08.06.2017 - 17:59

Yann Sommer: «Ich finde den Ausdruck 'Spieler-Frau' schlimm»

von Bruno Bötschi, Redaktor
 

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Yann Sommer spricht über seine Rolle als Goalie der Schweizer Fussball Nationalmannschaft, über sein Talent als Koch und darüber, warum er den Ausdruck «Spieler-Frau» nicht mag.

Kurz vor vier Uhr nachmittags: Im alten Tramdepot in Bern laufen die Dreharbeiten für die Kochshow «Bravissimo». Promis treten in der Sendung gegen Food-Blogger an. Jury-Mitglied Yann Sommer probiert gerade das Pasta-Rezept von DJ Antoine. Am Vorabend absolvierte das Schweizer Nationalteam in Neuenburg das Testspiel gegen Weissrussland, bei dem Sommers Ersatz Roman Bürki eine Spielgelegenheit erhielt. Nach der Aufzeichnung der TV-Sendung fährt Sommer nach Basel, wo seine Eltern wohnen.

Bluewin: Herr Sommer, wir machen heute ein Spiel. Ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen. Und Sie antworten möglichst schnell und kurz. Wenn Ihnen eine Frage nicht passt, sagen Sie einfach «weiter».

Yann Sommer: Let's go.

Salzig oder süss?

Salzig.

Fleisch oder Fisch?

Fisch.

Wein oder Bier?

Wein.

Wann zuletzt einen Kater gehabt?

Das ist lange her.

Das Spargel-Rezept «Stangenware», welches Sie auf Ihrem Food-Blog «Sommer kocht» präsentieren, soll gegen Kater helfen. Demnach schon selber getestet?

Nicht wirklich. Ich hatte noch nicht oft in meinem Leben einen Kater. Aber man hat mir gesagt, dass das Rezept dagegen helfen soll.

Wie kommt es eigentlich, dass ein Goalie einen Food-Blog unterhält?

Kochen ist schon seit Jahren ein Hobby von mir, zudem fotografiere ich sehr gerne. Ich bin ein Perfektionist, was die Präsentation des Essens auf dem Teller anbelangt. Auch wenn ich für mich allein koche, will ich, dass es auf dem Teller schön aussieht. Früher schickte ich meiner Familie und meinen Freunden Fotos von meinen Kreationen, bis ich irgendwann die Idee hatte, ein virtuelles Kochbuch zu realisieren.

Gelöste Stimmung, gute Stimmung. Genau, wir lassen es diesmal mit den Fragen langsam angehen. Keine Angst, der Fussball und die neue Freundin werden noch Thema sein. Aber zuerst wird jetzt gekocht.

Wie ist das unter Ihren Fussball-Kollegen: Gilt da Kochen nicht als Hobby für Softies?

Man muss sich viele Sprüche anhören, definitiv. Früher haben mich die Kollegen ausgelacht, so wie ich die Teller am Buffet belade und auf gesunde Ernährung achte. Mittlerweile legen viele Spieler Wert darauf und ernähren sich ausgewogen.

Wer macht am meisten Sprüche von den Nati-Spielern?

Definitiv Fabian Frei (lacht).

Was begleitet Sie mehr durch die Nacht: Ihre Goalie- oder Ihre Küchen-Künste?

Die Goalie-Künste.

Was ist Ihnen beim Kochen besonders wichtig?

Eine Küche, in der ich gerne koche, Ruhe, frische Produkte und am Tisch Menschen, die ich gerne bediene.

Und worauf achteten Sie als Juror der Kochshow «Bravissimo»?

Ich bin kein Profi-Koch, deshalb habe ich neben dem Geschmack auf die Präsentation geachtet und darauf, wie die Kanditaten aufgetreten sind. Ich muss sagen, alle bewiesen viel Leidenschaft. Das hat mich fasziniert.

Was brachte Sie hinter den Herd?

Meine Eltern. Ich bin ein Gourmetkind. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der Kochen einen grossen Stellenwert hat. Wir haben oft kulinarische Reisen unternommen, etwa in die Provence.

Welcher Küchenduft erinnert Sie an Ihre Kindheit?

Frischer Rosemarin und Olivenöl.

Yann Sommer kocht: Was am aller allerliebsten?

Ich koche einfach, gesund und ausgewogen. Fisch mag ich. Und im Sommer grilliere ich gerne, zum Beispiel Spargeln oder Crevetten. Dazu serviere ich frisches Gemüse.

Welche Schweizer Spezialität lieben Sie besonders?

Da ich Käse nicht mag, ist die Auswahl etwas eingeschränkt. Sehr gerne esse ich Rösti.

Und welche Esswaren aus Deutschland mögen Sie heiss?

Die deutsche Küche ist mir oft zu deftig. Und ein grosser Wurstesser bin ich auch nicht.

Mögen Sie Süsses?

Ja. Aber ich muss mich zurückhalten, weil es von Berufes wegen nicht zu empfehlen ist, jeden Tag etwas Süsses zu essen. Wenn möglich, versuche ich mich komplett zuckerfrei zu ernähren, was leider nicht immer funktioniert.

Was hält Ihre Mutter von Ihren Kochkünsten?

Das weiss ich ehrlich gesagt gar nicht so genau. Was ich weiss ist, dass meine Eltern erstaunt darüber sind, wie professionell meine Foodbilder mittlerweile aussehen. Sie haben mir das schon mehrmals gesagt. Das macht mich natürlich stolz.

Kochen Sie, um Eindruck zu schinden?

Definitiv nicht. Ich habe mit Kochen angefangen, weil ich daheim mit 17 ausgezogen bin. Da blieb mir nichts anders übrig, als hin und wieder selber an den Herd zu stehen. Heute finde ich es schön, Leute einzuladen und etwas Feines zu kochen, zusammenzusitzen, ein Glas Wein zu trinken und einen guten Abend zu haben.

Wie oft kochen Sie pro Woche?

Sicher drei-, viermal.

Liebe geht durch den Magen: Mag Ihre Freundin Ihre Kochkünste?

Ich glaube ja. Sie hat jedenfalls bisher noch nie etwas Negatives gesagt. Sie darf auch nicht.

Gelächter. Yann Sommer scheint Spass zu verstehen. Wollen doch mal schauen, ob das auch bei den frecheren Fragen so bleiben wird.

Wirklich wahr, dass Torhüter bei Frauen als weniger sexy gelten als Stürmer?

Für mich ist das schwierig zu beurteilen (lacht).

Cristiano Ronaldo, Stürmer bei Real Madrid, sagte in einem Interview, er wolle nicht, dass sein Sohn Goalie werde ...

Okay, aber auch dazu kann ich nichts sagen. Sorry.

Sind Kinder für Sie eigentlich auch ein Thema?

Ja natürlich, eine Familie ist ein Traum. Aber es ist nicht planbar und zur Zeit auch noch weit weg.

Wie attraktiv ist es, eine Spieler-Frau zu sein?

Ich finde den Ausdruck «Spieler-Frau» schlimm. Meine Freundin studiert Jura, macht also etwas komplett Anderes als ich. Sie interessiert sich für Fussball, kommt auch an die Spiele, aber ich finde es wichtig, dass wir beide unsere eigenen Interessen haben und auch weiter pflegen.

Der ehemalige deutsche Fussballprofi Mehmet Scholl sagte kürzlich in einem TV-Interview: «Spieler-Frau dürfen nur ein Hobby haben: Shoppen. Schwieriges Leben.»

Ich sehe das definitiv anders. Für mich war es auch immer wichtig, eine Frau kennenzulernen, die ihr eigenes Leben hat, die nicht abhängig von mir ist und ihre eigenen Ziele hat.

Welches ist der beste Goalie zur Zeit?

Gianluigi Buffon von Juventus Turin ist für mich der beste Torwart aller Zeiten.

Lachen Sie oder leiden Sie, wenn Zeitungen schreiben, sie seien mit 1.83 Meter zu klein, um ein Weltklasse-Goalie zu sein?

Das wird schon seit Jahren über mich geschrieben. Mich stört das null. Ich bin sehr gut gefahren mit meinen 1.83 Metern. Ehrlich gesagt, ich würde es nicht ändern wollen. Ich bin zufrieden so. Ich habe eine gute Goalie-Grösse.

Welches ist Ihre Erklärung, warum Yann Sommer als Torwart Weltklasse ist?

Ich sehe mich selber nicht als Weltklasse. Das müssen andere entscheiden. Ich bin einfach einer, der sehr viel trainiert. Ich stecke mir sehr hohe Ziele und versuche immer besser zu werden. Wo ich schlussendlich hingehöre, zeigt sich dann ...

Sapperlot! Der Fussballer bleibt cool und lächelt sanft.

Der frühere Weltklasse-Goalie Oliver Kahn hat gesagt, ein Torhüter lebe auch immer ein wenig vom Versagen der Stürmer.

Das stimmt sicherlich. Aber es ist nicht immer so. Es ist auch oft der Fall, dass der Torwart eine super Entscheidung trifft. Da kann der Stürmer noch so einen guten Job machen und er bringt den Ball trotzdem nicht ins Tor.

Ihr Traumclub als Bube?

Real Madrid.

Ihre erste Arbeit für Geld?

Da muss ich überlegen. Als Kinder haben wir auf der Strasse irgendetwas verkauft, aber ich weiss nicht mehr, was das war.

Rauben Ihnen sportliche Niederlagen manchmal den Schlaf?

Ja. Vor allem, wenn wir spätabends gespielt haben, schlafe ich oft schlecht, weil das Adrenalin noch viel zu hoch ist.

Wann zuletzt geweint?

Vor drei Monaten.

Aha, so sind also die neuen Männer: Einen Kater haben sie nur noch selten, aber weinen tun sie.

Verdienen Sie genug?

Ich bin sehr zufrieden.

Verraten Sie Ihren Jahresverdienst?

Nein.

Jedes Jahr fliesst mehr Geld in den Fussball. Manche behaupten, die Millionen haben den Profibetrieb und seine Darsteller deformiert.

Ich bin selber in dem Geschäft drin, darum kann ich kein neutrales Urteil abgeben. Natürlich sind es teilweise Summen, die heftig sind. Aber ein Cristiano Ronaldo verdient so viel Geld, weil er so gut ist und Millionen von Leute inspiriert und unterhält. Der Fussball hat sehr viel von einer Unterhaltungsfirma.

Ihr traumatischstes Erlebnis mit dem runden Leder?

Als Goalie erlebt man immer wieder schwierige Momente während eines Spiels. Stellen Sie sich vor, es sind 50'000 Zuschauer im Stadion und es gibt ein Tor, bei dem alle wissen, diesen Ball hätte der Goalie halten müssen: Das ist ein Moment, der extrem zu schaffen macht.

Gibt es eigentlich eine Regel, dass der Torwart den Ball nach einem Tor selber aus dem Netz fischen muss?

Nein.

Warum schafft es die Schweiz an der Fussball-WM nie weiter als ins 1/8-Final?

Erstmal sollten wir uns bewusst sein: Die Präsenz der Schweiz an WM-Endrunden keine Selbstverständlichkeit ist. Das Erreichen der Achtelfinals noch weniger. Die Konkurrenz ist riesig. Es gibt nicht umsonst immer wieder Top-Teams, welche die Qualifikation nicht schaffen oder in den Gruppenspielen ausscheiden. Wenn wir diesmal an die WM gehen können, hoffe ich natürlich, dass wir noch erfolgreicher sein werden als zuletzt. Wir spielten gute Turniere, aber bisher hat uns das letzte Quäntchen Glück gefehlt. Ich hoffe, dass wir das in Zukunft ändern können.

Der Torwart - der einsamste Mensch auf dem Platz?

Es gibt sicher Momente, wo Einsamkeit aufkommen kann. Etwa nach einem selbst verschuldeten Tor, wenn dich alle Spieler mit fragenden Gesichtern ansehen.

Die Fehler der Stürmer sind schon beim nächsten Angriff vergessen. Nur der Goalie hat für seine Fehler ein eigenes Wort, das ihn stigmatisiert: Torwartfehler. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Mit dem Druck lernt man leben und umzugehen. Genau das macht die Position auch spannend: Du darfst dir keine Fehler erlauben und trotzdem passieren sie.

Ihre Elfmeter-Quote liegt unter dem Durchschnitt aller Bundesligatorhüter.

Schön, dass Sie das ansprechen.

Fast hätte Yann Sommer eine Moment die Fassung verloren. Aber wie gesagt: nur fast. Bereits guckt er wieder nett.

Es ist die Realität im Moment. Wir haben viele Elfmeter bekommen in den letzten Monaten und ich habe wenige davon gehalten.

Sie waren mal als züngelender Goalie bekannt – der «Blick» schrieb 2012: «Mit Zungen-Spielen zum Double». – Wieviel Faxen des Goalies sind eigentlich bei Elfmetern erlaubt?

Sie haben uns etwas eingegrenzt, gewisse Dinge gelten heute als Provokation gegenüber dem Schützen.

Zunge raus ist also nicht mehr erlaubt?

Manche Schiedsrichter würden das heute wohl ahnden, deshalb muss man vorsichtig sein.

Ich spiele Badminton und nerve mich regelmässig über Spieler, die bereits vor dem Spiel stinken. Wie schlimm ist der Gestank in den Kabinen der deutschen Bundesliga?

Jeder Spieler hat seinen eigenen Geruch. Aber ehrlich gesagt, es ist mir noch keiner derart unangenehm aufgefallen.

Sie sind seit Jahren Markenbotschafter einer Kosmetikfirma. Haben Sie übelriechende Mitspielern auch schon Müsterchen verschenkt?

Definitiv nicht. Wie gesagt: Im Sport schwitzt man und klar riecht der Schweiss nach einer Stunde nicht mehr so gut. Aber das gehört dazu, das ist Sport. In einer Eishockey-Garderobe ist man sich ganz andere Gerüche gewohnt.

Und jetzt der grosse Talenttest: Sie schätzen bitte Ihr Talent von 0 Punkten, kein Talent, bis zu 10 Punkten, grossartiges Talent. Ihr Talent als Gitarrenspieler?

Schwierig. Ich würde sagen eine gute 6.

... als Sänger?

Auch eine gute 6.

... als Koch?

Eine 7.

... als Gastgeber?

9.

Wann haben Sie zuletzt getanzt?

Das ist noch nicht so lange her. Ich tanze auch für mich allein daheim, wenn gute Musik läuft. Immer wieder.

Was können Sie überhaupt nicht?

Mathematik.

Wie lautet der Titel des Buches, das Sie als letztes gelesen haben?

Zurück zum Kulinarischen: Was und wieviel trinken Sie während eines Spiel?

Wasser, viel Wasser.

Was essen Sie als Letztes vor einem Spiel?

Unterschiedlich. Viel Quinoa, oft Gemüse.

Zum Schluss noch der Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Ich schaue nicht gerne in die Zukunft. Ich bin einer, der im Moment lebt und nicht zu weit nach vorne schaut.

Träumen Sie von einem eigenen Restaurant?

Eigentlich nicht. Und sowieso: So ein Traum wäre vielleicht in zehn Jahren realisierbar. Das ist für mich viel zu weit weg. Ich bin zur Zeit total happy als Fussballer und hoffe, ich darf das noch ein paar Jahre sein. Und was dann ist: Who knows?

Zur Person: Yann Sommer

Yann Sommer, 28, ist Fussballgoalie. Mit dem FC Basel wurde er von 2011 bis 2014 viermal hintereinander Schweizer Meister. Seit der Saison 2014/15 ist er beim deutschen Bundesligaklub Borussia Mönchengladbach unter Vertrag. Seit 2012 spielt er zudem für die Schweizer Nationalmannschaft, die am Freitag, 9. Juni, auf den Faröern ein weiteres WM-Qualifikationsspiel bestreitet. In seiner Freizeit betreibt Sommer den Foodblog «Sommer kocht». Der Fussballer ist seit letztem Jahr mit der Kölner Jus-Studentin Alina liiert.

Ausstrahlungstermine der Kochshow «Bravissimo»: bravissimo.ch

Einen Einblick in die Karriere von Yann Sommer zeigen wir Ihnen in unserer Bildergalerie.

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«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er viele Jahre die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» erschien 2014 im Applaus Verlag, Zürich. Es ist nach wie vor im Buchhandel erhältlich.
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