07.11.2017 - 21:20

Walter Pfeiffer: «Pharrell Williams wäre ich fast davon gelaufen»

von Bruno Bötschi, Redaktor
 

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Walter Pfeiffer wurde erst mit 60 als Fotograf international bekannt. Der Spätzünder, über den demnächst ein Film in die Kinos kommt, verrät sein Erfolgsrezept und erzählt, warum er während eines Shootings mit Musiker Pharrell Williams fast davon gelaufen wäre.

Lange sei er belächelte worden, sagt Walter Pfeiffer. Erst ab dem Jahr 2000 habe sich das Blatt gewendet. Seither ist der gebürtige Schaffhauser, kaum zu bremsen. Der 71-Jährige wird von den namhaftesten Modelabels und Fashionzeitschriften gebucht.

Demnächst steht Pfeiffer noch mehr im Mittelpunkt: Am 23. November kommt «Chasing Beauty», eine Filmdoku über sein Schaffen, in die Kinos. Neben Leuten, die den Künstler auf seinem Weg begleitet haben, kommen auch ehemalige Modelle zu Wort,

Bluewin: Herr Pfeiffer, wann langweilten Sie sich zuletzt?

Walter Pfeiffer: Gelangweilt habe ich mich schon lange nicht mehr – zuletzt wahrscheinlich im Zivilschutz. Es war die grösste Langweile meines Lebens. Zum Glück ist das schon 100 Jahre her. Heute langweile ich mich nie, ausser ich muss in einer Schlange stehen ... ach, nicht mal dann langweile ich mich so wie damals im Zivilschutz.

Andere Menschen haben sich mit 71 längst zur Ruhe gesetzt. Sie hingegen sind beruflich erfolgreicher denn je.

In meinem Leben kam alles spät. Die sogenannte Profi-Abteilung hat mich erst kurz vor 60 als Fotograf entdeckt. Davor rief mir niemand an. Erst im Jahr 2001, nachdem mein dritter Bildband «Welcome Aboard» erschienen ist, begann sich das langsam zu ändern. Das Magazin «Achtung» war das erste, das mir einen Auftrag erteilte, etwas später «i-D», dann «Vogue Hommes» und «Vogue Paris», danach ging es richtig los. Ja, es war spät, aber nicht zu spät. Wenn es erst mit 70 angefangen hätte, wäre es schwerer gewesen.

Was treibt Sie an?

Die Arbeit macht Spass, sie ist nicht langweilig und es sind keine «Oh nein»-Jobs.

Wenn Sie ohne Kamera unterwegs sind, bekommen Sie Entzugserscheinungen?

Überhaupt nicht. Ich vergesse sie auch meistens mitzunehmen.

Sie haben nicht ständig eine Kamera dabei?

Nein, immer wenn es gut wäre, vergesse ich sie (lacht).

Demnächst kommt ein Film über Sie in die Kinos.

Es wäre natürlich toll gewesen, wenn «Chasing Beauty» realisiert worden wäre, als ich 40 war. Damals habe ich noch besser ausgesehen (lacht).

Haben Sie den fertigen Film bereits gesehen?

Ja – und dabei ist mir klar geworden: Ich hätte mehr Make-up verwenden sollen. Es ist zwar ein Dokumentarfilm, trotzdem wäre es besser gewesen.

Wie gefällt Ihnen «Chasing Beauty» von Iwan Schuhmacher?

Ich hatte kein Mitspracherecht, durfte nicht reinreden. Als Fotograf bin ich es gewohnt, mein eigenes Zeugs zu machen. Iwan Schuhmacher aber blieb stur, wenn ich etwas ändern wollte, sagte er immer: «Nein, nein, nein.»

Sind Sie nicht zufrieden mit dem Film?

Doch, doch. Aber ich hätte noch mehr neuere Bilder und neuere Modelle gezeigt. Und ein paar berühmte Personen fehlen auch.

Schuhdesigner Manolo Blahnik kennen Sie seit Ewigkeiten. Er kommt im Film nicht vor. Weshalb?

Manolo hätte ich gerne dabei gehabt. Aber irgendwie hat es nicht geklappt. Ich weiss nicht mehr genau, warum und wieso. Ich bin sicher, hätte ich Manolo angerufen, er hätte mitgemacht. Ich habe ihn 1971 in London zum ersten Mal fotografiert. Er hatte damals noch keine Läden, war einfach eine extreme Figur. Ich reiste vom stillen Zürich ins bunte London. Das war total inspirierend. Lustigerweise kommt demnächst auch ein Film über Manolo Blahnik in die Kinos. Darin wird ein Foto zu sehen sein, dass ich von ihm in einem Londoner Park gemacht habe.

Sind Sie traurig, dass es mit Manolo Blahnik nicht geklappt hat?

Man hätte mehr pushen müssen. Wenn man etwas wirklich will, muss man pushen. Man muss dranbleiben und wenn die erste Ohrfeige kommt, nicht grad den Schwanz einziehen, sondern sofort wieder aufstehen und weitermachen.

Was ist die Kamera für Sie: Baby oder Partner?

Weder noch. Es ist ein nötiges Übel (lacht). Fotografie war für mich jahrelang Mittel zum Zweck. Ich konnte so die Leute, die ich um mich hatte, herum dirigieren. Ich konnte sagen: «Geh mal da nach hinten, das wäre doch noch schön» oder «Komm wir machen das» oder «Findest du es nicht gut, wenn du den Kopf da reinhalten würdest?».

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren allerersten Auftrag als Fotografen?

Das muss Anfang der 1970er Jahre gewesen sein. Ein befreundeter Grafiker beauftragte mich für eine Pelzfirma einen Bisam-Mantel zu fotografieren. Ich liess das Mädchen, ein 08/15-Model, auf den neuen Treppen beim Gymnasium Freudenberg in Zürich mehrmals rauf- und runterlaufen und machte ein paar Mal Klick. Danach meinte der Grafiker: «Ui, die sind ja gut, das hätten wir gar nicht gedacht.» Trotzdem gab es jahrelang keine weiteren Bildaufträge mehr.

Sie sind schwul, fotografieren oft und gerne junge Männer: Haben Ihnen noch nie wütende Eltern angerufen?

Nein, das ist nie passiert. Vielleicht liegt es daran, dass die jungen Männer nie Böses über mich erzählt haben.

Im Film werden Männer gezeigt, die Sie in den 1980er Jahren fotografiert haben. Was auffällt: Alle betonen in den Interviews ausdrücklich, dass Sie nicht schwul seien.

Es ist mir rätselhaft, warum sie das so explizit tun. Vielleicht, weil Sie um ihre berufliche Karriere fürchten. Die Jungs haben sich früher oft über mich lustig gemacht. Aber mir war immer klar: Darauf darf ich nicht eingehen. Ich hatte immer nur mein Ziel im Kopf. Es waren alles wunderschöne Menschen und ich wollte die schön fotografieren. Es gibt auch heute Models, die saufrech sind, aber das lasse ich nicht an mich ran, sondern amüsiere mich darüber.

Im Film «Chasing Beauty» erzählen Sie, dass Sie gerne Wandern. Wandern gehen doch nur Bünzlis.

Ich bin ein Bünzli (lacht).  

Und ernsthaft?

Mein Kopf ist oft voller Zeugs und dann fängt das an zu laufen und hört nicht mehr auf. Während dem Wandern geht dieses Durcheinander weg und ich bekomme wieder einen freien Kopf.

Fotografieren Sie auch während Ihren Wanderungen?

Wenn ich unterwegs bin und mir etwas gefällt, mache ich einfach Klick.  

Was machen Sie mit diesen Natur-Bildern?

In meinem Archiv hat es ganz, ganz viele. Ein Buch davon gibt es nicht, noch nicht. Ich weiss ja nicht, was die dann machen, wenn ich einmal nicht mehr da bin ... 

Sie leben seit Jahrzehnten in Zürich ...

... seit 1966. 

War Ihnen die Möchtegern-Weltstadt nie zu eng?

In Zürich hatte ich mein Umfeld. Meine Freunde besuchten mich im Atelier. Das mochte ich sehr. Deshalb hat es mich immer wieder zurückgezogen. 

Wie muss ein Model aussehen, dass Sie es gerne fotografieren?

Ich muss aus der Rolle fallen, irgendwie.

Das müssen Sie erklären.

Ich falle aus der Rolle, wenn mich das Model mehr beschäftigt als «Danke vielmals, auf Wiedersehen».

Wirklich wahr, dass Sie nie einen Lebenspartner hatten?

Das sagt man. Vielleicht liegt es daran, weil ich in meinem Leben derart viele Männer fotografiert habe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein anderer Mann ausgehalten hätte. Der wäre doch immer tödlich eifersüchtig gewesen.

Waren Sie nie traurig darüber, dass Sie die grosse Liebe nicht gefunden haben?

Doch, doch ... vielleicht (lacht).

Was ist Ihr Rezept für ein gutes Foto?

Ich stelle mich dumm und schaue, ob das Model auch etwas im Kopf hat. Sprich, ob mich das Model inspirieren kann. Gute Modelle bringen auch eigene Ideen mit.

Ihr Erfolgsrezept, heisst es, sei Ihre grosse Freude während der Arbeit.

Es gibt Fotografen, die auf dem Set zeigen müssen, dass Sie der Grösste sind. Mir ist das total fremd. Ich brauche eine gute Stimmung auf dem Set und ich kann gut zuhören – dem Coiffeur genauso wie der Putzfrau. Ich sage oft: «Okay, deine Idee probieren wir jetzt gleich aus.»  

Sind Sie je während eines Foto-Shootings davongelaufen?

Nein, aber 2013 bei Pharrell Williams in Miami war ich nahe daran.

Erzählen Sie.

Oh, bei diesem Auftrag musste ich viel lernen. Ich sollte den Musiker in seinem Penthouse fotografieren. Nachdem wir in der Wohnung angekommen waren, mussten wir zuerst lange warten. Als Pharrell endlich kam, machte ich ein paar Fotos. Dann verschwand er wieder und wir mussten wieder warten, warten, warten ... das war nervig. Als er wieder kam, war er überhaupt nicht kooperativ. 

Frau oder Mann als Model: Gibt es da Unterschiede?

Für mich nicht. Ich arbeite mit Frauen genauso gerne zusammen wie mit Männern. 

Es heisst, in der Modeszene würden viel Drogen genommen. Wahr oder nicht?

Sollen die Drogen nehmen, die das wollen. Ich habe absolut kein Interesse daran. Drogen waren nie ein Thema für mich.

Was wollen Sie mit Ihren Bildern erreichen?

Nichts, ich will einfach schöne Bilder machen. Das macht Spass.

Sie sind nicht nur Fotograf, sondern auch ein erfolgreicher Maler und Zeichner: Welches Talent geht Ihnen total ab? Was können Sie gar nicht?

Ski- und Autofahren.

Haben Sie noch einen Wunsch, den Sie mit der Kamera unbedingt verwirklichen möchten?

Im Moment habe ich keine Idee. Aber ich lasse mich überraschen, vielleicht kommt irgendwann noch etwas, dass ich unbedingt machen will.

Wie lange wollen Sie als Fotograf arbeiten?

Es ist bekannt: Meine Hand zittert. Das Leiden ist angeboren. Wenn ich deswegen irgendwann Pillen schlucken muss, ist es wahrscheinlich Zeit zum Aufhören.  

Zur Person: Walter Pfeiffer

Walter Pfeiffer, 1946 geboren, besuchte die Kunstgewerbeschule Zürich. Bis 1980 arbeitete er als Grafiker und Illustrator und brachte sich das Fotografieren selber bei. Der Durchbruch als Fotograf kam 2001 mit seinem dritten Bildband «Welcome Aboard», welcher in der Edition Patrick Frey erschienen ist.

Die Filmdoku «Chasing Beauty» von Ivan Schuhmacher kommt am 23. November in die Schweizer Kinos.

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