15.05.2017 - 16:03

«Den Menschen fehlt der Mut, ihr Handy zu ignorieren»

von Bruno Bötschi, Redaktor
 

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Die Arbeitswelt wird immer digitaler, die Zahl der Zwänge steigt. Viele Menschen hätten nicht gelernt, wie man mit dem Smartphone richtig umgeht, sagt Benimm-Trainer Hanspeter Vochezer. Ein Gespräch über ständige Erreichbarkeit und Handy-Stress.

Bluewin: Herr Vochezer, es ist jetzt kurz nach 15 Uhr, wie oft haben Sie heute schon auf Ihr Smartphone geschaut?

Hanspeter Vochezer: Ich schätze, es waren so zehn- bis zwölfmal.

Es heisst, im Schnitt nehme ein Nutzer sein Handy 100-mal am Tag in die Hand.

So viel nehme ich mein iPhone ganz sicher nicht in die Hand. Am heutigen Tag schaue ich aber etwas mehr auf den Bildschirm, weil ich auf eine dringende Nachricht von einer Geschäftspartnerin warte.

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Benimm-Trainer Hanspeter Vochezer: «Es stört mich nicht, wenn Menschen im Zug am Laptop arbeiten oder eine Person in normaler Lautstärke telefoniert.»
Bild: ZVG

Smartphones und Tablets nehmen heute einen enormen Stellenwert in unserem Leben ein. So ganz grundsätzlich: Macht uns der Umgang mit der mobilen Technik asozial?

Nicht die Geräte als solche machen uns asozial, sondern wie wir sie einsetzen. Die Jungen sind heute dauernd am Handy und verschicken teilweise mehrere hundert Nachrichten pro Tag, ohne miteinander zu reden. Ich gehöre noch zur analogen Generation und bevorzuge das persönliche Gespräch. Trotzdem muss auch ich zugegeben, dass mir mein iPhone im täglichen Leben viele gute Dienste erweist.

Adolph Freiherr Knigge hat gesagt: «Verlasse den Menschen nicht, ohne ihm etwas Wertvolles mit auf den Weg gegeben zu haben.» Das ist genau das Gegenteil von dem, was heute passiert. Es wird gequasselt und viel Belangloses kommuniziert.

Stimmt: Statt dass man kurz anruft oder sich persönlich trifft, werden heute lieber Dutzende von Messages hin- und hergeschrieben.

Wann sind Sie zuletzt neben einem Dauertelefonierer im Zug gesessen und haben sich geärgert?

Ich lasse mich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Es stört mich nicht, wenn Menschen im Zug am Laptop arbeiten oder eine Person in normaler Lautstärke telefoniert. Was ich gar nicht mag, sind Menschen, die ins Telefon schreien.

Haben Sie je einen Handy-Benutzer darauf hingewiesen, dass Sie sich belästigt fühlen?

Ja. Ich sass einem Mann direkt gegenüber, der ins Telefon schrie. Auch andere Personen im Waggon fühlten sich belästigt. Ich machte mich also mit Handzeichen bemerkbar und zeigte dem Mann an, dass er bitte leiser sprechen solle.

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Funktionierte es?

Ja. Der Mann sprach leiser und kurz danach beendete er das Telefongespräch.

Knigge empfiehlt bei Telefonaten einen Mindestabstand von drei Metern zu anderen Personen. Was ist Ihre Empfehlung?

Drei Meter Abstand? Bei den engen Platzverhältnissen in unseren Städten geht das doch gar nicht. Ich finde es wichtiger, dass ich ein Telefonat in normaler Lautstärke führe.

Ständige Erreichbarkeit gehört heute zum guten Ton, besonders in der Arbeitswelt. Muss man sich mit dem Stress einfach arrangieren?

Muss man nicht. Vielen Leuten fehlt der Mut, ihr Smartphone auch einmal zu ignorieren oder es auf lautlos zu stellen. Die meisten Menschen sind ja über ihr Handy nicht nur auf einem Kanal erreichbar. Sie haben sechs bis zehn Kanäle, die sie regelmässig checken: Das Telefon, SMS, WhatsApp, Facebook, Snapchat, Instagram, Datingapps wie Tinder und, und, und ... Manch einer hat das Gefühl, er müsse überall dabei sein, weil er sonst etwas verpassen könnte. Das ist Schwachsinn.

Aber kann es nicht auch zu Problemen führen, wenn man sich aus der digitalen Welt zurücknimmt?

Kein Chef kann von einem verlangen, dass man auch in den Ferien ständig erreichbar ist – ausser vielleicht, man arbeitet im Top-Management. Viele Menschen gehen völlig fahrlässig mit ihrem Handy um. Es ist unverantwortlich gegenüber sich selber, immer das Gefühl zu haben, man müsse erreichbar sein. Natürlich, wenn ich Arzt bin und Dienst habe, nehme ich auch am Samstagabend das Telefon ab, aber als Sekretärin muss ich das nicht tun. Wenn der Chef trotzdem anruft, kann er auf den Telefonbeantworter sprechen. Leute, die auch in den Ferien ständig am Telefon hängen, sind selber schuld, wenn sie irgendwann in ein Burn-out laufen.

Es scheint, viele Menschen hätten ihre Mündigkeit aufgegeben – sprich: Das Smartphone hat sie unter Kontrolle.

Das finde ich auch. 50 Prozent der Firmen im Silicon Valley funktionieren nur, weil wir sie gratis mit unseren persönlichen Daten füttern: Unser Standort ist ständig sichtbar, und wir posten auf Facebook, wo wir einkaufen waren und was wir heute gegessen haben. Wir denken, Facebook sei eine Gratis-Seite. Von wegen: Die Bude von Marc Zuckerberg funktioniert nur, weil wir ihm unsere Daten gratis zur Verfügung stellen.

Was das Handy-Foto über Sie verrät

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Gehört das Smartphone bei einer privaten Verabredung vom Tisch verbannt?

Ja. Ausser, es gibt einen wichtigen Grund.

Sie meinen, wenn man einen dringenden Anruf erwartet.

Genau. Ich sage dann am Anfang des Essens: «Schön, seid Ihr alle da. Ich möchte mich vorab entschuldigen, dass mein Handy auf dem Tisch liegt, aber ich erwarte noch einen wichtigen Anruf.» Und wenn das Handy dann wirklich vibrieren sollte im Laufe des Abends, stehe ich auf und gehe zum Telefonieren vor die Türe.

Meist ist es eine Kettenreaktion: Holt in einer Runde einer sein Smartphone heraus, sind alle anderen auch bald vor dem Bildschirm.

So ist es.

Wir haben es deshalb schon mit einer Wette versucht: Alle Handys kommen beim Essen in die Mitte des Tisches – wer zuerst zugreift, zahlt ...

... den Champagner. Das habe ich mit meinen Freunden auch schon vereinbart.

Mussten Sie zahlen?

Nein.

Ich möchte nicht, dass meine Gäste während dem Besuch bei mir daheim ihr Handy benutzen – wie kann ich ihnen das anständig und nett klarmachen?

Ich würde am Anfang zu den Gästen sagen: «Ich freue mich auf eine analoge Party ohne Handy und den ganzen Schnickschnack.» Bei einer Dinner-Party bei mir daheim haben wir einmal eine Box aufgestellt. Alle Gäste mussten ihr Handy dort reinlegen Es war sehr lustig, weil es in der Box ständig geblinkt und gepiepst hat. Während des Abends habe ich mich dann selber mehrmals ertappt, wie ich das Handy aus der Tasche meines Jackets hervor nehmen wollte.

Wie sieht Ihre eigene Knigge-Handy-Kur aus?

Ich stelle mein iPhone während der Woche bewusst immer wieder auf lautlos.

Zur Person: Hanspeter Vochezer

Hanspeter Vochezer ist Gründer und Inhaber der Firmen Knigge Coaching & Swiss Butlers in Küsnacht (ZH). Er bietet Benimm-Seminare und Management-Schulungen im Bereich Personal-Branding, Auftrittskompetenz und Image-Consulting an – das zeigt auch unsere Bildergalerie. Vochezer organisiert zudem private Caterings und exklusive Dinners, und er ist weltweit als Butler auf Mandatsbasis tätig.

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