14.11.2017 - 23:30, von Ralph Hofbauer/SDA/AWP Multimedia

Nicola Forster: «Die Schweizer Bescheidenheit hat auch Nachteile»

 

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Nicola Forster widerlegt das Vorurteil des engstirnigen Schweizers. Der Kosmopolit pendelt mit dem Think-Tank «foraus» zwischen Zürich, Berlin und New York hin und her. Seine Mission: Die Vorzüge der direkten Demokratie in die Welt hinaustragen.

Sein Markenzeichen ist die Fliege. Zwar gibt es bereits einige prominente Fliegenträger in der Schweiz, doch keiner von ihnen ist ein Vertreter der Generation Y. Umso mehr sticht das ungewöhnliche Accessoire ins Auge. Ungewöhnlich sind auch die Ideen des 32-Jährigen. Mit dem Think-Tank «foraus» sorgt Nicola Forster für frischen Wind in der Politszene.

Ursprünglich haben sich Forster und seine Mitstreiter mit dem Forum für Aussenpolitik vor allem im Inland engagiert. Vor acht Jahren verfasste die Denkfabrik ihr erstes Diskussionspapier.

Seither hat der Think-Tank immer wieder für Kontroversen im Parlament gesorgt. Mittlerweile macht «foraus» auch im Ausland von sich reden. Nach Zürich, Genf und Berlin entstehen Schwester-Think-Tanks in Paris, London, Wien und New York.

Bluewin: Herr Forster, New York ist im Moment Ihr Lebensmittelpunkt. Wie fühlt sich das Leben im Amerika unter US-Präsident Donald Trump an?

Nicola Forster: Es ist ein spannender Moment, um in den USA zu sein und hier eine Organisation aufzubauen. Seit der Wahl von Trump spürt man ein zivilgesellschaftliches Erwachen. Diese Dynamik ist faszinierend und wird von den Medien kaum je aufgenommen. Natürlich ist es auch komfortabel zu wissen, dass ich jederzeit in die Schweiz zurückkehren könnte.

Was vermissen Sie an der Schweiz?

Die kurzen Wege. In den Schweizer Städten liegen die Naherholungsgebiete vor der Haustür. In New York muss man immer extra irgendwo hin fahren, um sich zu erholen. Das Kleinräumige der Schweiz hat durchaus Vorteile.

Gilt das auch für die Politik? Sind auch dort die Wege kürzer?

Ja. In Bern kann man sich mit Parlamentariern einfach auf einen Kaffee treffen. In den USA ist die politische Elite – wie in den meisten Ländern – weniger zugänglich. Die Schweiz ist ein guter Ort, um im politischen Rahmen etwas aufzubauen, wenn man von ausserhalb der Classe Politique kommt. Schliesslich ist der partizipative Bottom-up-Gedanke, der für unseren Think-Tank zentral ist, fest in unserem politischen System verankert: Jede und jeder hat etwas zu sagen, wenn es um die Zukunft unseres Landes geht.

Verbindet man die Schweiz im Ausland denn überhaupt mit der direkten Demokratie?

Dass die Bürger direkt am Staat mitwirken können, ist etwas, worum uns viele beneiden. Dennoch ist unser Image stark von Klischees geprägt. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir Schweizer in die Welt rausgehen und ein realistisches Schweizbild aufzeigen – das Bild einer Schweiz, die sich wandelt und die von internationalen Einflüssen geprägt ist. Natürlich ist unser Land beschaulich und schön, aber eben auch sehr urban und innovativ. Ich finde es traurig, wenn wir nur für Heidi und Schoggi bekannt sind.

Was kann das Ausland von der Schweiz lernen?

Viele Elemente des Schweizer Systems lassen sich auch in anderen Ländern umsetzen. Ob in Berlin oder New York – die partizipative Kultur der Schweiz stösst auf grosses Interesse. Durch das Kleinteilige unseres Landes ist auch das Potenzial für Innovationen sehr gross. Die Schweiz ist ein Labor, um Lösungen auszuprobieren, die dann in die Welt hinausgetragen werden können.

Zum Zeitpunkt des Interviews verbringt Nicola Forster einige Tage in der Schweiz. Wir treffen ihn im Büro von «foraus» in Zürich Wipkingen. Das 12-köpfige Team bekommt den Gründer immer seltener zu Gesicht. Forster kommt gerade aus Paris, wo er an einem Kongress einen Vortrag gehalten hat.

Nach Abschluss seines Jus-Studiums an der Universität Zürich hätte es sich Forster in einer Anwaltskanzlei bequem machen können. Stattdessen hat er sich für das Abenteuer «foraus» entschieden. Wie lange er noch in den USA bleibt, steht in den Sternen. Seine Devise lautet: «Da hingehen, wo ich etwas beitragen kann.»

Schweizer gelten nicht unbedingt als weltoffen. Wie haben Sie gelernt, über den Tellerrand zu blicken?

Ich habe einen typisch schweizerischen Migrationshintergrund (lacht). Mein Urgrossvater ist aus der Ukraine in die Schweiz gekommen, meine Urgrossmutter aus Ungarn. Meinen Eltern war es immer wichtig, dass ich Sprachen lerne und auf eigene Faust die Welt entdecke. Vermutlich habe ich mich deshalb immer für das Weltgeschehen interessiert. Nach meinem Studium hatte ich Lust, eine Organisation zu gründen, die diese Weltoffenheit verkörpert und jungen Leuten ermöglicht, sich mit ihren Ideen und ihrem Wissen zu engagieren.

Welche typisch schweizerischen Eigenschaften werden Ihnen erst im Ausland so richtig bewusst?

In New York habe ich gemerkt, dass die Schweizerische Bescheidenheit auch Nachteile hat. Wenn wir mit «foraus» wahrgenommen werden wollen, müssen wir so selbstbewusst wie die Amerikaner auftreten. Das ist gewöhnungsbedürftig, gleichzeitig aber auch sehr inspirierend. Viele versuchen hier, sich selbst zu verwirklichen und etwas aufzubauen – und dieser Drive ist sehr ansteckend.

In den Augen von «foraus» gibt es den typischen Schweizer ja nicht. Im Buch «Neuland» betonen Sie die Heterogenität unseres Landes und bezeichnen die Migration als konstitutives Merkmal der Schweiz. Wie kommen Sie auf diese These?

Seit der Industrialisierung waren es immer wieder Migranten, die wichtige Beiträge für den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz geleistet haben. Von Ausländern gegründete Firmen wie Nestlé, Brown Boveri und Swatch haben ganze Industrien geprägt. Auch den Bergtourismus haben nicht die Schweizer gross gemacht, sondern die Engländer. Heute ist die Fussball-Nati das beste Beispiel dafür, dass unsere Kultur von der Migration geprägt ist. Ich bin überzeugt, dass wir für den Erfolg auch in Zukunft die besten Köpfe brauchen – egal, ob diese aus dem Aus- oder Inland kommen.

foraus: Der Schweizer Think-Tank zur Aussenpolitik

Der Think-Tank «foraus» entwickelt wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für aussenpolitische Entscheidungsträger und die breite Öffentlichkeit, um so die Lücke zwischen Wissenschaft und Politik zu schliessen. Die 2009 gegründete Organisation hat heute weltweit rund 1‘000 Mitglieder, die sich ehrenamtlich engagieren.

Gesprächsserie: «Wir sind die Schweiz»

Die Schweiz ist ein Land, in dem man gerne lebt, in dem fast alles funktioniert, manches sogar perfekt. In unserer Gesprächsserie «Wir sind die Schweiz» sprechen wir mit Menschen aus unserem Land über ihre Sicht auf die Heimat. Bisher sprachen wir mit: Swiss-Pilotin Alexandra HärtnerRaiffeisen-CEO Patrik GiselSAC-Hüttenwartin Barbara WäflerETH Professor Robert RienerSRF-Moderator Nik HartmannSpitzenkoch Andreas Caminada und Ski-Weltmeister Luca Aerni.

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