Stille Helden der Strasse Nez-Rouge-Fahrerin: «Ich bringe alle nach Hause. Hauptsache, das Auto hat vier Räder»

Carlotta Henggeler

24.12.2025

Wer sich an den Feiertagen nicht mehr fahrtauglich fühlt, kann sich von den Freiwilligen von «Nez Rouge» im eigenen Auto nach Hause chauffieren lassen. blue News war mit den stillen Helden der Strassen unterwegs.

Carlotta Henggeler

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Freiwillige von «Nez Rouge» bringen Menschen in der Advents- und Weihnachtszeit sicher im eigenen Auto nach Hause, wenn sie sich nicht mehr fahrtauglich fühlen.
  • In Luzern sind an einem Abend rund 14 Teams ehrenamtlich im Einsatz – motiviert durch Teamgeist, Dankbarkeit und das Gefühl, Gutes zu tun.
  • Geschichten wie falsche Adressen oder spontane Tesla-Fahrten zeigen, dass die nächtlichen Einsätze oft unvergesslich und bewegend sind.

Gerade will Barbara ihre Jasskarte ausspielen, da leuchtet eine Nachricht auf ihrer Handy-App von «Nez Rouge» auf: Die erste Fahrt des Abends steht an. Es ist der Freitagabend vor Weihnachten, ein Kunde fühlt sich nach einem Geschäftsessen nicht mehr fahrtüchtig. 

14 Zweier-Teams plus ein fünfköpfiges Dispositionsteam stehen heute für die Fahrten von «Nez Rouge» bereit – alles Freiwillige. An diesem Abend packen zudem mehrere Heineken-Mitarbeiter mit an, das Unternehmen unterstützt «Nez Rouge» schon länger. 

Die «Nez Rouge»-Zentrale der Sektion Luzern befindet sich in den Büros des Strassenverkehrsamts in Kriens – auch dieses stellt die Büros unentgeltlich zur Verfügung. Es ist eine perfekte Location, denn hier können die Fahrer parkieren, in den Büros auf die Anrufe warten und sind im Nu auf der Autobahn.

Bevor Barbara und ihr Kollege Charles – sie sind heute als «Team 9» unterwegs – in die schwarze Nacht hinausfahren, prüfen sie die Route auf Google Maps und bestätigen den Auftrag in der App, damit die Zentrale über den aktuellen Standort und den Stand der Fahrt informiert ist.

Es geht nach Hitzkirch LU, rund 30 Autominuten entfernt. 

Ob CEO oder Büetzer: Bei «Nez Rouge» sind alle gleich

Barbara aus Kerns OW ist seit mehr als zehn Jahren als freiwillige Fahrerin dabei. Ihre Motivation? «Mir gibt es ein gutes Gefühl, wenn ich weiss, dass ich einige Menschen sicher nach Hause gebracht habe», sagt die Administrationsfachfrau.

Per Zufall landete sie damals als Freiwillige bei «Nez Rouge» und fand den Empfang und den Zusammenhalt im Team grossartig, da habe es sie gepackt.

Auch Fahrt-Kollege Charles, der ebenfalls im Kanton Obwalden wohnt und pensioniert ist, schätzt die Kameradschaft: «In meinen 16 Jahren sind ein paar Freundschaften entstanden, wir treffen uns auch mal zum Jass-Grümpi oder zum Wanderausflug.» Was Charles besonders an «Nez Rouge» schätzt: «Dass dort alle gleich sind. Egal, ob du ein CEO bist oder ein Büetzer.»

Nicht jeder Einsatz bleibt in Erinnerung – doch einige Geschichten erzählen die Freiwilligen immer wieder gern. Wie die Anekdote, die Charles zum Besten gibt: Ein Kollege hat einen sichtlich angeheiterten Fahrgast nach Hause gebracht – jedenfalls dachte er das. «Später stellte sich heraus, dass der Mann im Rausch nicht seine eigene Adresse angegeben hatte, sondern die seiner Ex-Frau.»

Oder die Geschichte von Kollege Jean Pierre, ebenfalls ein langjähriger Freiwilliger. Als er in einem Interview erwähnte, dass sein Traum sei, einmal im Leben einen Tesla fahren zu dürfen, zögerte ein Leser nicht lange – und erfüllte ihm diesen Wunsch kurzerhand.

Unangenehme Situationen? Keine. «Höchstens, dass sich mal jemand übergeben hat», sagt Barbara und winkt ab. Viel häufiger seien es berührende Begegnungen, ehrliche Dankbarkeit und das gute Gefühl, gebraucht zu werden.

«Ich liebe das Autofahren»

In Hitzkirch wartet Gast Dani bereits auf Barbara und Charles. Er ist nach einem Firmenfest froh, von «Nez Rouge» nach Hause gefahren zu werden. 

Dani nimmt auf dem Beifahrersitz seines Autos Platz, das Barbara zu ihm nachhause lenken wird. Charles wird im Nez-Rouge-Auto, mit dem die beiden Freiwilligen gekommen sind, hinterher fahren. Barbara lässt sich den Autoschlüssel geben, steigt ein und fährt ohne Zögern los: «Ich liebe das Autofahren. Ich bringe alle sicher nach Hause, solange ein Auto vier Räder hat und fahrtüchtig ist.»

Nur einmal hat sie nachgefragt – als das futuristische Armaturenbrett samt Navi eines BMWs sie überforderte. Da musste der Fahrgast kurz erklären.

Am Ziel angekommen, bedankt sich Dani ausgiebig, wünscht schöne Feiertage und überreicht Barbara ein 50-Franken-Nötli. Ein Trinkgeld als Zeichen der Wertschätzung. Denn die Fahrten sind kostenlos, freiwillige Beiträge werden jedoch gerne entgegengenommen. Sie machen es möglich, dass Menschen, die nicht mehr sicher selbst fahren können, diesen ehrenamtlichen Dienst nutzen können. Sind die Unkosten gedeckt, wird das überschüssige Geld von «Nez Rouge» an eine gemeinnützige Organisation gespendet.

Weiter gehts!

Die Nacht ist noch jung. Kurz vor Mitternacht sind Barbara und Charles wieder unterwegs. An diesem Freitagabend vor Weihnachten haben die stillen Helferinnen und Helfer von «Nez Rouge» alle Hände und Füsse voll zu tun.

Während ihre Kundinnen und Kunden noch feiern, anstossen und das Zusammensein geniessen, ist auch Barbara noch lange nicht müde. Im Gegenteil: Sie freut sich auf weitere Fahreinsätze. Mit spürbarem Herzblut ist sie dabei: «Menschen sicher nach Hause zu bringen und so mögliche Unfälle zu verhindern, das macht mir Freude», sagt sie. «Und immer wieder begegne ich interessanten, dankbaren Menschen. Das erfüllt mich.»

Was ist Nez Rogue?

  • Nez Rouge ist eine Präventionskampagne in der Vorweihnachtszeit. Nicht mehr fahrtüchtige Autofahrerinnen und Autofahrer – oder Personen, die sich wegen der Witterungsverhältnisse unsicher fühlen – werden nach Anruf bei 0800 802 208 kostenlos und mit dem eigenen Fahrzeug nach Hause begleitet. Trinkgeld ist willkommen.
  • Zwischen Januar und November kann der kostenpflichtige Service «Nez Rouge» auch für private Anlässe gebucht werden. 
  • Nez Rouge wurde 1984 in Québec gegründet, kam 1990 in die Schweiz und ist seit 1994 auch in der Deutschschweiz aktiv. Bis Dezember 2024 haben Freiwillige insgesamt 545’210 Menschen sicher nach Hause gebracht.
  • Die Sektion Luzern umfasst die Kantone Luzern, Obwalden, Nidwalden und Uri.

Mehr Videos aus dem Ressort

«Es gibt Armut in der Schweiz, das wollen viele nicht wahrhaben»

«Es gibt Armut in der Schweiz, das wollen viele nicht wahrhaben»

Die Armut ist hierzulande kaum sichtbar. Aber es gibt sie. Betroffene haben oft das Gefühl, von einer ansteckenden Krankheit befallen zu sein. «blue News»-Redaktor Bruno Bötschi besuchte eine Abgabestelle der Lebensmittel-Hilfe Tischlein deck dich.

13.09.2021