04.12.2017 - 20:34

Friss oder stirb: Aus dem Tagebuch einer Magersüchtigen

von Larissa Sarand/bb
 

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In ihrem Buch «Friss oder stirb» erzählt Larissa Sarand, wie sie sich beim Verhungern zu sah. Sie schreibt, wie ihre Angst vor Kalorien zum absurden und lebensgefährlichen Versteckspiel wurde.

«Sie mögen Tabubrüche? Sie haben schwarzen Humor? Dann sind Sie hier richtig,» schreibt Larissa Sarand. «In meinem Buch 'Friss oder stirb' erzähle ich von meiner Magersucht ohne jede Scham, aber mit umso mehr Galgenhumor.»

Beispiel gefällig? «Ich sollte eine Karriere als Zauberkünstlerin anstreben. Kaum jemand kann kleine Kalorienbomben so schnell und unauffällig 'verschwinden' lassen wie ich.»

Sarand ist 29 und lebt in Berlin. Sie ist 1.65 Meter gross und wiegt heute 52 Kilogramm. Stimmt, das ist nicht besonders viel – es waren aber auch schon mal nur 39 Kilo. Die Autorin hat zuerst in ihrem Blog über ihre Krankheit geschrieben, nun ist ihre Lebens- und Krankengeschichte auch als Buch erhältlich.

Sarand sagt, sie habe der Magersucht den Rücken gekehrt, aber «die Magersucht noch nicht mir». «Bluewin» publiziert exklusiv das leicht gekürzte Kapitel «Porno für Essgestörte»:

Der Freund war leicht auszutricksen

« ... Was meinen Freund (Daniel, Anmerkung der Redaktion) betraf, gab es wirklich keinen Anlass zu der Befürchtung, er könnte meinem Essverhalten besondere Aufmerksamkeit widmen. Er war leichter auszutricksen als ein durchschnittlich begabter Vierjähriger, dem Opa auf der Familienfeier eine Münze hinter dem Ohr hervorzieht. Lieber Daniel: Das soll kein Seitenhieb sein! Natürlich ist es schwer, Tricks zu entlarven, deren Existenz man nicht einmal erahnt. Und wer ahnt schon, dass einen ausgerechnet die eigene Freundin stets und ständig hinters Licht führen will?

So fiel ihm nie auf, dass ich bei gemeinsamen Mahlzeiten stets einen Topf direkt zwischen uns auf dem Tisch abstellte und dadurch eine Sichtbarriere errichtete wie ein Grundschullehrer beim Diktat. Daniel misst über 1,90 Meter und hatte daher naturgemäss stets einen guten 'Überblick'. Mein Sichtschutz musste dementsprechend hoch sein. Im Laufe der Zeit habe ich daher eine ganze Reihe absurd grosser Töpfe angesammelt und könnte mich heute beruflich dank dieser Utensilien auf die industrielle Nahrungsproduktion verlegen.

In dem grossen Bottich zwischen uns trieben dann ein paar Kartoffeln und Blumenkohlröschen umher. Das Gemüse hatte in dem Topf mehr Platz als ein Graskarpfen im Baggersee. Ich angelte ausschliesslich nach dem Blumenkohl, da stärkehaltige Kartoffeln natürlich nicht auf meinem Speiseplan standen, und betröpfelte diesen mit einer homöopathischen Dosis Sauce. Dazu nahm ich mir ein gekochtes Ei, wobei ich mich beim Schälen desselben absichtlich derart grobmotorisch präsentierte, dass der Löwenanteil des Eis an der Schale hängen blieb und in den Abfall wanderte. Gut abgeschirmt konnte ich dann mein asketisches Mahl einnehmen und Daniel selbstlos eine weitere Portion Sauce offerieren.

Doch zurück zu meinem spontan verkürzten Arbeitstag: Selbstverständlich war ich wieder einige U-Bahn-Stationen früher ausgestiegen, um einen 'gesunden' Spaziergang zu machen, und kam erschöpft zu Hause an. Dort fütterte ich erneut den Wäschekorb mit einer Strickjacke und ging in die Küche. Meine Essstörung gestattete mir nun, etwas zu mir zu nehmen. Es war 14:15 Uhr, und ich hatte ausser ein paar Möhrchen noch nichts intus. Doch bevor ich mich der Nahrungsaufnahme widmete, schmiss ich mir einen Porno an.

Der läuft um diese Zeit täglich im ZDF und heisst 'Küchenschlacht'. Wann immer ich konnte, sah ich mir die Sendung an, beeindruckt von all den kalorienreichen Zutaten, die dort zu den köstlichsten Gerichten verarbeitet wurden, die anschliessend ein Sternekoch als Juror seinem Urteil unterzog. Wie beim Pornoschauen empfand ich eine Mischung aus Abscheu, Begierde und Faszination, wenn ich das Treiben der Hobbyköche vor dem Fernseher verfolgte. Magersüchtig zu sein bedeutet nämlich keinesfalls, dass die Betroffenen alles rund ums Thema Essen für sich ausklammern – im Gegenteil: Wir beschäftigen uns regelrecht obsessiv mit Lebensmitteln. Und ebenso wie unerfüllte sexuelle Wünsche zu Fantasien anregen, lassen uns die sprichwörtlichen 'verbotenen Früchte' träumen.

Lieber Joggen gehen als Freunde treffen

So sah ich zu, wie es in den Töpfen und Pfannen im TV-Studio dampfte und brutzelte, beschloss, nach dem unvorhersehbar anstrengenden Tag grosszügig mir gegenüber zu sein, und griff nach einem Brötchen. Ich schnitt es auf und machte mich an die Arbeit: Ich entfernte das komplette Innenleben. Und wenn ich 'komplett' schreibe, meine ich das auch. Der weiche Brötchenkern liess sich einfach heraustrennen, dann aber war Feinmechanik gefragt. Ich kratzte und rieb so lange an der armen Schrippe herum, bis sie im wahrsten Sinne des Wortes nur noch die Hülle ihrer selbst war.

Erst, wenn ich die Teigware derart ausgehöhlt hatte, dass das Licht durch sie hindurchschien, liess ich von ihr ab. Auf die durch diese Prozedur zusätzlich halbierten Hälften trug ich hernach 0,1-%-Joghurt auf, den ich mithilfe von Flüssigsüssstoff und Zimt zu einer Süssspeisen-Imitation aufpimpte. Hätte ich mich mit dieser Eigenkreation bei der Küchenschlacht beworben, wäre dem Juroren wohl nichts anderes eingefallen, als sich nach einer versteckten Kamera umzuschauen. Oder jemand hätte mich von den Männern in den weißen Kitteln abholen lassen. Letzteres hätte mir wahrscheinlich nicht zum Nachteil gereicht und auch der Einschaltquote gutgetan. Schade eigentlich, dass ich dort nicht aufgetreten bin.

Stattdessen sass ich allein am heimischen Küchentisch, und der wässrige Joghurt floss mir beim Essen über die Hände und das Kinn herab. Tisch und Teller waren ebenfalls besudelt, da ich beim Aushöhlen des Brötchens versehentlich einige Löcher hineingebohrt hatte und der Joghurt durch diese zu entwischen versuchte. Was für einen absurden Anblick ich da bieten mochte, war mir nicht bewusst. Ich konzentrierte mich voll und ganz auf mein Brötchen, malte mir aus, es sei dick mit Schoko-Creme oder Honig bestrichen, und schaute meinen 'Food-Porn'.

Als ich fertig war und die Sauerei entfernt hatte, verriet ein Blick auf die Uhr, dass mir noch Zeit für eine heimliche Jogging-Einheit blieb, bevor Daniel nach Hause käme. Meine immer häufiger und länger werdenden Laufrunden blieben nämlich im Gegensatz zu meinen Ernährungsgewohnheiten nicht unbemerkt und leider auch nicht unkommentiert. Des Öfteren hatte mein Freund bereits die in meinen Ohren völlig unbegründete Behauptung aufgestellt, ich übertreibe es mit dem Sport. Und vor Kurzem hatte er in diesem Zusammenhang sogar gesagt, ich würde zusehends dünner werden und das gefiele ihm nicht. Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung, und daher unterstellte ich ihm, er sei nur neidisch, dass ich meinen inneren Schweinehund im Griff hatte und sportlich aktiv war, während er vor dem PC hockte und Gummibärchen naschte.

Zudem behauptete ich, kaum abgenommen zu haben, und attestierte ihm dreist eine Sehschwäche. Daniels grosses Harmoniebedürfnis liess ihn rasch nachgeben. Ein eigentlich grundsympathischer Wesenszug, den meine Magersucht jedoch gnadenlos auszunutzen wusste und der ihr beim Wachsen und Gedeihen behilflich war.

Obwohl ich in Diskussionen also meistens das letzte Wort hatte, wollte ich zumindest solche um die Themen Sport und Figur vermeiden. Also joggte ich, wie Alkoholiker trinken: heimlich. Ausgerüstet mit Schritt- und Kalorienzähler, diese in Plastikgehäusen verpackten Einladungen in Fitness- und Gesundheitswahn, rannte ich bis zur völligen Erschöpfung die Straßen auf und ab, sobald sich die Gelegenheit dazu bot. Bot sich keine, schuf ich sie mir. Mehr als einmal verabschiedete ich meinen Freund allein zu Verabredungen, die wir eigentlich gemeinsam einhalten wollten. Schamlos schob ich angebliche Abgaben in der Uni oder Migräne als Grund für mein Daheimbleiben vor. Kaum war er aus der Tür, warf ich mich in die Laufklamotten und hetzte los. Lieber eine Stunde joggen als ein ganzer Abend mit Freunden.

Magersucht will keine Aufmerksamkeit

Und da erzähle mir noch einmal irgendein Idiot, Magersüchtige suchten mit ihrer Krankheit nur nach Aufmerksamkeit. Zu oft habe ich mir diesen Unsinn anhören müssen, um jetzt nicht mal meinen Senf dazuzugeben: Die Magersucht will keine Aufmerksamkeit. Sie will genauso im Verborgenen agieren, wie alle Suchterkrankungen es tun. Und meistens bringt sie auch kein Mehr an Aufmerksamkeit – denn kaum jemand traut sich, das sensible Thema anzusprechen. Besonders, wenn Erwachsene betroffen sind und nicht Heranwachsende, bei denen die Eltern Hilfsmassnahmen, notfalls unter Zwang, anberaumen können. Patienten mit Anorexie sind häufig genauso isoliert wie etwa Alkohol- oder Spielsüchtige. Und genauso beschämt.

Na dann, raus aus den Klamotten und rein in die Laufschuhe – das böse Brötchen musste zügig wieder ausgeschwitzt werden. Eine Stunde später traf ich mit hochrotem Kopf und dem erwünschten Energiedefizit wieder in der Wohnung ein, sprang unter die Dusche und ließ mich aufs Sofa fallen. Kurz danach kam Daniel zur Tür herein. 'Schatz, du auf der Couch? Das habe ich ja ewig nicht mehr gesehen', rief er freudig überrascht. 'Ich habe heute früher Feierabend gemacht und mir mal einen entspannten Nachmittag gegönnt', log ich, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann schoss mir ein Gedanke in den Kopf, und ich witterte meine Chance. 'Ich liege hier bereits seit Stunden', weitete ich meine fiktionale Erzählung aus, 'und im Büro habe ich ja ausschliesslich gesessen. Ein bisschen Bewegung würde mir sicher guttun, und die Sonne scheint so schön. Vielleicht können wir ja noch eine Runde spazieren gehen?'

Ich strahlte ihn an wie ein Honigkuchenpferd und wusste, dass Daniel sich gegen diesen Gesichtsausdruck kaum zur Wehr setzen konnte. Und in der Tat lächelte er mich jetzt breit an und sagte: 'Na gut. Dann machen wir uns mal auf die Socken, und unterwegs kaufen wir uns ein Stück Kuchen.' Prompt sprang ich vom Sofa, auf dem ich mich erst vor wenigen Minuten niedergelassen hatte. Also wieder raus aus den Klamotten und rein in die Laufschuhe. Über den 'angedrohten' Kuchen machte ich mir keine Sorgen – ich würde einfach behaupten, ich hätte mir bereits bei der Feier im Verlag den Bauch mit Geburtstagstorte vollgeschlagen.»

Buch: Friss oder stirb

«Friss oder stirb - Wie mir die Magersucht auf den Magen schlug und ich ihr ins Gesicht», Larissa Sarand, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin, 224 Seiten, ISBN 978-3-86265-667-7, ca. 14.90 Fr.
 

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