23.10.2017 - 22:30

Helen Slawik: «Der Schlafbedarf variiert bei jedem Menschen stark»

von Mariannen Siegenthaler, Redaktorin
 

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Kaum werden die Tage wieder kürzen, klagen viele Menschen über Müdigkeit. Woher kommt das? «Bluewin» hat nachgefragt bei Schlafmedizinerin Dr. Helen Slawik.

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Die Zeitumstellung auf die Winterzeit ist für die meisten Menschen kein Problem – kein Wunder, uns wird ja quasi eine Stunde geschenkt. Trotzdem fühlen sich viele Menschen schlapp und müde, kaum werden die Tage kürzer.

Woran liegt’s? Dr. med. Helen Slawik, Oberärztin und ärztliche Leitung klinisches Schlaflabor, Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel, hat die wichtigsten Fragen dazu beantwortet.

Bluewin: Frau Slawik, weshalb sind viele Menschen in der dunklen Jahreszeit so müde, dass sie am liebsten schon um acht Uhr ins Bett fallen würden?

Helen Slawik: Unsere tageszeitliche Rhythmik, die nur ungefähr 24 Stunden entspricht, ist individuell genetisch verankert und wird durch sogenannte «Zeitgeber» beeinflusst. Unter diesen ist das Licht einer der stärksten. Daher sind wir Menschen nicht nur im Tagesverlauf, sondern auch saisonal rhythmisiert.  

Was heisst das konkret?

Im Winter, wenn es kürzer und weniger hell ist, wird das bei tagaktiven Lebewesen wie dem Menschen als «Schlafhormon» wirkende Melatonin früher und länger freigesetzt. Dadurch sind wir müder. Da unter anderem auch soziale Kontakte, Umgebungstemperatur und körperliche Aktivität dies regulieren und individuelle Unterschiede bestehen, ist die winterliche Müdigkeit bei einzelnen Personen unterschiedlich ausgeprägt.  

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Schlafmedizinerin Helen Slawik: «Gegen Müdigkeit helfen Licht, soziale Kontakte, körperliche Aktivität, stimulierende oder aufregende geistige Aktivität.»
Bild: zVg

Gibt es Unterschiede zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen?

Individuell variiert der Schlafbedarf stark und nimmt bis zum Erwachsenenalter ab. In der Regel brauchen Jugendliche aber deutlich weniger Schlaf als Kinder und haben einen späteren Rhythmus. Mit dem höheren Lebensalter wird der Rhythmus oft nach vorne verlagert. Junge Menschen sind häufiger «Eulen», ältere «Lerchen», werden also früher müde.

Jüngere Menschen haben einen tieferen und kontinuierlicheren Schlaf. Sie können sich flexibler an wechselnde Bettzeiten anpassen. Ältere Menschen hingegen haben einen weniger tiefen und kontinuierlichen Schlaf. Ihr Schlaf ist mehr von Gewohnheiten abhängig.

Insgesamt ist der so genannte biphasische Schlaf mit Mittagsschlaf natürlicher als der monophasische, also eine einzige Schlafphase während der Nacht. Im Berufsleben ist das schwierig zu realisieren, im Rentenalter hingegen schon. Dabei gilt zu beachten, dass ein Mittagsschlaf von mehr als 30 Minuten den Nachtschlaf verkürzt.  

Was kann man gegen die Herbstmüdigkeit tun?

Gegen Müdigkeit helfen Licht, und zwar vor allem im blauen Spektrum beziehungsweise Tageslicht, soziale Kontakte, körperliche Aktivität, stimulierende oder aufregende geistige Aktivität. Insbesondere frühmorgendliche Lichtexposition unmittelbar nach dem Aufstehen hilft für eine verbesserte Stimmung und geringere winterliche Müdigkeit.

Zu dieser Zeit ist der Einfluss des Lichtes auf die «innere Uhr» besonders gross. Unabdingbar ist natürlich die Schlafhygiene mit regelmässigen, ausreichend langen Bettzeiten. Dazu gehört aber auch, abends ruhigere Aktivitäten zu bevorzugen und den Medienkonsum zu begrenzen.

Aktivierende Substanzen wie Koffeingetränke oder solche, die den Schaf stören, wie Alkohol, sind zu begrenzen. Bei Müdigkeit trotz ausreichend langem Nachtschlaf gilt es, natürlich organische Ursachen wie eine Schlafapnoe, also schlafbezogene Atmungsstörungen, Beinbewegungen im Schlaf, Vitaminmangelzustände,  

Was hat Lichtmangel sonst noch für Auswirkungen?

Da Vitamin D nur als Provitamin mit der Nahrung aufgenommen wird und das Endprodukt durch Sonnenlicht in der Haut gebildet wird, kann Lichtmangel in den Wintermonaten zu Vitamin D-Mangel führen. Dies kann unter anderem Müdigkeit, niedergedrückte Stimmung, Muskelschwäche oder -krämpfe, Knochenschwund und vermehrte Infekte zur Folge haben. Daneben begünstig der Lichtmangel psychische Erkrankungen wie Depression und Schlafstörungen.  

Manche Menschen klagen auch über Heisshunger. Gibt es da einen Zusammenhang?

Winterlich höheres Schlafbedürfnis geht häufig mit vermehrtem Hunger und körperlicher Schwäche einher. Diesen saisonalen Variationen gilt es einerseits im Alltag Rechnung zu tragen. Schliesslich ist der Mensch keine Maschine, die jeden Tag gleich funktioniert. Ausserdem stellen diese Veränderungen eine physiologische Anpassung an die saisonalen Schwankungen dar, denn im Winter, wenn es kalt und dunkel ist, sollen Ressourcen geschont werden.

Für die saisonale Winterdepression ist typisch, dass höheres Schlafbedürfnis, Heisshunger und körperlicher Schwäche in krankhaftem, das heisst alltagsbehinderndem Ausmass vorhanden sind. Für eine nicht-saisonalen Depression sind Insomnie, also Ein- und Durchschlafstörungen, und Appetitmangel typisch.

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Zur Person: Dr. med. Helen Slawik

Dr. med. Helen Slawik ist Oberärztin und ärztliche Leiterin des klinischen Schlaflabor. Das Schlafzentrum der Basler Universitätskliniken ist eine Kooperation zwischen der Universitären Psychiatrischen Klinik UPK Basel und dem Universitätsspital Basel. Slawik ist zudem Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Chronobiologie bei Prof. C. Cajochen an der UPK.

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