27.09.2017 - 21:45, von Sarah Forrer/SDA/AWP Multimedia

ETH-Professor Robert Riener: «In der Schweiz kommt es auf Sekunden an»

 

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Sein Kosmos ist die ETH. Seine Heimat ist München. Dennoch schätzt Roboterforscher Robert Riener typische Schweizer Eigenschaften: Pünktlichkeit, Ordnung und nicht zuletzt die Schweizer Apéro-Kultur.

Wer denkt, einer der führenden Köpfe der Schweizer Roboterforschung arbeite in einem Hightech-Gebäude, liegt falsch. Das Haus an der Tannenstrasse 1 in Zürich ist alt. So alt, dass die Wendeltreppe bei jedem Schritt knarrt, die gelbliche Farbe von der Wand blättert. Provisorische Kabel hängen an der Decke und die Böden sind mit Spannteppich überzogen.

Im zweiten Stock, Raum E4, empfängt mich Robert Riener. Der braun gebrannte Deutsche mit beigen Hosen und farbigem Hemd sieht aus, als käme er frisch aus den Ferien. Doch das ist für ihn fast ein Fremdwort. «Professoren sind alles Arbeitstiere. Workaholics im wahrsten Sinne des Wortes», sagt der 49-Jährige und grinst.

Riener leitet das Labor für sensomotorische Systeme. Er und sein Team forschen mit Technologien, die behinderten Menschen das Leben erleichtern. Dafür hat er seinen Wohnsitz vor 14 Jahren von München nach Zürich verlegt. 

Bluewin: Herr Riener, von Deutschland in die Schweiz. Mal ehrlich: Wie hart war die Landung?

Robert Riener: Härter als gedacht (lacht). Vor allem die Sprache. Ich verstand anfangs nur Bahnhof. Ich war auch überrascht, wie sehr sich die Kultur unterscheidet.

In welche Fettnäpfchen sind Sie getreten?

In Deutschland beginnen Sitzungen zwar pünktlich aber vielleicht mit ein oder zwei Minuten Verspätung. Also kam ich jeweils etwas knapp. In meiner Abwesenheit wurde ich bereits schon als der neue Professor vorgestellt … Ich lernte rasch: Hier kommt es auf Sekunden an! Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnung – das sind Schweizer Eigenschaften, die ich mittlerweile sehr schätze. Übrigens auch die Apéro-Kultur.

Die Apéro-Kultur? Das müssen Sie erklären.

In Deutschland laden wir Bekannte oft zu Kaffee und Kuchen ein. In der Schweiz wird am Nachmittag nichts aufgetischt, dafür geht‘s um 17 Uhr immer zum Apéro. Auch nach ETH-Veranstaltungen wird «apérölet». Diese Kultur mit Orangensaft, Wein, Häppchen und süffigen Gesprächen ist mir sehr sympathisch.

An der ETH sind 70 Prozent der wissenschaftlichen Angestellten aus dem Ausland. Nimmt man die administrativen und technischen Stellen hinzu, sind es immer noch mehr als die Hälfte. Spielt da die Nationalität überhaupt eine Rolle?

Nein, im Gegenteil: Die Forschung lebt vom Austausch. Beim Roboterarm «ARMin», der Menschen nach einem Schlaganfall hilft, den Arm wieder zu gebrauchen, arbeiteten beispielsweise über 10 verschiedene Nationen über Jahre hinweg eng zusammen. Forschung aus dem Elfenbeinturm – das gibt es nicht, das geht nicht!

Die Beweise hängen überall eingerahmt an der Wand hinter dem Sofa. Robert Riener holt ein Foto und streckt es mir hin. Es zeigt einen Rollstuhlfahrer in Aktion. «Das ist vom Cybathlon», sagt er. Der Wettkampf fand im Oktober 2016 in Kloten statt. Über 60 Teams aus 25 Ländern zeigten, wie Robotertechnik im Alltag von Menschen mit Behinderung funktioniert. In sechs Disziplinen traten sie gegeneinander an. Angefeuert wurden sie von 4600 Zuschauern. Gefilmt von zig Kameras. Das Schweizer Fernsehen übertrug den Event live.

Der Cybathlon war Rieners Idee. Sein Ziel: Forscher anspornen. Weltweit. Und Menschen zusammenbringen – mit und ohne Behinderung. Der Plan ging auf. Der Event schlug ein. Für den 49-Jährigen einer der Höhepunkte seiner Karriere. «Darauf bin ich schon ein wenig stolz», sagt er. 2020 soll eine zweite Ausgabe stattfinden. 

Der «Cybathlon» hat weltweit hohe Wellen geschlagen. Ist er ein Paradebeispiel, was in der kleinen Schweiz möglich ist?

Die Forschung wird in der Schweiz sehr gefördert. Wir belegen in internationalen Rankings immer wieder Spitzenplätze. Allein die ETH Zürich bringt jährlich rund 25 Spin-Off-Firmen hervor. Es gibt verschiedene Finanzierungstöpfe. Der Austausch zwischen Industrie und Wissenschaft funktioniert. Trotzdem ist der Nährboden in den letzten Monaten und Jahren eher schlechter geworden. Wir verlieren an Terrain.

Warum?

Zum einen hat sich die rechtliche und steuerliche Lage für die Industrie und Firmengründungen verschlechtert. Das Problem der aktuellen «Frankenstärke» macht die Situation nicht gerade einfacher. Zum anderen schadet die Stimmungsmache gegen Ausländer dem Land. Das hindert manche klugen Köpfe daran, in die Schweiz zu kommen.

Sprechen Sie damit den Vorstoss von Toni Brunner an? Der SVP-Nationalrat forderte anfangs Jahr einen Stopp für ausländische Professoren.

Unter anderem. Solche Aussagen sind Gift für das Klima. Forschung lebt vom internationalen Austausch. Wenn man Forscher aus dem Ausland nicht mehr in die Schweiz lassen möchte, dann könnte man die ETH gleich schliessen.

Haben Sie sich schon mal überlegt, der Schweiz den Rücken zu kehren?

Nein, im Gegenteil. Ich bin daran, den Schweizer Pass zu beantragen. Die ETH ist ein hervorragender Arbeitgeber; ich geniesse viele Freiheiten. Und ich habe eine wunderbare Schweizerin als Partnerin. Mehr kann mir kein anderes Land bieten.

Gesprächsserie: «Wir sind die Schweiz»

Die Schweiz ist ein Land, in dem man gerne lebt, in dem fast alles funktioniert, manches sogar perfekt. In unserer Gesprächsserie «Wir sind die Schweiz» sprechen wir mit Menschen aus unserem Land über ihre Sicht auf die Heimat. Den Anfang machten Swiss-Pilotin Alexandra HärtnerRaiffeisen-CEO Patrik Gisel und SAC-Hüttenwartin Barbara Wäfler.

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