Trotz 31 Jahren HIV, er lässt sich nicht unterkriegen: Cristian Reymond

Bruno Bötschi

2.5.2018

Cristian Reymond: «Der Gewinn aus unserer Stiftung fliesst vollumfänglich zurück in die Dörfer von Odisha. Er wird eingesetzt für den Ausbau der Infrastruktur, zur Unterstützung der Frauen und ihrer Familien. »
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Er gehört zu den ersten HIV-Infizierten der Schweiz. Seinen Lebensmut hat er dennoch nie verloren. Im Gegenteil: Seit zehn Jahren hilft Cristian Reymond in Indien den Ärmsten der Armen.

19. – Christian Reymond war blutjung, als er sich 1987 mit HIV ansteckte. Damals war die Diagnose «HIV» das fast sichere Todesurteil. Es gab eine Zeit, da musste er über 30 Tabletten pro Tag schlucken.

Reymond hat in den letzten drei Jahrezehnten unzählige Kämpfe gegen das Virus ausgefochten. Mehrmals ist er dem Tod von der Schippe gesprungen. Auch 2008 war ein schwieriges Jahr, aber der Besitzer einer Mode-Eventagentur und gelernte Koch liess sich nicht unterkriegen.

Reymond reiste stattdessen nach Indien. Es hätte auch ein anderes Land sein können. Aber nachdem er sich längere Zeit mit ayurvedischer Ernährung auseinandergesetzt hatte, dachte er: Indien könnte ein guter Ort für eine Auszeit sein. Ein Neustart mit Meditation, Yoga und Schweigen.

Drei Monate waren geplant, drei Monate, in denen er sich klarwerden wollte, was er mit dem Rest seines Lebens tun sollte. Aus den drei Monaten sind zehn Jahre geworden, in denen er zwischen der Schweiz und Indien hin- und herpendelt.

Es waren zehn Jahre, die dem heute 50-Jährigen jenen Lebenssinn gaben, den er zuvor vermisst hatte. Aber fangen wir vorne an.

Bluewin: Herr Reymond, kennen Sie Heimweh?

Cristian Reymond: Nein, das kenne ich nicht. Ich war schon als Kind gerne unterwegs.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre allererste Reise?

Mit meinen Eltern, sie führten ein Hotel, ging ich nie in die Ferien. Aber ich war als Kind oft in Österreich bei meinen Grosseltern. Mit zwölf flog ich zum ersten Mal allein nach Wien an ein Familientreffen.

Wann besuchten Sie Indien zum ersten Mal?

Vor 20 Jahren mit meinem Partner Rolf. Wir starteten, so wie wir das meistens tun, ohne konkrete Reisepläne im Süden des Landes. Als wir in der Stadt Madras ankamen, war das ein ziemlicher Schock: Die Stadt war total dreckig.

Christian Reymond: «Indien war nicht mein erster Neuanfang. Einige davon habe ich längst vergessen. Aber nicht, weil ich alles Negative vergessen will, sondern weil ich lieber denke: Welche Herausforderung steht als nächste an?»
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Wie ging es weiter?

Eigentlich wollten wir am zweiten Tag ins Reisebüro gehen und sofort einen Flug nach Thailand buchen. Keine Ahnung, wieso wir es nicht getan haben. Stattdessen gaben wir Indien eine zweite Chance und flogen nach Kerala ans Meer. Dort gefiel es uns deutlich besser.

Zehn Jahre später kehrte Cristian Reymond nach Indien zurück. In der Schweiz fühlte er sich damals als Mensch mit HIV zunehmend unwohl. Er war ständig krank, sein Selbstvertrauen war angeknackst, aber das Durchhaltevermögen fehlte ihm nicht – zum Glück.

Während der Auszeit in Indien wollte er sich selber finden – und fand gleichzeitig eine neue Lebensaufgabe, die auch den Menschen im indischen Bundesstaat Odisha ein besseres Leben bescherte.

Dorthin war Reymond nach seiner Auszeit zusammen mit seinem Mann und Geschäftspartner Rolf Nungesser weitergereist. Und das, obwohl der Reiseführer «Lonely Planet» davon abgeraten hatte. Die beiden Männer hatten Lust auf ein Abenteuer.

Was gab Ihnen vor zehn Jahren in Indien die Kraft einen Neuanfang zu wagen?

Ach, Indien war nicht mein erster Neuanfang. Einige davon habe ich längst vergessen. Aber nicht, weil ich alles Negative vergessen will, sondern weil ich lieber denke: Welche Herausforderung steht als nächste an? Ich glaube, ich besitze ein grosses Urvertrauen. Und das hilft mir immer wieder an Grenzen zu gehen.

Woher kommt dieses Urvertrauen?

Das war schon da, als ich Mitglied des Langlauf-Juniorenkaders war. Damals dachte ich oft, es geht nicht mehr weiter und dann ging es doch weiter und meine Beine trugen mich noch schneller ins Ziel. Und wenn mein Urvertrauen doch einmal abhanden kam, war Rolf da, mein Partner. Er hat mich wieder aufgestellt. Dafür bin ich extrem dankbar.

Was meinten die Menschen im Dorf Shri Ramachandrapur in Odisha, als Sie sagten, Sie möchten Ihnen helfen?

Anfänglich erlebten wir viel Unverständnis. In Indien ist gegenseitiges Helfen wenig verbreitet. Die Reichen nehmen die Armen aus. Und so dachten viele, Rolf und ich wären nach Odisha gekommen, weil wir ihnen etwas wegnehmen wollten.

Wie fanden Sie das Vertrauen der Menschen?

Wir fingen einfach an mit unserer Projektarbeit. Irgendwann realisierten die Menschen, dass wir das Herz am richtigen Fleck haben. Trotzdem verstanden viele nicht, war wir genau wollten. Aber ehrlich gesagt, Rolf und ich wussten das am Anfang auch nicht.

Der Bundesstaat Odihsa, einer der ärmsten Indiens, liegt an der Ostküste, 200 Kilometer südlich von Kalkutta. Odisha verfügt über ein reiches, kulturelles Erbe und gehört mit dem Jaganath Tempel in der Hauptstadt Puri zu den der vier wichtigsten Städte des Hinduismus in Indien. Bis heute ist die Region vom internationalen Tourismus relativ unberührt.

Auf ihrer Reise dorthin kamen die Männer rasch in Kontakt mit den Menschen und realisierten, dass diesen vieles fehlt: Essen, Jobs, Infrastruktur und vor allem Selbstvertrauen, etwas im Leben zu ändern. Reymond, auf der Suche nach neuen Wegen, realisierte: Das ist es. Er würde diesen Menschen helfen.

Danach ging es ziemlich schnell: Wenige Monate später gründete das Paar die Stiftung Real Time Trust. Seither reist Reymond zwischen Indien und der Schweiz hin und her, während Nungesser in Zürich die gemeinsame Mode-Eventagentur führt.

Sie wollten in Indien eine Klinik eröffnen.

So ist es. Aber nach zwei Jahren mussten wir dieses Projekt begraben, unter anderem auch deshalb, weil uns die Mafia immer wieder Steine in den Weg gelegt hat. Vielleicht war dieses Unglück aber auch unser Glück. Das Scheitern hat mich zwar einiges Geld gekostet, zugleich finanzierte ich damit aber die beste Schule meines Lebens.

Wie ging es weiter?

Ich besann mich auf meine Stärken, auf meinen Sinn für Design. Wir funktionierten das Haus, in welchem die Klinik geplant war, in eine Werkstatt um. Heute arbeiten dort 50 Frauen aus allen sozialen Schichten. Sie kreieren unter anderem aus Kokosfasern Schmuck und Deko-Gegenstände. Anfänglich produzierten wir vor allem Produkte für die Weihnachtsmärkte in der Schweiz. Mittlerweile bieten wir eine Kollektion an, die auch während des Jahres verkauft wird und auch auf lokalen Märkten in Indien. Demnächst bieten wir die Produkte auch auf internationale Messen an.

Cristian Reymond: «Der Gewinn unserer Stiftung fliesst vollumfänglich zurück in die Dörfer von Odisha. Er wird eingesetzt für den Ausbau der Infrastruktur, zur Unterstützung der Frauen und ihrer Familien.»
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Ihr Projekt wächst und wächst.

Das stimmt. Heute arbeiten wir mit Menschen aus mehr als 15 Dörfern im Bundesstaat Odhisa zusammen. Letztes Jahr wurde die Werkstatt in Shri Ramachandrapur zudem von den Einheimischen übernommen.

Das heisst, sie betreiben den Betrieb jetzt selbständig?

Genau, ich bin nur noch als Designer tätig und nach wie vor der grösste Kunde. In ein paar Jahren möchte ich mich ganz zurückziehen.

Was passiert mit dem Erlös Ihrer Stiftung Real Time Trust?

Der Gewinn fliesst vollumfänglich zurück in die Dörfer von Odisha. Er wird eingesetzt für den Ausbau der Infrastruktur, zur Unterstützung der Frauen und ihrer Familien.

So grundsätzlich: Was lehrte Sie die Arbeit in Indien?

Extrem viel. Ich bin ruhiger, habe mehr Geduld. Gleichzeitig bin ich härter geworden, aber im positiven Sinn. Ich lasse mich nicht mehr so schnell ins Boxhorn jagen. Ich bin auf einem guten Weg, gefalle mir charakterlich viel besser als früher.

Was ist der grösste Unterschied zwischen den Schweizern und den Indern?

Die Schweizer setzen fast ihre ganze Energie dafür ein, dass sie sicher und in Ordnung leben können. Hierzulande schliesst man lieber eine Versicherung zu viel ab. In Indien dagegen wird eine riesige Baustelle aufgerissen und erst danach wird geschaut, was damit passieren könnte. Die Inder sind viel risikofreudiger, darum geht auch öfters mal was schief. Das mag ich.

Sie pendeln zwischen der Schweiz und Indien. Wo ist Ihre Heimat?

Heimatgefühle kenne ich nicht. Ich komme gerne in die Schweiz, auch wenn ich das Land oft als zu geordnet empfinde. Aber ich bin auch gerne in Indien oder in Griechenland. Ich liebe Paris und mag New York. Ich habe viele Orte wahnsinnig gerne und möchte deshalb lieber nicht fix an einem Ort wohnen müssen.

Stiftung Real Time Trust

Noch mehr Infos zur Stiftung Real Time Trust von Cristian Reymond und Rolf Nungesser gibt es auf ihrer Internetseite.

Die Gesprächserie: «Wir sind die Schweiz»

Die Schweiz ist ein Land, in dem man gerne lebt, in dem fast alles funktioniert, manches sogar perfekt. In unserer Gesprächsserie «Wir sind die Schweiz» sprechen wir mit Menschen aus unserem Land über ihre Sicht auf die Heimat. Zuletzt sprachen wir mit dem Gymischüler Simon Kloos,  Autorin Sybil Schreiber, Tänzerin Melanie Alexander, Comic-Zeichner Sven Hartmann und Jodlerin Nadia Räss.

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