14.09.2017 - 13:09, von Sarah Forrer/SDA/AWP Multimedia

SAC-Hüttenwartin Barbara Wäfler: «Traurig, wie die Gletscher verschwinden»

 

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Barbara Wäfler erlebt den Klimawandel hautnah: Jahr für Jahr schrumpft der Gletscher vor ihrer Haustür, der SAC-Lämmerenhütte im Berner Oberland. Das sei traurig, sagt die 54-Jährige, und hofft, dass die Schweiz beginnt umzudenken.

Barbara Wäfler arbeitet dort, wo andere Ferien machen: in den Alpen. Ihr Beruf: Hüttenwartin. Seit über 25 Jahren empfängt die gebürtige Aargauerin Gäste in «ihrer» Lämmerenhütte. Eine der meistbesuchten SAC-Hütten der Schweiz. Diese liegt auf 2500 Meter Höhe, zwischen dem Wallis und Bern. «Für mich ist es mehr als ein Arbeitsplatz. Es ist meine Heimat. Ein magischer Ort», sagt Wäfler.

Frühmorgens in der Küche. Barbara Wäfler und ihre Crew sind fleissig. Der Wetterbericht verspricht viel Sonne, das bedeutet: viel Arbeit. 96 Gäste werden zum Übernachten und Nachtessen erwartet. Die Suppe, über 30 Liter, köchelt bereits auf dem Holzherd. Jetzt heisst es Gemüse rüsten, Polenta rühren und Ragout kochen.

Was in der Lämmerenhütte auf den Tisch kommt, wird frisch zubereitet, wenn immer möglich mit regionalen Produkten. Das war früher anders, erinnert sich Barbara Wäfler, der Speiseplan wurde dominiert von Dosenravioli und Päcklisuppen.

Bluewin: Frau Wäfler, Sie sind seit 25 Jahren Hüttenwartin. In dieser Zeit haben Sie einige zehntausend Gäste aus aller Welt bedient. Welche sind Ihnen am liebsten?

Barbara Wäfler: Ich habe die Franzosen kennen und schätzen gelernt. Sie sind unkompliziert und freundlich. «Le savoir-vivre» heisst es nicht umsonst. Die Franzosen wissen, das Leben zu geniessen. Sie nehmen vieles nicht so ernst. Das ist angenehm.

Welches Verhältnis haben Sie zu den Schweizer Gästen?

Ein Gutes! Im Vergleich zu den Franzosen verlangen sie aber mehr Extrawürste. Jeden Tag meldet sich jemand mit Allergien an: Gluten, Zöliakie oder sonst eine Unverträglichkeit. Oft wollen sie ein separates fleischloses oder veganes Menu. Doch ich will nicht zu stark gegen Schweizer wettern: Ich bin ja selbst durch und durch Schweizerin! (lacht)

Was zeichnet denn eine Schweizerin aus?

Da kann ich nur die bekannten Klischees bestätigen: pünktlich, zuverlässig, sauber. Manchmal etwas kleinkariert und steif. Das Land selbst ist unglaublich vielfältig. Vor allem die Natur: Hohe Berge, klare Seen, dichte Wälder – und das alles auf engstem Raum. Dazu müssen wir Sorge tragen.

Nachdenklich hält Wäfler inne, schaut aus dem Fenster. Die Natur rund um die Hütte hat im Lauf der 25 Jahre enorm verändert. Viele kleine und einzelne grosse Bäche Gletscherwasser schlängeln sich durch das Geröll in den Daubensee. Wo einst die Gletscherzunge war, ist heute eine Steinlandschaft.

Wäfler schätzt, dass sich der Wildstrubelgletscher in den letzten 100 Jahren fast zwei Kilometer zurückgezogen hat – auf eine Länge von 2,3 Kilometer. Die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen erzählt von Gästen, die nach zehn Jahren erstmals wieder die SAC-Hütte besuchen – und schockiert sind von dem, was sie sehen.

Sie erleben die Folgen der Klimaerwärmung tagtäglich hautnah mit.

Ja. Und es macht mich traurig zu sehen, wie sich unsere Gletscherlandschaft wortwörtlich in Wasser auflöst.

Was tun Sie, um das Klima zu schonen?

Ich achte auf mein Reiseverhalten. Vor 25 Jahren stieg ich zum ersten und einzigen Mal in ein Flugzeug. Wir verbringen unsere Ferien in der Schweiz oder im nahen Ausland. Ich frage mich oft: Ist es wirklich nötig, um die ganze Welt zu fliegen?

Nötig sicher nicht, aber heutzutage gang und gäbe.

Ja, ich weiss. Häufig erzählen Schulkinder, die bei uns in den Ferien mithelfen, von Reisen nach Australien, Indien oder China. Dafür standen sie noch nie auf einem Gletscher. Oder wissen nichts mit sich anzufangen, wenn sie fernab von TV und Internet sind. Uns geht die Einfachheit und der Bezug zur Natur verloren.

Muss die Politik Gegensteuer geben?

Was die Klimapolitik betrifft sicher. Beispielsweise beim Militär. Bei uns düsen im Stundentakt Kampfjets über die Hütte. Für Trainingszwecke. Oder in Sachen Mobilität: Sei es zum Arbeiten, sei es im Freizeitbereich – wir haben ein enormes Verkehrsaufkommen. Hierzulande benutzt man das Flugzeug mittlerweile fast so wie ein Tram. Das kann es doch nicht sein.

Während Wäfler erzählt, rüstet sie Gemüse, hackt Zwiebeln, rührt in Töpfen. Dann zieht sie ihre blaue Schürze aus und verlässt die Küche Richtung Terrasse. Die ersten Tagesgäste wollen bedient werden. So geht das den ganzen Tag. Die Sommersaison dauert vom Juni bis im Oktober, auch im Winter hat die Hütte geöffnet.

Trotz der langen Saison kann sich Barbara Wäfler keinen besseren Beruf als Hüttenwartin vorstellen. Sie liebt das Leben zwischen den Berggipfeln, den Austausch mit den Gästen und insbesondere den naturnahen Lebensstil. Und doch: Einen Tag lang die Schweiz regieren, das würde sie gerne.

Was würden Sie tun, wenn Sie einen Tag lang Königin der Schweiz wären?

Das ist klar: Kampfjets abschaffen. Lieber heute als Morgen.

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