17.05.2015 - 12:45, Theodora Peter

Tim Wiesendanger: «Schwule und Lesben wollen ganz einfach akzeptiert sein»

Tim Wiesendanger

Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung sei «offen oder verdeckt homophob», kontstatiert Wiesendanger im Interview.
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Ignoranz, lustige Sprüche oder schräge Blicke: Schwule und Lesben sehen sich nach wie vor vielen Anfeindungen ausgesetzt. Daran mahnt der Internationale Tag gegen Homophobie vom Sonntag (17. Mai). Psychotherapeut und Buchautor Tim Wiesendanger über Vorurteile und Ängste.

Bluewin: Tim Wiesendanger, was nützt ein Tag gegen Homophobie?

Wiesendanger: Er schärft das Bewusstsein, dass Homophobie auch in unserer «aufgeklärten» und «liberalen» westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts vielerorts noch eine Realität darstellt.

Sind wir also gar nicht so tolerant wie wir meinen?

Studien gehen davon aus, dass nur ungefähr ein Drittel der Bevölkerung Schwule und Lesben tatsächlich akzeptieren. Auf der anderen Seite ist ungefähr ein Drittel offen oder verdeckt homophob. Das Drittel dazwischen ist – dem Zeitgeist entsprechend – tolerant, doch brechen hier schnell Vorurteile und Ablehnung hervor, geht es um die unbedingte Akzeptanz und Gleichstellung Homosexueller gegenüber der heterosexuellen Mehrheit.

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Tim Wiesendanger ist Psychotherapeut mit Schwerpunkt sexuelle Identität und Buchautor in Zürich
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Welchen Anfeindungen und Vorurteilen sehen sich denn Schwule und Lesben heute noch ausgesetzt?

Oft sind es unter Erwachsenen eher verdeckte als offen ausgesprochene Diskriminierungen in Form von Ignoranz, «lustigen» Sprüchen oder hinten herum reden. Kinder und Jugendliche sind oft direkter verletzend, doch sind sie häufig auch schnell bereit, ihr Tun zu überdenken, werden sie mit ihrem Verhalten konfrontiert.

Worunter leiden die Betroffenen am stärksten?

Sie haben Ängste vor einer möglichen Ablehnung seitens der Familie, in der Schule, im Beruf und in der Gesellschaft im Allgemeinen. Einige haben diese Ablehnung auch tatsächlich erlitten.

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Ein Liebespaar an der Gay Pride in Athen.
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Woher kommt Homophobie? Wie lässt sich diese Ablehnung erklären?

Homophobie begründet sich in der Angst vor dem Fremden oder Abgelehnten in der eigenen sexuellen Identität. So sind Menschen, die ihre eigenen homophilen Gefühle in sich bekämpfen müssen, oft besonders homophob. Aber auch Heterosexuelle, die eine unbefriedigte Sexualität haben, lehnen insbesondere Schwule ab, auf die sie ihre nicht ausgelebten «ausschweifenden» Triebe projizieren. Je homophober jemand auftritt, je mehr hat er oder sie jedenfalls zu verbergen.

Was hat er oder sie denn zu verbergen?

Nicht selten die eigenen verdrängten homophilen Gefühle. Oder die eigene generelle Unzufriedenheit im Sex. Diese neidet allen anderen ihre erotische Lust und Freude, ganz besonders Schwulen und Lesben. Da deren Sexualität nicht zumindest theoretisch auch der Fortpflanzung dienen könnte, bedeutet sie in ihren Augen nur Sodom und Gomorrha. Und Sex aus purer Freude darf nicht sein, wenn sie selbst schon keine Freude am Sex empfinden können.

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Die Regenbogenfahne: Seit den späten 1960er Jahren etablierte sie sich als Smbol der weltweiten Schwulenbewegung.
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Allgemein sind Homosexuelle in der Gesellschaft anerkannt. Doch wenn es die eigenen Kinder betrifft, finden das viele Eltern gar nicht mehr cool. Weshalb?

Genau in diesem Punkt kann man wirkliche Akzeptanz von Toleranz besonders anschaulich unterscheiden.

Das müssen Sie erklären.

Toleranz berührt einen nicht persönlich. Sie bedeutet vielmehr ein Dulden oder Ertragen. Daher kann man gut verkünden, man sei etwa hinsichtlich anderer Religionen, Ethnien oder eben Schwulen und Lesben aufgeschlossen. Dies liegt im Zeitgeist. Doch erst wenn jemand unmittelbar betroffen ist, etwa weil der Sohn schwul oder die Tochter lesbisch ist, zeigt sich, wie Eltern damit wirklich umgehen. Lieben sie ihr Kind trotzdem ohne Vorbehalte? Die Reaktion von nahen Angehörigen sagt viel über deren individuelle Psychologie aus: Fühlen sie sich schuldig? Schämen sie sich? Empfinden sie Schande? Oder Selbstmitleid?

«Homophobie begründet sich in der Angst vor dem Fremden oder Abgelehnten in der eigenen sexuellen Identität.»

Tim Wiesendanger, Psychotherapeut

Was heisst das für die Betroffenen?

Für Jugendliche oder junge Erwachsene, die sich outen, ist wichtig zu erkennen, dass solche Reaktionen nichts mit ihnen zu tun haben. Auch werden so tiefsitzende und oft bis anhin unbewusste Beziehungsmuster an den Tag gefördert, nämlich dass die Liebe der Familie wohl nie vorbehaltlos da war. Dies mag eine erschreckende Erkenntnis sein, doch langfristig befreit diese davor, sich etwas vorzumachen. Und wenn dies wiederum auf beiden Seiten zu einem Entwicklungsschritt führt – was gar nicht selten der Fall ist –, dann haben alle gewonnen.

Wie sollen denn Eltern, Lehrkräfte und das Umfeld auf ein Coming Out reagieren?

Akzeptierendes Hinhören, was der oder die Betroffene erzählt, unterstützt am meisten. Darüber hinaus können einschlägige, unterstützende Bücher oder Informationen aus dem Internet helfen, Wissenslücken zu schliessen und Verständnis zu wecken.

Ist Homosexualität angeboren bzw. in den Genen angelegt?

Die bessere Frage wäre: Inwiefern sind sexuelle Orientierungen – also auch Heterosexualität – genetisch bedingt oder anerzogen? Die Wissenschaft kann dies bis heute nicht schlüssig beantworten, geht aber von einem Zusammenspiel biologischer und psychosozialer Faktoren aus.

Wann weiss ein Kind, ob es homo- oder heterosexuell ist?

Wenn man ein Kind vorbehaltslos seine Gefühle und Empfindungen selbst erleben lässt, dann spürt es seine Orientierung zweifelsfrei bereits vor der Pubertät. Doch noch immer besteht ein riesiger Druck bezüglich heterosexueller Erwünschtheit – von Geburt an. Dies lässt viele erst im Jugend- oder gar im Erwachsenenalter erkennen, ob sie vielleicht doch homo-, bi- oder transsexuell sind.

Lässt sich die sexuelle Orientierung beeinflussen oder gar «umpolen»?

Nein, dies ist wissenschaftlicher Unfug und unethisch, auch wenn vermeintliche «Umpolungen» insbesondere von gewissen religiösen Kreisen noch immer praktiziert werden. Doch schon Sigmund Freud formulierte vor 100 Jahren, dass es ebenso unmöglich sei, einen Homosexuellen in einen Heterosexuellen umzupolen, wie das Umgekehrte, nur dass man letzteres aus guten Gründen schon gar nicht versucht.

Welchen Wunsch von Schwulen und Lesben an die Gesellschaft oder ihr Umfeld hören Sie am häufigsten?

Schwule und Lesben wollen ganz einfach akzeptiert sein – ohne wenn und aber – so wie Sie und ich.

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