17.05.2017 - 06:44

Matthias Sempach: «Ich breche fast täglich das Gesetz»

von Bruno Bötschi, Redaktor
 

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Matthias Sempach, Schwingerkönig 2013, spricht über Rituale, die er vor einem Kampf einhält, über Neid in der Schwingerszene und darüber, warum er früher Mädchen geplagt hat.

Kurz vor diesem Interview hat Matthias Sempach auf der «Bluewin»-Redaktion einige Kolleginnen und Kollegen flach gelegt. Aber keine Angst, es ist nichts Schlimmes passiert, der Schwingerkönig von 2013 wollte nur zeigen, wie Schwingen funktioniert. Er tat es galant und gentlemanlike. Trotzdem waren die Kollegen alle chancenlos gegen den 1.94 Meter grossen und 110 Kilo schweren Berner Hünen.

Bluewin: Herr Sempach, wir machen heute ein Spiel. Ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen. Und Sie antworten möglichst schnell und kurz. Wenn Ihnen eine Frage nicht passt, sagen Sie einfach «weiter».

Matthias Sempach: Alles klar.

Matterhorn oder Niesen?

Niesen.

Emmentaler oder Tilsiter?

Emmentaler.

Wo ist die Schweiz am allerschönsten?

Im Emmental. Den Ort Schangnau habe ich noch gerne.

Die sexieste Frau aller Zeiten?

Die PR-Frau, die daneben sitzt, räuspert sich und sagt halblaut: «Wenn er jetzt nicht seine Frau nennt, hat er daheim ein Problem.» Aber ein Schwinger lässt sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen. Nach ein paar Sekunden überlegen, antwortet Matthias Sempach:

Mir gefällt Michelle Hunziker noch recht gut.

Wenn ich Ihnen jetzt ein Flugticket schenken würde, wohin würden Sie gerne fliegen?

Kanada.

Was würden Sie auf eine einsame Insel unbedingt mitnehmen wollen?

Meine Familie.

Wofür geben Sie zu viel Geld aus?

Für Parkbussen.

Was nehmen Sie Ernst im Leben?

Alles, was mit meiner Leidenschaft zu tun hat.

In all den Jahren im Schwingsport – was haben Sie gelernt?

Etwas, was ich sicher gelernt habe, ist der Umgang mit Siegen und Niederlagen.

Gibt es eigentlich Schwinger-Witze?

Ich wüsste keinen.

Welche Muskeln tun Ihnen nach einem Schwingfest am meisten weh?

Nach 90 Prozent der Wettkämpfe spüre ich nichts, hin und wieder tun mir der Nacken oder die Arme weh.

Was können Schwingerinnen besser als Schwinger?

Weiter! (lacht)

Man liest in den Medien viel Gutes über Sie. Gelesen habe ich zum Beispiel: «Er ist keiner, der rebelliert, der aneckt – und wird es wohl nie sein.» Jeder Mensch hat auch weniger nette Charaktereigenschaften.

Vielleicht bin ich manchmal etwas stur.

Und manchmal auch etwas wortfaul. Mal schauen, ob die nächsten Fragen den Schwinger mehr aus der Reserve locken werden.

In der «Schweizer Familie» sagten Sie letztes Jahr in einem Interview, dass Sie sich im Ring zuweilen zu stark von Ihren Emotionen leiten lassen.

Werden Sie böse, wenn man Sie einen Schwächling nennt?

Nein.

Was ist das überhaupt für ein Gefühl, ins Sägemehl zu fallen?

Sie meinen, wenn ich verliere?

Ja.

Es gehört einfach zum Sport. Man kann nicht nur gewinnen. Aber wenn man verliert, hat man das Ziel verfehlt.

Gibt es spezielle Rituale, die Sie vor einem Gang einhalten?

Ich bereite mich vor jedem Gang genau gleich vor. Zuerst überlege ich mir, wie ich gegen den Gegner technisch schwingen will, danach wärme ich mich auf und mache einige Entspannungs- und Konzentrationsübungen.

Kilian Wenger, Schwingerkönig 2010, trainiert mit einem Sportpsychologen. Sie auch?

Ich mache das schon seit 13 Jahre regelmässig. Wichtig bei der Arbeit mit einem Psychologen ist das Visualisieren der verschiedenen Techniken und Schwünge und wie man gewinnt. 

Während eines Schwingfestes: Hören Sie Musik zur Vorbereitung?

Nein. Ich nehme gerne die Stimmung an einem Fest auf und pushe mich vor einem Gang mit dem Visualisieren und den Konzentrationsübungen.

Wie habt Ihr Schwinger das geschafft, dass Schwingen heute eine derart populäre Sportart ist?

Ich denke, das typisch Schweizerische, das Traditionelle, das Bodenständige hat in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt. Davon profitiert auch das Schwingen. Und dann haben wir auch gute Athleten, die den Schwingsport in den letzten Jahren attraktiv gemacht haben – zum Beispiel der Christian Stucki. Er ist für den Schwingsport eine ähnlich grosse Erscheinung wie Kugelstösser Werner Günthör es vor 25 Jahren für die Schweizer Leichtathletik war.

Wie viele Schwinger hierzulande könnten auf eine Berufstätigkeit verzichten und von ihren Werbeeinnahmen als Schwinger leben?

Es werden so 10 bis 15 Schwinger sein.

Auf Ihrer Website sind zehn Sponsoren aufgeführt – von Emmentaler über Bschüssig bis Toyota. Für wen würden Sie nicht Werbung machen?

Drogen, harte Drogen. Für mich ist es sehr wichtig, dass ein Partner zu mir passt, aber auch zum Schwingsport. Es muss eine Firma sein, hinter der ich voll und ganz stehen kann. Sonst mache ich es nicht. Ich habe auch schon Angebote abgelehnt.

Schon Jeremias Gotthelf schrieb über Geld, Geist und Neid. Hat sich das Klima unter den Schwingern verändert dadurch, dass diejenigen an der Spitze nun etwas verdienen und die anderen nicht?

Manchmal ist sicher etwas Neid da. Ich persönlich bekomme ihn zum Glück nur selten zu spüren.

Burgdorf 2013 war für Sie ein aussergewöhnliches Fest: das «Eidgenössische» fast vor der Haustür, viele Zuschauer, beste Stimmung, der Königstitel und am Schluss sogar noch Tränen. Wie schlimm war es, dass Sie während dem Siegerinterview weinten?

Vor dem Fest habe ich mir immer wieder vorgestellt, was passieren wird, wenn ich Schwingerkönig würde. Ich dachte, ich würde ausflippen und in der Gegend herumspringen. Als es dann so weit war, war alles ganz anders. Nach dem Sieg im Schlussgang blieb ich voll fokussiert und konnte die Emotionen nicht richtig ausleben. Während dem Interview gab es dann von der einen auf die andere Sekunde einen Klapf im Kopf und dann musste alles aus mir raus. Ich versuchte zuerst nur leise zu «grännen», aber in dem Moment löste sich der ganze Druck und ich fing laut an zu heulen. Es waren Freudetränen, aber es war auch die Erleichterung, dass ich es endlich geschafft hatte.

Gelöste Stimmung, gute Stimmung. Der Schwinger kommt langsam aus sich raus.

Was würden Sie tun oder ändern, wenn Sie eine Woche lang wirklich der König der Schweiz wären?

Ich würde die Menschen animieren, mehr Sport zu machen und würde versuchen, ihnen die Werte, die dafür gesorgt haben, dass es unserem Land so gut geht, wieder etwas näher zu bringen. Zusätzlich würde ich dafür schauen, dass die Schweizer Lebensmittel einen höheren Stellenwert bekämen und die Produktion von diesen wieder mehr geschätzt würde.

Welches war der historischste Moment in Ihrem Leben?

Die Geburt unserer zwei Kinder Henry und Paula.

Wann zuletzt auf einer Theaterbühne gestanden?

Im letzten Winter.

Wahr, dass Ihr gemeinsamer Auftritt mit dem aktuellen Schwingerkönig Matthias Glarner aus einem Luzerner «Tatort» geschnitten wurde?

Dass Sie das wissen ... (lacht laut) Die Filmcrew suchte zwei Bodyguards und wählte während einem Casting in Zürich Matthias Glarner und mich aus. Wir mussten den Schauspieler Stefan Gubser packen und dann sein Stuntman-Double an eine Wand werfen. Am Abend nach dem Dreh bekamen wir die Gage und erzählten danach voller Stolz unseren Freunden, dass wir jetzt auch Schauspieler seien. Ich realisierte erst, als ich den «Tatort» schaute, dass die Szene herausgeschitten worden war.

Ihr Lieblingsfluchwort?

Berndeutsch tönt vielleicht manchmal etwas rauh, aber ich habe sicher kein Lieblingsfluchwort.

Für einen Schwinger ist das Essen sehr wichtig.

Ich esse möglichst ausgewogen und gesund und möglichst nur regionale Produkte.

Cordon bleu sei eines Ihrer Lieblingsrezepte, steht auf Ihrer Internetseite geschrieben. Wie mögen Sie es am liebsten?

Emmentaler gehört rein und Schinken. Ob Schweine- oder Kalbfleisch spielt nicht so eine grosse Rolle. Das Cordon bleu darf nicht all zu trocken sein. Ich könnte es selber machen, aber meistens kaufen wir sie.

Welche Schulfächer mochten sie besonders?

Sport.

Welche gar nicht?

Physik ... Und Deutsch mochte ich auch nicht.

Ihr Traumberuf als Kind?

Landwirt.

Haben Sie sich als Kind geprügelt in der Schule?

Ab und zu kam das schon vor. Manchmal habe ich sogar Mädchen geplagt (lacht). Einmal bekam ich deswegen ein Telefonat von einer Mutter, weil ich mit einer Kollegin auf dem Nachhauseweg geblödelt hatte.

Was wollte die Mutter von Ihnen?

Ich musste die Kleider des Mädchens holen, sie waren dreckig geworden, und sie waschen. Aber keine Angst, ich war kein Schlägertyp. Wir haben uns einfach etwas gebalgt. Und ich darf sagen, dass ich in den letzten 15 Jahre nie mehr in eine Schlägerei verwickelt war.

Wann haben Sie das letzte Mal das Gesetz gebrochen?

Das mache ich fast täglich.

Wie bitte?

Wenn ich 122 Stundenkilometer auf der Autobahn fahre, dann habe ich das Gesetz gebrochen.

Und heute morgen sind Sie 122 Stundenkilometer schnell gefahren?

123.

Vater werden – wie hat Sie das verändert?

Ich habe das Gefühl, die Vaterrolle hat mich nicht stark verändert. Aber die Kinder sind eine grosse Bereicherung.

Beten Sie mit Ihren Kindern?

Ähm, meine Frau macht es immer und ich ... Ich mache es nur ab und zu. Ich bin da zu wenig pflichtbewusst.

Glauben Sie an Gott?

Weiter!

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich nehme an, dass ich dann nicht mehr aktiv schwingen werde. Gerne würde ich dem Schwingsport aber in der einen oder anderen Form erhalten bleiben. Mein grosses Ziel ist zudem, dass meine Familie und ich dann Besitzer eines eigenen landwirtschaftlichen Betriebes sind.

Zum Schluss der grosse Talenttest: Schätzen Sie bitte Ihr Talent von null Punkten, kein Talent, bis zu zehn Punkten, grossartiges Talent. Ihr Talent als Fussballer?

Drei.

Ihr Talent als Bauer?

Neun.

Als Metzger?

Acht.

Und als Liebhaber?

Zehn (lacht laut).

Zur Person: Matthias Sempach

Matthias Sempach, 31, ist der Schwingerkönig von 2013. Bei einer Grösse von 194 Zentimeter wiegt er rund 110 Kilos. Er gewann den Königstitel in Burgdorf im Schlussgang gegen Christian Stucki. Sempach ist gelernter Landwirt und Metzger. Nebst seiner Schwingtätigkeit arbeitet er im 40-Prozent-Pensum als Verkaufsberater für den Futtermittelproduzenten Melior. Sempach ist mit Heidi Jenny liiert. Die beiden haben einen Sohn und eine Tochter. Die Familie lebt in Alchenstorf BE.

Die Karriere in Bilder von Matthias Sempach zeigen wir Ihnen in unserer Bildergalerie.

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«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit Berühmtheiten. Bötschi hat Erfahrung mit Interviews. Für die «Schweizer Familie» betreute er einst die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» erschien 2014 im Applaus Verlag, Zürich.
Bild: zvg

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