22.08.2017 - 22:30

Christine Brombach: «Salat ist weiblich, Fleisch ist männlich»

von Bruno Bötschi, Redaktor
 

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Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach spricht über das Essverhalten der Schweizerinnen und Schweizer. Und erklärt, warum Frauen lieber Salat und Männer lieber Fleisch essen.

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Bluewin: Frau Brombach, unsere Lust auf Essen – wodurch wird die eigentlich bestimmt?

Christine Brombach: Diese Lust ist tief in uns Menschen verwurzelt. Ein Baby, das an der Mutterbrust trinkt, nimmt deren Wärme auf und fühlt sich geborgen. Diese Erinnerungen und Gefühle werden in unserem Gehirn abgelegt – und zwar im limbischen System. Dieses ist zuständig für unsere Emotionen. Essen schafft und löst Erinnerungen aus. Dies ist einer der Gründe, warum Essen eine hochemotionelle Angelegenheit ist. Eine literarische Geschichte erklärt diesen Umstand übrigens wunderbar.

Von welcher Geschichte reden Sie?

Die «Madeleine-Episode» aus Marcel Prousts Roman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit».

Erzählen Sie bitte.

Sobald der erste, mit Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee den Gaumen von Marcel, dem Protagonisten der Geschichte, berührt, überkommt ihn ein Glücksgefühl. Er trinkt weiter, versucht dem Geheimnis, das sich mit dem Geschmack verbindet, auf die Spur zu kommen. Plötzlich ist seine Erinnerung wieder da. Der Geschmack ist der jenes Stücks Madeleine, das ihm an einem trüben Tag seine Tante Léonie anbot, und er es aufass, nachdem er es in einen Lindenblütentee getaucht hatte. Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang zudem: Essen ist eine hoch repetitive Angelegenheit.

Das müssen Sie erklären.

Wie alt sind Sie?

Ich wurde kürzlich 50 Jahre alt.

Das heisst, Sie haben in Ihrem bisherigen Leben rund 60'000 Mahlzeiten gegessen. Sie haben also 60'000 mal Messer und Gabel in die Hand genommen. Daraus ergibt sich ein total routiniertes Verhalten. Sprich: Wir lernen, welche Speisen wir wann, wie, wo und in welcher Abfolge verzehren können. Sie essen wahrscheinlich auch immer zuerst die Vor-, dann die Hauptspeise und danach das Dessert. Es käme Ihnen nicht in den Sinn, das Dessert zuerst zu verspeisen

Sie sagten einmal in einem «Spiegel»-Interview: «Fleisch gilt als männlich, Salat als weiblich.»

Männer und Frauen essen tatsächlich unterschiedlich, das belegen zahlreiche Studien. Eine der grössten ist die Nationale Verzehrstudie II in Deutschland von 2008 bei der fast 20'000 Männer und Frauen befragt wurden: Danach essen Männer fast doppelt so viel Fleisch und Wurst wie Frauen, während diese Obst, Gemüse, Joghurt und Salat vorziehen. Männer konsumieren zudem wesentlich mehr Alkohol, Frauen tendieren hingegen mehr zu Diäten. Auch finden sich etwa doppelt so viele Vegetarierinnen wie Vegetarier. Was damit zu tun hat, dass Frauen häufiger bereit sind, Neues auszuprobieren.

Gibt es noch andere Unterschiede?

Männer essen grössere Portionen, beissen herzhaft zu, kauen schneller und kraftvoller. Frauen essen kleinere Portionen, kauen langsamer und nippen am Weinglas.

Errnähren sich die Frauen demnach gesünder?

Ich möchte das nicht so bewerten. Soziologen reden in diesem Fall von «doing gender». Wie stark solche archaischen Rollenmuster sind, zeigt sich besonders gut im Sommer: Grillen ist Männersache, gerne mit einem Bier in der Hand. Den Salat bereiten die Frauen zu. Das heisst: Durch das Essen drücke ich mein Geschlecht aus. Ich mache Ihnen ein Beispiel: Würden wir jetzt in einer Gartenwirtschaft sitzen und der Kellner servierte einen Salat und eine Haxe, würde er wohl ohne viel zu fragen, den Salat vor mich hinstellen und die Haxe vor sie.

Heisst das, unser Essverhalten ist sozial konstruiert?

Genau – und Fleisch ist dabei das symbolträchtigste aller Lebensmittel: Es steht für Kraft und Virilität und verkörpert die dominante Stellung des Mannes. Weil unser Essverhalten evolutionär angelegt ist, verändert es sich auch nur langsam. Schauen Sie einmal in Ihren eigenen Einkaufskorb: Ein Mensch kauft pro Monat nur rund 150 verschiedene Lebensmittel und ändert kaum den eigenen «Warenkorb».

Ich esse seit 40 Jahren regelmässig stichfeste Schokoladen-Joghurts von Migros.

Da sehen Sie es – und dabei gibt es doch unzählige andere Schokoladen-Joghurts oder solche mit anderen Geschmacksrichtungen. Aber Sie kaufen ein, was Sie seit Jahren kennen. Denn dieses Produkt ist Ihnen vertraut und gibt Ihnen Sicherheit. Wir Menschen sind gar nicht so experimentierfreudig wie wir immer meinen.

Im ersten Teil des Interviews sprach «Bluewin» mit Christine Brombach über aktuelle Food-Trends und die Ernährungswissenschafterin erklärte, warum sie es nicht mag, wenn Fleisch verteufelt wird.

Zur Person: Christine Brombach

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Ernährungswissenschafterin Christine Brombach: «Diese Lust ist tief in uns Menschen verwurzelt. Ein Baby, das an der Mutterbrust trinkt, nimmt deren Wärme auf und fühlt sich geborgen.»

Ernährungswissenschaftlerin Christine Brombach, 55, studierte in Giessen, Deutschland, Ernährungs- und Haushaltswissenschaften; 1986 führte sie bei Cherokee-Indianern in North Carolina, USA, Feldforschungen durch. Von 2003 bis 2006 koordinierte die Ökotrophologin die Nationale Verzehrsstudie II am Max-Rubner-Institut in Karlsruhe (D). Seither forscht und lehrt die Professorin am Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Brombach lebt mit ihrem Mann und drei Kindern am Zürichsee.

In unserer Bildergalerie stellen wir die neusten Food-Trends wie Aktivkohle, Ube-Wurzel und Edelhefe vor.

Lesenswert: Das Kochbuch «Besessen» von Elisabeth Bronfen

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