12.12.2017 - 10:13

Heidi Benneckenstein (25): «Ich wuchs in einer Nazi-Familie auf»

von Heidi Benneckenstein/bb
 

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Aufgewachsen unter Rechtsextremen: Bis sie 18 war, kannte Heidi Benneckenstein fast nur Nazis. Im Buch «Ein deutsches Mädchen» erzählt sie ihre Lebensgeschichte.

Heidi Benneckenstein wächst in der Nähe von München in der alles umfassenden Ideologie einer Nazi-Familie heran, in militanten Jugendgruppen und Kameradschaften. Mit Drill, Schlägen und Belohnung wird sie auf ein Leben im rechten Hass-Milieu vorbereitet.

Sie besuchte Neonazi-Zeltlager, verprügelte einen Fotografen. Mit 19 findet die heute 25-jährige Frau den Mut auszusteigen. Sie vollzieht die komplette Kehrtwende, bricht den Kontakt zu ihrer Familie ab, taucht unter und durchläuft ein Aussteiger-Programm.

Im Buch «Ein deutsches Mädchen» blickt sie noch einmal in die Abgründe dieser Parallelwelt. «Bluewin» publiziert exklusiv das leicht gekürzte Kapitel «Meine sonderbare Familie: Wir sagen nicht Handy, wir sagen Handtelefon»:

Runengebäck und Stickdeckchen mit völkischen Sprüchen

«Der Tag, an dem ich geboren wurde, ein Sonntag im April 1992, beschreibt die Familie, in der ich aufgewachsen bin, ganz gut: Mein Vater fuhr meine Mutter zwar noch in die Entbindungsklinik, blieb aber nicht dort, sondern kehrte, nachdem er sie abgeliefert hatte, gleich wieder nach Hause zurück. Offenbar sah er sich dem Stress nicht gewachsen. Warum? Das weiss nur er. Wahrscheinlich fühlte er sich überfordert ( ... )

Wir wohnten in einem Dorf in der Nähe von Fürstenfeldbruck bei München, 300 Einwohner, sehr ländlich, sehr bayerisch, viel Holz. Eigentlich typisch für diesen Landstrich, trotzdem sah es bei uns anders aus als in den Häusern, in denen meine Freundinnen wohnten. Bei uns hing kein hölzernes Kreuz über dem Esstisch, sondern ein Kalender der ‚Heimattreuen Deutschen Jugend’ (rechtsextremer, deutscher Jugendverband mit neonazistischer Ausrichtung, Anmerkung der Redaktion), ein Runengebäck aus Salzteig und Stickdeckchen mit völkischen Sprüchen drauf.

Wir hatten viele Bücher. Die vermeintlich harmlosen standen in einem Regal im Wohnzimmer, zum Beispiel ‚Baska und ihre Männer’, ein Buch über die legendäre Wolfshündin Baska, die von der Wehrmacht an der Ostfront eingesetzt wurde und als einziges Tier mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, – eine Art Lassie für Nazis. Die anderen Bücher waren im Keller oder unter dem Dach im Fernsehzimmer, Bildbände über den Zweiten Weltkrieg, Biographien von NS-Grössen, Holocaust-Literatur, in der mein Vater immer wieder blätterte.

Bild zum Artikel

Ein Blick in das private Fotoalbum von Heidi Benneckenstein: In ihrer Familie ist die Zeit stehen geblieben. Als kleines Mädchen wird sie in konspirative Ferienlager der «Heimattreuen Deutschen Jugend» geschickt.
Bild: zVg

( ... ) Mein Vater liebte es, gemeinsam mit uns Heinz Rühmann- oder Sissi-Filme anzuschauen. Filme aus der Zeit zwischen 1930 und 1960 lösten etwas in ihm aus. Er wurde sentimental und schwelgte in alten Zeiten.

Es gab noch eine Samstagabendbeschäftigung, die ihm Spass machte: Tischkicker. Mein Vater ist ein Mensch, der sich gern mit anderen misst, Leistung ist ihm wichtig. Und weil ich nicht untalentiert war, lobte er mich hin und wieder für einen strammen Schuss oder einen überraschenden Reflex. Abgesehen davon zeigte er mir eher selten seine Anerkennung ( ... )

Gehorsam, Anstand und Perfektion

Wer zu uns kam, konnte nicht ahnen, was für eine Gesinnung mein Vater hatte. Im Wohnzimmer hing keine Hakenkreuzfahne; trotzdem glaube ich, dass unsere Gäste spüren konnten, dass sie es mit einer sonderbaren Familie zu tun hatten. Mir war es unangenehm, wenn wir Besuch hatten. Nie wollte ich, dass meine Freundinnen zu mir kamen, viel lieber spielte ich bei ihnen.

Trotzdem waren wir im Dorf keine Aussenseiter: Mein Vater war als Betriebsinspektor ein angesehener Beamter und Mitglied im Schützenverein, kein Sonderling, im Gegenteil, ein geselliger Typ, der gern feierte. Meine Mutter war freundlich und beliebt. Sie plauderte regelmässig mit den Nachbarn, und wenn wir in Urlaub fuhren, kam die Grossmutter meiner besten Freundin vorbei und goss die Blumen.

Auch viele Freunde meiner Eltern waren auf den ersten Blick anständige und gebildete Leute, in Wahrheit waren sie stramm rechts, Akademiker, aber auch Öko-Bauern und hippieartige Weltverbesserer, die keinen Alkohol tranken, in Birkenstocksandalen rumliefen und sich in sektiererischen Verbänden engagierten.

Mein Vater stammt aus Stuttgart, sein Vater war Schaffner bei der Deutschen Bahn gewesen, seine Mutter technische Zeichnerin. Er war ihr einziges Kind. Sein Verhältnis zu ihnen war kühl und förmlich.

Meine Grossmutter hat mir oft stolz vom ‚Bund Deutscher Mädel’ (in der Zeit des Nationalsozialismus der weibliche Zweig der Hitlerjugend, Anmerkung der Redaktion) erzählt, bei dem sie in ihrer Jugend Mitglied gewesen war. Ich weiss noch, wie wir in den Tagen vor Weihnachten in der Stuttgarter Fussgängerzone auf eine Gruppe Kinder trafen, die ‚Jingle Bells’ sangen, und meine Grossmutter zu ihnen sagte, das sei ja alles ganz reizend, aber noch viel schöner wäre es, wenn sie ein deutsches Weihnachtslied singen könnten, zum Beispiel ‚O Tannenbaum’ oder ‚Ihr Kinderlein kommet’.

Viele ihrer Sprüche wirkten bissig und gemein, ständig stieß^sss sie einen vor den Kopf, sodass man ein Weilchen brauchte, bis man die passende Reaktion parat hatte, und dann war es meistens zu spät. Sie kommentierte es grundsätzlich, wenn ihr jemand über den Weg lief, der jüdisch aussah, oder besser gesagt: der so aussah, wie sie sich einen Juden vorstellte, mit blitzenden Augen und einer grossen Nase. ( ... )

Meine Grosseltern waren keine Nazis – dafür waren sie im Dritten Reich zu jung gewesen –, aber sie sympathisierten offen mit rassistischem und völkischem Gedankengut. Vor allem meine Grossmutter betonte bei jeder Gelegenheit, wie schön ihre Kindheit im Dritten Reich gewesen sei und wie dankbar sie für ihre autoritäre Erziehung sei. Von mir und meinen Schwestern erwartete sie Gehorsam, Anstand und Perfektion. Ein Anspruch, dem ich zu keinem Zeitpunkt gerecht wurde.

Mein Vater hatte ihre Ressentiments von klein auf un- bewusst mitbekommen und verinnerlicht. Es muss völlig normal für ihn gewesen sein, er kannte es ja nicht anders. Wahrscheinlich hat er die Parolen erst nachgeplappert und irgendwann selbst geglaubt. Und als er auf einmal Töchter hatte, die er erziehen sollte, lag es nahe, sie mit den gleichen Sprüchen grosszuziehen ( ... )

Trotzdem hätte mein Vater nie gewollt, dass wir Skin- girls werden, die von der Schule fliegen, auf Nazikonzerten rumhängen und sich ein Tattoo nach dem anderen stechen lassen. Ihm ging es von Anfang an darum, uns sein elitäres Verständnis deutscher Werte zu vermitteln: Disziplin, Gehorsam, Fleiss, Ehre, Heimatliebe. Wir sollten angesehene Berufe ergreifen und in gute Familien einheiraten. Und sollte dies nicht gelingen, hätte er sicher auch nichts dagegen gehabt, wenn wir genau wie er zum Zoll gegangen wären und Hundestaffeln trainiert hätten.

Von McDonalds bis Coca-Cola lehnten meine Eltern sämtliche Produkte ab, die aus Amerika kamen. Wir durften nicht ‚Handy’ sagen, es hiess ‚Handtelefon’, Schlaghosen und Jeans waren verboten, ebenso T-Shirts und Pullover mit Aufdruck. Als Kind habe ich fast immer ein Dirndl oder eine geflickte Kordhose getragen, die ich von meiner älteren Schwester geerbt hatte, ausserdem handgestrickte Pullover und Socken. ( ... )

Neue Klamotten kauften wir so gut wie nie, und wenn doch, dann nur bei Aldi. Wir sollten auf keinen Fall ver- wöhnt werden, sondern von Anfang an Bescheidenheit lernen, mit wenigen Kleidungsstücken auskommen und alte Sachen auftragen. Eigentlich vernünftig, aber für mich war es schrecklich. Nie schlenderten wir am Samstag durch die Fussgängerzone, und wenn doch, dann nur ausnahmsweise in Begleitung meiner Grossmutter mütterlicherseits und unter der Bedingung, dass wir unsere Einkäufe meinem Vater vorführten, damit er entscheiden konnte, ob wir sie behalten durften. ( ... )

Wenn mein Vater nicht zu Hause war, durften wir Pumuckl- oder Bibi-Blocksberg-Kassetten hören. Wenn er da war, mussten wir still sein, dann hiess es: Pssst, Papa muss sich von der Arbeit erholen. Er selbst hörte alles Mögliche, von deutschen Märschen bis Bob Marley. Wenn ihm was gefiel, nahm er es nicht so genau. Bei uns war das anders. Als ich anfing, Hiphop zu hören, regte er sich schrecklich auf, ich solle das Gedudel ausmachen, das sei doch alles ‚Kaffernmusik’ – Kaffer wurden während der Apartheid in Südafrika Schwarze genannt, der Begriff ist eindeutig rassistisch konnotiert.

Mein Kinderzimmer war weder schön noch gemütlich. Es war das kleinste Zimmer des Hauses, auf der Nordseite gelegen und mit ausrangierten olivgrünen Zollmöbeln eingerichtet. Das Bett war zu gross, der Kleiderschrank zu hoch, ich konnte mir nicht mal ohne fremde Hilfe eine frische Bluse nehmen. Ich weiss, andere Kinder haben nicht mal ein eigenes Zimmer, aber ich litt darunter, dass alles so lieblos und funktional wie in einer Gefängniszelle war. ( ... )

Heute kommt es mir so vor, als wären die karge Einrichtung, die alten Klamotten, überhaupt die Lieblosigkeit ein Erziehungsprogramm unseres Vaters gewesen, eine ausge- klügelte Methode, um uns abzuhärten und auf ein Leben in feindlicher Umgebung vorzubereiten. Kein schöner Gedanke, aber immer noch ein tröstlicher im Vergleich zur anderen Option: dass es ihm nämlich vollkommen egal war, ob wir eine schöne Kindheit hatten oder nicht. ( ... )

«Wir glauben dieses Zeug nicht und fertig!»

Meine Mutter kümmerte sich rund um die Uhr um uns. Sie weckte uns auf, kochte für uns, wusch unsere Sachen, spielte mit uns, brachte uns ins Bett. Nie im Leben hätte mein Vater zugelassen, dass wir in den ersten drei Jahren fremdbetreut werden.

Jahre später erzählte mir meine Mutter in einem sentimentalen Moment, dass ich die Nächte in den ersten Wochen nach der Geburt nicht bei ihnen im Schlafzimmer, sondern ganz alleine verbracht habe.

Kinder gehörten ins Kinderzimmer, fand mein Vater, im Schlafzimmer der Eltern hätten sie nichts verloren. Ich tat mir wahnsinnig leid, als ich das hörte, stellte mir vor, wie ich einsam in meinem dunklen Zimmer lag und weinte, ohne dass mich jemand hörte.

Im Kindergarten wurde ich erneut Opfer seiner autoritären Erziehungsmethoden: In den Wochen vor Weihnachten wurde ein Engel für das Krippenspiel gesucht. Und weil ich lange, blonde Haare hatte, fiel die Wahl auf mich.

Stolz lief ich nach Hause. Ich konnte es nicht erwarten, meinen Eltern davon zu erzählen. Mein Vater war leider weniger begeistert, rief wütend im Kindergarten an und verbot der Leiterin, mich den Engel spielen zu lassen. Ob sie denn nicht wisse, dass ich konfessionslos sei.

Meine Eltern hatten zwar kirchlich geheiratet, aber nur, weil meine Grosseltern darauf bestanden hatten. Danach war mein Vater sofort aus der Kirche ausgetreten. Ich wurde nicht mal mehr getauft. Eigentlich schade, weil ich glaube, dass es schön für Kinder ist, wenn sie sich an den Geschichten aus der Bibel orientieren können, aber ich habe es nie gelernt und vermisse es auch nicht.

Trotzdem, diesen Engel wollte ich unbedingt spielen, und als es mir verboten wurde, brach für mich eine Welt zusammen. Ich verstand nicht, was ich verbrochen hatte. Sie hatten mich doch ausgewählt, wegen der blonden Haare. Ich wäre der perfekte Engel gewesen.

In den Tagen danach war ich aggressiv und niedergeschlagen. Ich bockte, schrie und weinte, aber es nützte nichts. Wenn mein Vater ein Verbot ausgesprochen hatte, meinte er es ernst, dann gab es keine Gnade. Irgendwann beendete er die Angelegenheit: ‚Jetzt hör endlich auf!’, schimpfte er. ‚Wir glauben dieses Zeug nicht und fertig!’

Seine Prinzipien waren rigoros. Alle mussten sich unter- ordnen und nach seiner Pfeife tanzen. Da er oft beruflich unterwegs war, legte er, wenn er zu Hause war, grossen Wert darauf, dass wir die Mahlzeiten gemeinsam einnahmen. Vor allem die Abendessen liefen streng ritualisiert ab.

Wir mussten abwechselnd den Tisch decken und abräu- men, teilweise mussten wir uns sogar melden, wenn wir et- was sagen wollten. Wir sollten auf keinen Fall zanken, auf der anderen Seite provozierte er uns ständig mit dummen Sprüchen, wodurch natürlich erst recht Streitereien entstanden.

War ich die Treppe zu laut runtergepoltert, musste ich sie zur Strafe zehnmal ohne jeden Ton rauf- und runterschleichen. Hatte ich die Haustür zu fest zugeschlagen, musste ich sie zehnmal lautlos auf- und zumachen. Hatte ich mal wieder mit einer meiner Schwestern gestritten, mussten wir so lange regungslos in der Ecke stehen, bis wir bereit waren, uns zu entschuldigen. Weigerte ich mich, wurde ich ins Ar- beitszimmer meines Vaters zitiert und musste noch mal vor ihm stramm stehen, bis mir eine Entschuldigung über die Lippen kam. Manchmal sagte ich stundenlang kein Wort.

Mein Vater trat auf wie ein Oberbefehlshaber. Als wären wir nicht seine Töchter, sondern Soldaten, denen er Kommandos geben konnte. Er machte aus jeder noch so banalen Angelegenheit einen Wettkampf: Wer räumt am besten auf? Wer schleppt die meisten Umzugskisten? Wer rennt am schnellsten?

Immer ging es um Leistung, Sieg oder Niederlage, Triumph oder Schmach. Die Gewinnerin wurde belohnt, die anderen wurden mit Ausgrenzung bestraft. Einmal schlug er uns so heftig, dass er seinen Pullover ausziehen musste, weil er so schwitzte.

Ein anderes Mal warf meine Schwester einen Ball vom Garten aus auf die Strasse, sodass ein Lastwagen eine Vollbremsung hinlegen musste. Alles ging so schnell, die Reifen quietschten, der Lkw schlitterte, wir erschraken, starrten auf die Straße – aber nichts war passiert. Der Fahrer kurbelte das Fenster runter, schimpfte hysterisch, dann fuhr er weiter.

Und obwohl die Sache glimpflich ausgegangen war, rechneten wir mit dem Schlimmsten. Zu Recht, wie sich zeigen sollte. Mein Vater schlug der Übeltäterin ins Gesicht, scheuchte sie durch den Garten und sperrte sie schließlich in ihr Zimmer ein, während er den Rest der Familie zum Italiener einlud. Leider hatte er die Falsche erwischt: Während die, die den Ball geworfen hatte, genüsslich ihre Pizza ass, sass die andere unschuldig zu Hause und weinte. Als wir ihn aufklärten, meinte er nur: ‚Ach so, na ja, blöd gelaufen.’ ( ... )

Der letzte Besuch beim Vater

Ich war 15, als ich beschloss, dass ich mit meinem Vater nichts mehr zu tun haben wollte. Meine Eltern hatten sich in der Zwischenzeit getrennt, mein Vater hatte eine neue Freundin, die Patentante meiner Schwester, die ehrlich gesagt viel besser zu ihm passte, weil sie noch radikaler war als er.

Im Oktober 2007 fuhr ich ein letztes Mal ins Haus meiner Kindheit, um ein paar CDs, Bücher und Klamotten aus meinem Zimmer zu holen. Als ich ankam, brannte im ganzen Haus Licht. Es war Abend, mein Vater hatte alle Zimmer abgesperrt und das warme Wasser abgedreht. Seine üblichen Psychospielchen. Ich hatte sie so oft erlebt und unter ihnen gelitten, dass ich mich nicht mehr wunderte. In Streit gerieten wir trotzdem, ich weiss nicht mehr, warum. Wir konnten einfach nicht mehr normal miteinander reden. Er schrie mich an, ich schrie ihn an, irgendwann liess ich ihn stehen und ging in mein Zimmer. Ich konnte nicht mehr. Ich wollte auch nicht mehr.

Es waren die letzten Stunden mit meinem Vater in dem Haus, in dem ich grossgeworden war, aber mir war nicht sentimental zumute. Eine Nacht noch, ein paar Stunden noch, dann würde ich für immer weg sein. Mir war bewusst, dass ich meinen Vater danach nie wieder sehen würde – und es war mir egal. ( ... )

Eine Zeitlang habe ich ihn (den Vater, Anmerkung der Redaktion) gehasst, heute empfinde ich nur noch Mitleid für ihn, weil er so schwach ist. Er hat so viele Fehler gemacht, die er nicht rückgängig machen kann, hat es sich mit so vielen Menschen verscherzt, trotzdem hat er nie an sich gezweifelt und die Fehler immer nur bei den anderen gesucht.

Ich möchte ihn nicht sehen und nicht mit ihm sprechen. Ich weiss, dass er sich nicht geändert hat. In meiner Kindheit kriegte er es immer wieder hin, dass ich dachte, diesmal hat er es geschafft, diesmal meint er es ernst, jetzt ist er ein anderer Mensch geworden – am Ende wurde ich immer enttäuscht. Ich glaube nicht, dass ich meinen Vater noch mal sehe. Und wenn mich jemand fragte, ob ich darunter leide, würde ich sagen: Nein. Nicht mehr. ( ... )

Zu meinen beiden älteren Schwestern habe ich ebenfalls seit Jahren keinen Kontakt. Die älteste wohnt inzwischen wieder bei meinem Vater. Ich bin sicher, sie würde ihm alles, was ich ihr erzähle, weitertratschen. Mit der anderen habe ich mich sowieso nie verstanden. Jetzt müssen wir uns nicht mehr verstehen. Meine Mutter und meine kleine Schwester treffe ich regelmäsig. Sie ist 15 und viel reifer als ich in ihrem Alter. Ich sehe die beiden nicht oft, aber wenn ich sie besuche, plaudern wir, gehen spazieren oder machen Brettspiele.

‚Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise«, heisst der berühmte erste Satz von Anna Karenina (russische Schriftstellerin, Anmerkung der Redaktion).

Das kann ich bestätigen. Manchmal versuche ich mir auszumalen, wie es wäre, wenn wir noch alle zusammen wären, aber es gelingt mir nicht, nicht mal in meiner Phantasie.»

Buch: «Ein deutsches Mädchen»

«Ein deutsches Mädchen», Heidi Benneckenstein - unter Mitarbeit von Tobias Haberl, Tropen/Klett-Cota, 252 Seiten, ISBN 978-3-608-50375-3, ca. 20 Fr.

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