Fatale Verwechslung in der KinderwunschklinikMarina Vidovic: «Meine Existenz basierte auf einer Lüge»
Bruno Bötschi
26.5.2026
«Meine Schwester und ich waren Wunschkinder. Unsere Eltern schenkten uns immer bedingungslose Liebe»: Marina Vidovic.
Bild:Gerry Ebner
Ein DNA-Test stellt das Leben von Marina Vidovic auf den Kopf: Der Mann, den sie ihr Leben lang Papa nennt, ist nicht ihr biologischer Vater. Das, weil die Kinderwunschklinik bei ihrer Zeugung einen Fehler machte. Im Buch «Richtig im falschen Leben» erzählt sie ihre unglaubliche Geschichte.
Marina Vidovic wächst im Glauben auf, zu wissen, wer sie ist — bis ein DNA-Test alles zerstört.
Erst verliert sie ihren Papa an Krebs. Jahre später erfährt sie: Er war nicht ihr biologischer Vater. Zwei verhängnisvolle Fehler in einer Kinderwunschklinik stellen die Geschichte der Familie Vidovic komplett auf den Kopf.
Die Suche nach ihrer Herkunft treibt Marina Vidovic bis auf den Jakobsweg — 800 Kilometer durch Spanien und tief hinein in die eigene Vergangenheit.
Jahrelang lebt sie mit einer Frage, die ihr ganzes Leben verändert: Wer bin ich, wenn meine Geschichte nicht stimmt?
«Das Beispiel meiner Eltern zeigt mir, dass elterliche Liebe auch entstehen kann, wenn das Biologische nicht gegeben ist. Dass man sogar viel menschlicher lieben kann, wenn man gewisse Dinge nicht weiss.»
Auszug aus dem Buch «Richtig im falschen Leben – Von Zufall und Herkunft» von Marina Vidovic.
Marina Vidovic hätte jede Entschuldigung dafür, ein Mensch zu sein, der mit dem Leben hadert. Vieles geriet in den letzten Jahren ins Wanken, bevor die heute 33-Jährige ein Gefühl dafür entwickeln konnte, wer sie ist.
Ihr Vater Tomislav stirbt 2009 an einem Hirntumor. 2015 stellt ihre anderthalb Jahre ältere Schwester Kristina fest, dass ihre Blutgruppe genetisch nicht zu ihren Eltern passt. 2017 erfährt Marina Vidovic, dass sie ebenfalls betroffen ist. Die Eizelle ihrer Mutter wurde mit dem Samen eines fremden Mannes befruchtet.
Unglaublich, aber wahr: In der Bregenzer Klinik des österreichischen Fortpflanzungsmediziners Herbert Zech kommt es Anfang der 1990er-Jahre zu zwei verhängnisvollen Fehlern – und beide Male ist die gleiche Familie betroffen:
das Ehepaar Tomislav und Miluska Vidovic und ihre Töchter Marina und Kristina.
Eine Wahrheit, die alles verschiebt
Für unser Gespräch treffe ich Marina Vidovic in einem Restaurant im Zürcher Kreis 4. Sie hat ihre Familiengeschichte im kürzlich erschienenen Buch «Richtig im falschen Leben – Von Zufall und Herkunft» aufgeschrieben.
Während Marina Vidovic erzählt – erst zögerlich, dann mit wachsender Dringlichkeit –, wächst in mir eine Frage heran, die viele Menschen in jungen Jahren begleitet:
Gehören meine Eltern wirklich zu mir? Und gehöre ich zu ihnen?
Marina Vidovic schüttelt den Kopf. «Nein», sagt sie. Diese Frage habe sie sich nie gestellt. «Für mich waren meine Eltern immer einfach meine Eltern.»
Sie wächst mit ihrer Schwester Kristina im Kanton Thurgau auf, unweit des Bodensees. Die Eltern Miluska und Tomislav sind einige Jahre vor ihrer Geburt aus Serbien in die Schweiz eingewandert.
Die Sommerferien verbringen die Schwestern dort, wo die Wurzeln ihrer Eltern liegen. «Mir gefiel das Leben in Serbien sehr», schreibt Marina Vidovic im Buch. «Nach wenigen Tagen fühlte es sich so an, als hätte ich nie irgendwo anders gelebt.»
Wenn Herkunft zur offenen Frage wird
Marinas Eltern machen nie ein Geheimnis daraus, dass ihre Töchter durch künstliche Befruchtung entstanden sind. Sie gaukeln Marina und Kristina nichts vor. Jahrelang bleibt diese Information für die Töchter ohne grössere Bedeutung.
Doch dann kommt 2015 dieser DNA-Test von Schwester Kristina, der das Lebenspuzzle der Familie Vidovic ordentlich durchschüttelt. Es stellt sich heraus, dass in der Klinik in Bregenz ein Embryo vertauscht wurde. Kurz darauf macht sich Kristina auf die Suche nach ihren biologischen Eltern.
«Wenn man seine Herkunft nicht kennt, sucht man nicht nur nach Verwandten», sagt Marina Vidovic. «Man sucht auch nach sich selbst.»
Fragen tauchen auf. Immer mehr Fragen. Und die fehlenden Antworten werden immer drängender.
Als ich Marina Vidovic frage, ob diese drei Schicksalsschläge die Familie an ihre Grenzen gebracht haben, hält sie inne, lächelt dann – und sagt: «Ich glaube, sie haben meine Mutter, meine Schwester und mich noch näher zusammengebracht.»
Vidovic: «Mein ganzes Leben fühlte sich falsch an»
Knapp 20 Minuten ist unser Gespräch alt, da erfahre ich, warum Marina Vidovic bei der Suche nach ihrer Identität nicht zerbrochen ist – und weshalb sie bis heute den Glauben an das Gute bewahrt hat.
«Meine Schwester und ich waren Wunschkinder. Unsere Eltern schenkten uns immer bedingungslose Liebe.» Für die Zeugung von Marina Vidovic nahmen die Eltern sogar einen Kredit auf.
So schwierig die familiäre Situation in den letzten Jahren auch war, man habe sich immer wieder aufgefangen. Und gegenseitig Halt gegeben. Allen voran ihre Mutter Miluska, die sie als einen «Fels in der Brandung» beschreibt: Geprägt von Liebe und grossem Verständnis für den Wunsch ihrer Töchter, ihre Herkunft zu verstehen.
Marina und Kristina versichern sich dabei immer wieder: «Es ändert sich nichts. Wir bleiben Schwestern, wir bleiben eine Familie.»
Doch die Gewissheit bleibt brüchig. «Meine Existenz basierte auf einer Lüge», schreibt Marina Vidovic im Buch über den Moment im Jahr 2017, als sie erfährt, dass ihr Vater nicht ihr biologischer Vater ist. «Mein ganzes Leben fühlte sich falsch an.»
Ein Leben zwischen Wahrheit und Verlust
Als die Geschichte der Familie Vidovic erstmals öffentlich wird – die deutsche Fernsehsendung «Stern TV» berichtet unter anderem über die Suche von Kristina nach ihren biologischen Eltern – versuchen Freundinnen und Freunde, die Familie zu trösten. Die Situation sei schrecklich, sagen sie, ändere aber letztlich nichts.
An diesen Strohhalm der Hoffnung klammert sich auch Marina Vidovic. Sie schreibt im Buch: «Meine Kindheit, meine Jugend, mein Erwachsenenleben – all das war mit dem Leben meiner Schwester verwoben. Die gemeinsamen Erlebnisse und Geschichten werden uns immer verbinden.»
Familie Vidovic klagt gegen die Klinik in Bregenz.
Es folgen juristische Abklärungen und ein langwieriges Verfahren. Die Klinik kann weder die genetischen Eltern benennen noch den Fehler vollständig erklären.
2018 endet der Fall mit einem aussergerichtlichen Vergleich gegen eine Geldzahlung.
«Ich brauchte mehr Zeit als meine Schwester»
Marina Vidovic erzählt, wie sie in dieser Zeit viel über den Mann nachgedacht habe, der nie da war, aber von dem sie die Hälfte ihrer DNA hat. «Anders als meine Schwester brauchte ich mehr Zeit, um mit der neuen Situation klarzukommen.»
Sie wird neugieriger, will ihren biologischen Vater ebenfalls kennenlernen, will erfahren, ob und wie sie sich ähnlich sind.
Die Suche wird konkreter. Und schmerzhafter. Besonders schwer wiegt, dass sie den Menschen nicht fragen kann, der ihr am nächsten stand: ihren verstorbenen Vater.
«Dann ging es plötzlich ganz schnell», schreibt Marina Vidovic im Buch. «Ich zog … den Stecker, kündigte meinen Job, hängte mein Zweitstudium an den Nagel.»
Sie macht sich auf den Weg – nicht irgendeinen, sondern den Jakobsweg. 800 Kilometer durch Nordspanien, eine Wanderung, die zugleich eine Suche nach sich selbst ist.
Bereits der erste Tag wird zur Prüfung. Sie denkt ans Umkehren, geht aber weiter. Schritt für Schritt kehrt etwas zurück, das sie verloren geglaubt hatte: Vertrauen in die eigene Identität. Und mit ihm der Wunsch, die eigene Geschichte aufzuschreiben.
Aus Bruchstücken wird eine Geschichte
«Der Jakobsweg ist mir nicht passiert, ich habe ihn bewusst gewählt – genauso wie das Schreiben des Buches», sagt Marina Vidovic.
Wie lebt man weiter, wenn alles, was das eigene Leben ausmachte, plötzlich nicht mehr gültig ist? Marina Vidovic erzählt im Buch «Richtig im falschen Leben – Von Zufall und Herkunft» ihre unglaubliche, aber wahre Geschichte über eine Embryonenvertauschung, die zwei Schwestern auf eine erschütternde Suche nach ihrer Identität führt.
Bild:Gerry Ebner
Gleichzeitig wird das Schreiben für sie zu einem Raum, in dem sich das eigene Leben allmählich ordnet, in dem aus Bruchstücken Zusammenhänge entstehen. Während sie am Buch arbeitet, rückt eine Frage immer wieder in den Mittelpunkt:
Wer bin ich?
Damals habe sie gelernt, den Blick zu verschieben, sagt Marina Vidovic – weg von dem, was fehlt, hin zu dem, was da ist. Weg von der Vergangenheit, hin zur Gegenwart. Heute statt gestern.
«Menschen, die ihre Herkunft kennen, denken oft kaum darüber nach», sagt sie. «Wer sie nicht kennt, trägt diese Frage ständig mit sich. Und wenn keine Antworten kommen, prägt sie das das ganze Leben.»
Marina Vidovic findet ihren biologischen Vater
Wer bin ich, wenn ein Teil meiner Geschichte fehlt? Kurz bevor Marina Vidovic den letzten Satz ihres Buches in ihren Computer tippt, wendet sie sich nochmals der Leerstelle zu, die ihr Leben durchzieht: die Suche nach ihrem biologischen Vater.
Ein letzter Versuch, ein letztes Nachfragen – in der leisen Hoffnung, das Ungeklärte möge sich doch noch fügen.
Und dann geschieht das Unerwartete: Sie findet ihn.
Als sich Marina Vidovic nach einer längeren Pause wieder einmal auf der Genealogie-Plattform MyHeritage eingloggt, werden ihr plötzlich zwei enge Verwandte angezeigt – und nicht nur wie bisher ihre Mutter.
Die erste Begegnung liegt erst wenige Monate zurück. «Als ich ihm zum ersten Mal in die Augen sah, habe ich Wärme gespürt», sagt sie. «Und gleichzeitig gemerkt, dass ich keine Zeit verlieren möchte.»
Heute haben sie regelmässig Kontakt.
Vidovic: «Niemand sollte mit diesen Fragen leben müssen»
Gegen Ende unseres Gesprächs spricht Marina Vidovic von einem Privileg: ihre Geschichte zu kennen, trotz aller Brüche. «Denn ohne Schmerz gibt es keine Liebe», schreibt sie im Buch.
Ihr Leben würde sie nicht tauschen wollen. Zu beiden Vätern – dem biologischen und dem, der sie grossgezogen hat – gehört ein Teil ihrer Geschichte.
Und auf keinen davon möchte sie verzichten.
Mit ihrem Buch verbindet sie auch eine Forderung: Menschen, die durch künstliche Befruchtung oder andere Methoden der Reproduktionsmedizin entstanden sind, sollen gesetzlich oder moralisch das Recht haben zu erfahren, von wem sie biologisch abstammen – also wer ihre genetischen Eltern sind.
«Ich wünsche niemandem, mit diesen Fragen leben zu müssen und keine Antworten zu finden», sagt Marina Vidovic. Ob man diese Antworten wirklich wissen wolle, müsse jeder selbst entscheiden. «Aber die Möglichkeit sollte es geben.»
Selbstversorger werden: «Es geht um die Kunst des Kompostierens» – «Ich sehe nur vier Haufen»
Bruno Bötschi versucht sich als Selbstversorger. Der blue News-Redaktor arbeitet auf dem Permakultur-Hof in Feldbach ZH. Er lernt Mulchen und Kompostieren – und was es heisst, mit Tieren und Pflanzen eins zu sein.