Propaganda von Mund zu Mund, geht das?

Mark Salvisberg

3.10.2019 - 00:00

Der Kuss – das intensivste Lippenbekenntnis überhaupt. 
Bild: iStock

Die Fügung Mund zu Mund lässt vernünftigerweise nur einen Gedanken zu: Lippenpaare finden sich. Doch ist Sprache nicht immer vernünftig. Der Sprachpfleger begibt sich auf Spurensuche.

Fällt Ihnen dazu nicht auch sofort die Mund-zu-Mund-Beatmung ein?

Im Wörterbuch heisst es lapidar: Beatmung von Mund zu Mund. Wir haben das schon tausendmal in Filmen gesehen. Was wünschten sich die Männer zu Zeiten des «Baywatch»-Hypes, Pamela Anderson – und Frauen heute, Dwayne Johnson – würde sie retten und beatmen.

Mund zu Mund ist dermassen in aller Munde, dass im Duden sogar steht: Mund-zu-Mund-Propaganda. Propaganda von Mund zu Mund? Wirklich? Ich erzähle etwas, und der Mund eines Zeitgenossen nimmt es auf, isst es oder spuckt es wieder aus?

Die Masse hat recht

Der Mund kann zwar kommentieren, was Auge und Ohr zuvor Richtung Gehirn versandt haben, aber er kann nicht hören. Deshalb steht im Duden auch der meiner Ansicht nach einzig korrekte Ausdruck: Mundpropaganda. Bei Viren, Pilzen und Bakterien kann man sich Mund zu Mund – nämlich die Ansteckung – plastisch vorstellen. Aber Mund-zu-Mund-Werbung? Es gibt wohl einfach genügend Beispiele für diese Fügung in der Literatur, und Wörterbücher können sich dem nicht entziehen.

Schiller und Co. haben damit «angefangen»

Wer jetzt denkt, dass Mund zu Mund, einmal abgesehen von der Beatmung, erst seit wenigen Jahren existiert – nämlich im Marketing-Jargon –, täuscht sich. Ich habe einen Passus im Gedicht eines Exponenten der deutschen Sprache gefunden, der mein «logisches Weltbild» erschüttert hat.



Folgender Ausschnitt aus Friedrich Schillers Gedicht «Die Kraniche von Ibykus» von 1797 macht deutlich, dass es sich beim Dichter um einen der Urheber dieser Wendung handeln könnte. Die Rede ist dort von einer Kunde, die sich verbreitet:

Und, wie im Meere Well auf Well,

So läuft’s von Mund zu Munde schnell ...

Da haben wir die Bescherung. Aber Schiller hat sich doch bestimmt etwas dabei gedacht. Nur was?

Auf den Spuren seiner Gedanken

Ich versuche ihm zu folgen: Im Gehirn wird die Information verarbeitet. Und normalerweise entsteht dort eine Antwort darauf. Aber im Fall des blossen Weitererzählens wird quasi nur eine Kopie der empfangenen Daten an den Sprechapparat weitergesandt. Und beim Weitererzählen steht dieser im Mittelpunkt. Weil der Datenverarbeitungsprozess im Gehirn ohnehin unsichtbar ist, warum sollten andere Organe überhaupt erwähnt werden?



Ja, warum nicht einfach Ohr und Gehirn einmal auslassen. Wichtig sind die Endziele, wie bei der SBB-App: Mund nach Mund – via Ohr und Gehirn. Wen interessiert schon das via.

Trotz allem finde ich: Die einzig wahre, direkte Propaganda von Mund zu Mund ist immer noch: der Kuss.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

Bilder aus der Schweiz

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