«Manchmal komme ich mir vor wie in einem Zombie-Film»

Aufgezeichnet von Anna Kappeler

6.4.2020 - 06:52

«Steuerrad und Hände zweimal desinfizieren – sicher ist sicher», sagt der Bus-Chauffeur Fritz Haenni.
Bild: zvg

Das Coronavirus zwingt allen einen neuen Alltag auf. Doch wie fühlt es sich an, dieses neue Leben? «Bluewin» lässt in einer Serie eine Woche lang jeden Tag jemanden davon erzählen. Als Erstes: ein Bus-Chauffeur.

«Ich arbeite 100 Prozent als Bus-Chauffeur in Fribourg bei den Freiburgischen Verkehrsbetrieben TPF. Wie das ist? Nein, angenehm ist die Arbeit nicht während dieser Sch…-Krise. Doch zum Glück bin ich durch meinen Job gezwungen, das Haus zu verlassen und unter Leute zu kommen. Ich bin ein Geselliger.

Das darf jetzt nicht missverstanden werden: Die Weisung des Bundesrats, dass alle, die können, zu Hause bleiben sollen, ist absolut richtig.

Speziell sind insbesondere die Nacht-Schichten. Manchmal spät am Abend, wenn ich durch die leergefegte Stadt Fribourg fahre, komme ich mir vor wie in einem Zombie-Film. Das ist echt krass.

Zur Person

Fritz Haenni ist Bus-Chauffeur in Fribourg bei den Transports publics fribourgeois TPF. Zudem ist der 57-Jährige Präsident der Gewerkschaft des Verkehrspersonals für die TPF.

Ich bin froh, dass im Bus die erste Türe zu und die erste Sitzreihe hinter mir leer bleibt. Dank der zusätzlichen Absperrungen mit Bändern ist es noch nie zu einem Zwischenfall mit Kunden gekommen, die den Abstand nicht einhalten würden. Auch Billette verkaufe ich im Bus keine mehr. Dafür öffne ich an jeder Haltestelle alle hinteren Türen. Diese Sicherheitsmassnahmen reichen für mich. Es hat ohnehin nur noch fünf bis zehn Leute im Bus.

Zweimal desinfizieren – sicher ist sicher

Vor jedem Fahrerwechsel wird der gesamte Chauffeur-Bereich desinfiziert, wenn der Bus den Bahnhof oder die grossen Depots anfährt. Das ist gut. Aber ich desinfiziere trotzdem jedes Mal vor Schichtbeginn das Steuerrad und meine Hände noch einmal. Sicher ist sicher.

Schon huere schwierig finde ich dagegen das Abstandhalten zu den Kollegen in der Kaffee-Pause. Da muss man sich selber an der Nase nehmen. Mein desinfiziertes Steuerrad nützt nichts, wenn ich zuvor wie alle anderen die Kaffeemaschine angefasst habe oder zu nahe beim Kollegen gesessen bin.

Fahrer der Risiko-Gruppen arbeiten nicht mehr

Längst bleiben alle Fahrer der Risikogruppe zu Hause. Dazu gehören etwa Leute mit Diabetes, Bluthochdruck oder einer Krebs-Erkrankung. Zum Glück wird ihnen der Lohn zu 100 Prozent weiterbezahlt.

Herrscht also Fahrer-Mangel? Nein, momentan ist es noch nicht dramatisch. Nur manchmal müssen Fahrer, die freihaben, einspringen. Das geht deshalb, weil alle Busse auch unter der Woche nur noch im sogenannten «Samstags plus»-Takt fahren, also deutlich weniger. 

Deutlich mehr Büez als normal

Und doch: Das Busfahren ist aktuell fast wie ein Hobby. Neben meinem Job als Chauffeur bin ich nämlich auch Gewerkschaftspräsident des Verkehrspersonals SEV Sektion TPF. Als Gewerkschaftler ist es unglaublich streng – da habe ich deutlich mehr Büez als normal.

«Viele haben Angst. Nicht einmal primär wegen des Coronavirus, sondern um ihre Existenz.»

Warum? Ja, weil ich die erste Anlaufstelle der Fahrer bei allen Fragen bin. Viele haben Angst. Nicht einmal primär wegen des Coronavirus, sondern um ihre Existenz. Gerade die Teilzeitler oder die Aushilfsfahrer fürchten einen Jobverlust. Sie zählen auf das Geld, ohne wird es schnell prekär.

Manchmal einfach abschalten

Auch daheim ist das Coronavirus ein Thema – gezwungenermassen. Meine Freundin hat einen Coiffeur-Salon mit sieben Angestellten. Ihr Salon ist auf die Soforthilfe des Bundes angewiesen, ohne hätte sie ihn nicht halten und den Angestellten keinen Lohn zahlen können. Dank der neuen Massnahmen hat sich also auch die private Situation sehr entspannt.

Ich informiere mich ständig über die neuesten Entwicklungen zum Virus. Aber manchmal muss ich auch einfach abschalten. Sonst wird es ungesund.»


Serie zum Thema «Leben mit dem Virus»

Wie tickt die Schweiz in Zeiten von Corona? Eine Woche lang lässt «Bluewin» in einer Artikelserie jeden Tag eine andere Person über ihren neuen Alltag erzählen. Die Porträtierten haben dabei gänzlich unterschiedliche Berufe, um einen vielschichtigen Blick in unterschiedliche Leben zu erhaschen.


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