass es für mich so schwer werden könnte, einem brennenden Feuer gleich, nicht predigen zu dürfen. Ich litt beim Lesen mit dir. Doch die Art, wie du mit dem Predigtverbot umgingst, befremdete mich. Ich habe immer mehr gesehen, wie sehr mein Geliebter meiner bedarf, auch in der Arbeit, in der gemeinsamen Vorbereitung. Fast in jedem Gottesdienst, den er gehalten, waren wir beide da, sei es in der Predigt, sei es, dass ich ein Gebet oder die Taufliturgie verfasst. (...) Und das Merkwürdige geschah, dass ich darob immer glücklicher wurde. Ich dachte schon, dass wir nun so eins geworden, dass Gottes Wille uns so sehe: gemeinsam in der Vorbereitung, aber unser gemeinsames Werk von ihm nach aussen getragen.

Vollends perplex sass ich schliesslich vor einem Artikel, den du 1957 zum Thema Haushalten und Wohnen schriebst. Darin hast du die modernen Haushaltsgeräte begrüsst, doch anstatt dafür zu plädieren, dass Frauen die gewonnene Zeit nun für Erwerbsarbeit nutzen, sahst du die Frau umso mehr daheim am Herd. Es dünkt mich, die Linie unserer Töchter sollte mehr und mehr zu einer klaren Entscheidung führen: Hausfrauenberuf oder ausserhäuslicher Beruf, d.h. im Grunde Ehe oder Beruf. Paukenschlag! Wo war die Greti geblieben, die alles wollte und allen bewies, dass es auch möglich war, es zu haben? Wo die streitlustige Feministin, die 1931 den Mann und Vater mehr zurück in die Familie holen wollte? War es der Zeitgeist der 1950er Jahre, der dir die jugendlichen Visionen ausgetrieben hatte? Oder war es vielmehr die Erfahrung, jahrelang gegen Windmühlen gekämpft zu haben? Dich aufgerieben zu haben an der täglichen Aufräum-, Koch- und Putzarbeit eines grossen Haushalts mit sechs Kindern, an der Erziehungsverantwortung, die du allein trugst – um an jedem neuen Wohnort wieder derselben alten patriarchalen Macht gegenüberzustehen, in der Figur von Kirchenvorständen, Professoren oder Pfarrherren? Wie gern hätte ich dir diese Fragen gestellt.

Frauen auf der Kanzel – das war bis 1965 in der Bündner Kirche eigentlich verboten. Dennoch wählte das Bergdorf Furna die Theologin Greti Caprez-Roffler bereits 1931 zur ersten Schweizer Pfarrerin. Ihre Enkelin Christina Caprez machte sich auf die Spurensuche und deckte dabei ein spannendes Stück Gender-Geschichte auf.
Bild: zVg

Erst 1966, als alle sechs Kinder ausgeflogen waren, tat sich noch einmal ein Fenster auf: Ihr erhieltet das Angebot, die fünf Kirchgemeinden des Rheinwald zwischen Splügen und Hinterrhein zu übernehmen. Zurück in Graubünden, in einem Walsertal gemeinsam mit deinem Mann als Seelsorgerin zu arbeiten – endlich wurde dein Traum wahr. Zuvor noch, am 17. November 1963, erhieltst du die kirchliche Weihe – im Alter von 57 Jahren. Zusammen mit elf weiteren Theologinnen wurdest du im Zürcher Grossmünster ordiniert. Als Pensionierte seid ihr, Gian und du, 1970 nach Furna zurückgekehrt. Hier schloss sich der Kreis: Wieder war das Dorf ohne Pfarrer, und ihr seid für zwei Jahre eingesprungen.

Dein Wunsch nach einem vollen Leben hat dich bis zum Tod begleitet. In der Frage, wie Berufung, Liebe, Sexualität und Familie lebbar sind, unabhängig von gesellschaftlichen Normen, fühle ich mich dir nah. Liebe Nani, ich habe den Ball aufgenommen, den du uns Enkelinnen und Enkeln mit deiner Notiz zugespielt hast. In meinem Buch lasse ich auch kritische Stimmen zu Wort kommen – etwa deine heute über 70-jährigen Kinder, die mit deiner autoritären Art teils noch heute hadern. Ob du dennoch stolz auf mich wärst? Ich werde es nie wissen.

Was ich weiss: dass du ohne deine strenge Art, die keinen Widerspruch zuliess, die vielen Kämpfe wohl nicht durchgestanden hättest. Und dass die Niederlagen, die du immer wieder erlitten hast, sicher eher zu einer Verhärtung deines Charakters beitrugen. Wer von aussen permanent gesagt bekommt, dass sie nicht richtig liegt, verlässt sich entweder nur noch auf sich selber oder beginnt sich zu hinterfragen. Dass du zum Ersten tendiertest, ist auch ein Glück für den Kampf um das Pfarramt für Frauen. Oder in den Worten einer Zeitzeugin: Sie war dominant. Wenn sie das nicht gewesen wäre, wäre sie wohl nicht Pfarrerin geworden. Eine andere hätte längst aufgegeben.

Ich grüsse dich, wo auch immer du jetzt sein magst.

Deine Enkelin Christina

Bibliografie: Die illegale Pfarrerin, Christina Caprez, Limmat Verlag. 329 Seiten, 39.90 Fr.

Film «Die illegale Pfarrerin»: SRF1, Sternstunde Religion, Sonntag, 10:30 Uhr, 15. Dezember 2019

Hörausstellung: Reformierte Kirche, Splügen, noch bis zum 12. Januar 2020 täglich von 9 bis 20 Uhr, alle weiteren Termine unter www.dieillegalepfarrerin.ch

Der Brief von Christina Caprez an Ihre Grossmutter erschien zuerst im Magazin «Bref».

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