24.10.2017 - 23:30, von Ursina Trautmann/SDA/AWP Multimedia

Ski-Ass Luca Aerni: «Die Medaille ist eine Motivationsspritze»

 

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Er jasst, fährt Ski, spricht fliessend Deutsch und Französisch: Eigentlich ist Luca Aerni ein typischer Schweizer. Nur in einem hebt sich der bodenständige Berner ab: Er liebt das Risiko. Und setzt alles auf die Karte Ski.

Flughafen Dübendorf. 10 Uhr morgens. Die herbstlichen Nebelfelder lösen sich auf und machen der Sonne Platz. Von Schnee fehlt jede Spur – und doch denkt Luca Aerni bereits ans Christkind: «Es fühlt sich an wie Weihnachten», sagt der 24-jährige Skirennfahrer. Er hievt zuerst einen grossen, schwarzen Sack ins Auto, bevor er eine weitere grosse Tasche danebenquetscht und den Kofferraum schliesst.

Die vorweihnachtliche Geschenkeflut hat einen Grund: Es ist Materialabgabetag für das Schweizer Skiteam. Bereits seit den frühen Morgenstunden schlendern die Skistars in der grossen Halle von Stand zu Stand und packen sich die Tasche voll: neue Helme, Rennanzüge, Ski- und Sonnenbrillen. Aber auch Rivellaflaschen, Hüte und Burgerstein-Vitamine.

Luca Aerni selbst wird die Gaben am nächsten Tag genauer anschauen. Jetzt heisst es für den amtierenden Kombinationsweltmeister erst einmal Interviews geben, mit Teamkollegen und Sponsoren plaudern und Kaffee trinken. 

Bluewin: Herr Aerni haben Sie heute schon gejasst?

Luca Aerni: Nein, dazu hatten wir noch keine Zeit (lacht). Das muss wohl bis zum Saisonstart warten.

Sie sind aber ein angefressener Jasser?

Ja, ich spiele gerne. Wenn wir warten müssen – und das kommt oft vor – holen wir die Karten raus. Jassen ist ein guter Mix aus Glück und Geschick. Es ist gleichzeitig Team- und Einzelleistung. Das gefällt mir.

Mit wem spielen Sie am liebsten?

Im Slalomteam klar mit Reto Schmidiger. Der hat immer alles im Griff, weiss haargenau welche Trümpfe bereits gegangen sind. So ein Partner ist Gold wert. Einziger Wermutstropfen: Als Nidwaldner will er natürlich mit den deutschen Karten spielen. Ich hingegen bin mit den französischen Karten aufgewachsen.

Sie sind in Crans-Montana geboren. Als sie vier Jahre alt wurden, zogen Sie mit der Familie ins bernische Grosshöchstetten. Sie sprechen fliessend Französisch und Deutsch. Hand aufs Herz: Wo fühlen Sie sich wohler, im Wallis oder in Bern?

(Überlegt lange) In Grosshöchstetten ging ich zur Schule, habe lange Zeit Fussball gespielt, dort wohnt meine Familie. Mit Crans-Montana verbinden mich die Berge. Dort war ich im Skiclub, wurde gefördert und gewann die ersten Rennen. Beides sind wichtige Stationen in meinem Leben. Ich fühle mich an beiden Orten daheim.

Das Gespräch wird immer wieder unterbrochen. Kollegen klopfen auf die Schulter. Ein Funktionär fragt nach seinem Anzug der letzten Saison. Und ein kleiner Bube hält schüchtern sein T-Shirt hin. Luca Aerni kritzelt seinen Namen auf den Stoff.

Seit er im Februar in St. Moritz überraschend Weltmeister wurde, hat der Rummel um den besonnenen Berner zugenommen. Die Medienanfragen häufen sich. Auf der Strasse wird er angesprochen. Neue Sponsorenanfragen tröpfeln rein. Eine neue Situation für den Skirennfahrer: «Vor dem WM-Titel hatte ich neben dem Training Zeit für mich und meine Freunde.»

Nun muss er seine Termine besser koordinieren. Auch einmal «Nein» sagen. Und den Fokus nicht verlieren. Den Sommer verbrachte er mit akribischer Vorbereitung. Er will in der nächsten Saison beweisen, dass der WM-Titel kein Zufallstreffer war. Dazwischen hat er zehn Tage Ferien reingeschoben. Mit seiner Freundin reiste er nach Fuerteventura. Surfen. Kein Training. Ruhe. Leben für die nächste Welle.

Sie wurden früher oft gefragt: Was machen Sie als Skifahrer eigentlich im Sommer? Diese Frage müssen Sie in diesem Jahr wohl nicht mehr beantworten ...

(Lacht) Ja, als Spitzensportler lebt es sich leichter. Das Interesse und das Verständnis sind grösser. Mit 17 Jahren musste ich mich oft rechtfertigen. Ich wurde gefragt: «Willst du nicht etwas rechtes lernen? Etwas mit Händen und Füssen». Oder: «Skiprofi ist doch kein Ziel im Leben. Das ist ein verrückter Traum!» Da braucht es schon Selbstvertrauen, hinzustehen und zu sagen: «Ja, genau das will ich!». Die Schweiz ist nicht sehr risikofreudig. Alles, was vom konformen Weg abweicht, wird erst einmal sehr skeptisch beäugt.

Wie ist das im Ausland?

In den USA ist es ganz anders. Die Leute finden es cool, wenn man ausgefallene Sachen macht – ganz egal wie erfolgreich man ist. Dort wird viel mehr ausprobiert. Scheitern gehört dazu. In der Schweiz ist das verpönt.

Davon haben Sie sich aber nicht unterkriegen lassen.

Nein, ich habe einen dicken Schädel (lacht). Und mein Umfeld hat mich immer mit Geld und Zeit unterstützt. Allen voran meine Eltern. Ohne Familie, die hinter einem steht, ist es in der Schweiz schwierig, im Sport an die Spitze zu kommen.

Sie haben einen Bruder und eine Schwester. Beide waren auch ambitionierte Skifahrer – haben dann aber aufgehört.

Da waren meine Eltern gar nicht so unglücklich. Gleich drei Kinder hätten sie wohl nicht an die Spitze begleiten können …

Ist der WM-Titel auch ein Dankeschön an alle, die Sie unterstützt haben?

Ja sicher! Es ist schön, wenn man zeigen kann: Es geht vorwärts. Die jahrelangen Mühen haben sich gelohnt.

Und was bedeutet die Medaille für Sie persönlich?

Für mich ist es eine Motivationsspritze: Ich will auch in dieser Saison wieder Vollgas geben.

Startschuss zur Weltcup-Skisaison: Kommendes Wochenende geht es mit den Riesenslaloms für die Frauen und Männer im österreichischen Sölden los. Am Wochenende vom 11./12. November folgen die ersten Slalom-Rennen im finnischen Levi, danach die ersten Speed-Rennen in Nordamerika.

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