«Es ist Zeit zu gehen»Nobelpreisträger entschied sich für Freitod in der Schweiz
Sven Ziegler
24.3.2025
Daniel Kahneman erhielt 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. (Archivbild)
Bild:sda
Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat sich im Alter von 90 Jahren für einen selbstbestimmten Tod in der Schweiz entschieden. Seine letzten Tage verbrachte er in Paris – bewusst, erfüllt und still.
Im März 2024 feierte Daniel Kahneman seinen 90. Geburtstag – umgeben von seiner Partnerin Barbara Tversky, seiner Tochter und deren Familie in Paris.
Der israelisch-US-amerikanische Psychologe spazierte durch die Stadt, besuchte Museen und das Ballett, genoss Soufflés und Schokoladenmousse. Es waren Tage voller Leben.
Doch gegen Ende seines Aufenthalts begann Kahneman, eine persönliche Nachricht an enge Freunde zu verschicken: eine Abschiedsmail. Am 26. März verliess er seine Familie und flog nach Zürich. Einen Tag später starb er durch assistierten Suizid.
In der E-Mail schrieb er offen über seinen Entschluss, wie jetzt das «Wall Street Journal» enthüllt: Er sei überzeugt, dass die Leiden und Demütigungen des Alters überflüssig seien – und dass es nun Zeit sei zu gehen.
Er wollte «dem natürlichen Verfall zuvorkommen, nicht hilflos in einen Zustand abrutschen», den er selbst bei seiner Mutter, seiner Frau Anne Treisman und anderen nahestehenden Menschen erlebt hatte.
Seine Partnerin war 2018 an den Folgen einer vaskulären Demenz gestorben. Der Verlust traf ihn tief.
Kahneman wollte seine Autonomie bis zum Schluss wahren
Obwohl Daniel Kahneman weder an Demenz litt, noch dialysepflichtig war, bemerkte er laut eigener Aussage eine «Zunahme geistiger Aussetzer und ein Nachlassen seiner Nierenfunktion».
Für seine Entscheidung schien weniger sein berühmtes wissenschaftliches Denken als vielmehr ein sehr persönliches Empfinden ausschlaggebend gewesen zu sein. Er wollte seine Autonomie bis zum Schluss wahren und sein Ende selbst gestalten.
Kahneman wusste, dass viele seine Entscheidung als zu früh empfinden würden. Doch genau das sei beabsichtigt gewesen, schrieb er: Wenn man wartet, bis ein Leben «offensichtlich nicht mehr lebenswert» sei, sei es bereits zu spät.
Deshalb habe sein Schritt zwangsläufig verfrüht erscheinen müssen. Er habe darüber mit einigen eng vertrauten Menschen gesprochen, und auch wenn sie sich anfangs widersetzten, hätten sie seinen Entschluss schliesslich akzeptiert.
Kahneman: «Danke, dass ihr mir alle geholfen habt»
Daniel Kahneman wollte kein Statement setzen, keine Debatte anstossen. «Ich bin nicht beschämt über meine Entscheidung», schrieb er, «aber ich möchte auch nicht, dass sie öffentlich diskutiert wird.»
Selbst im Tod blieb der Nobelpreisträger bescheiden – sein Wunsch war es, dass sein Abgang nicht die Nachrufe dominiere.
Seine letzten Tage verbrachte er in Paris – erinnernd, geniessend, schreibend. Und noch am Ende sagte er auf die Frage, was er gerne tun würde: «Ich möchte etwas lernen.»
Kahneman lebte bis zum Schluss als neugieriger Forscher. Seine Mail schloss er mit den Worten: «Danke, dass ihr mir alle geholfen habt, dieses Leben zu einem Guten zu machen.»
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Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da.
Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefonnummer 143 oder www.143.ch
Beratungstelefon Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefonnummer 147 oder www.147.ch
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