Schreiend zum Glück

#Von Michelle de Oliveira

18.1.2021

Die Kolumnistin besuchte einen schamanischen Heilungskurs bei der Ex-Miss-Schweiz Mahara McKay.
Bild: zVg

Schreien, toben, boxen: Das hat die Kolumnistin in einem Workshop getan. Eine schräge Erfahrung, findet sie. Und würde es gleich wieder tun.

Wir alle haben Emotionen, die wir unterdrücken und die sich in unserem Körper festsetzen. Davon ist Mahara McKay überzeugt. Bei dem Namen leuchtet ein Lämpchen auf? Genau, McKay trug im Jahr 2000 die Krone als Miss Schweiz.

Mittlerweile lehrt sie rund um den Globus schamanische Heilrituale, bietet mehrtägige Retreats an und leitet Workshops, unter anderem auch in Zürich.

Bevor es losgeht, richte ich mich neben den anderen Teilnehmenden ein: Ich lege zwei Yogamatten nebeneinander und ein dickes Kissen darauf, auf das ich gleich einschlagen soll. Ich bin an diesem Samstagmorgen friedlicher Stimmung und kann mir nicht vorstellen, hier gleich total auszurasten.

Emotionen rauslassen

McKay zeigt uns verschiedene Techniken: Durch heftiges Atmen soll es gelingen, leichter an die Gefühle heranzukommen. Wenn nötig können wir auch an ein besonders aufwühlendes oder verletzendes Erlebnis denken.

Zur Autorin: Michelle de Oliveira
Bild: zVg

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogalehrerin und Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle und Esoterische. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Danach üben wir den sogenannten «Handscream»: Wir schreien fast lautlos in die Hand. Schliesslich schlagen wir auf das Kissen ein und schreien so laut, wie es nur geht; wir werfen uns auf das Kissen, als kämpften wir mit einem wilden Tier.

Klingt total schräg? Ist es auch und es sieht bestimmt noch viel schräger aus. Aber das ist mir egal, ich denke keinen Moment darüber nach und vergesse alle und alles um mich herum.

Denn tatsächlich funktioniert das Rauslassen der Emotionen weit besser als erwartet. Ich werde regelrecht übermannt von meinen Gefühlen. Kaum habe ich damit begonnen, tiefer zu atmen und das Kissen zu traktieren, schreie und heule ich, wie ich es seit meinen kindlichen Trotz-Eskapaden an der Migros-Kasse nicht mehr getan habe. Und das tut so unendlich gut.

Schreien, Schlagen und Atmen

Ich schreie, heule und boxe. Ich stehe auf, stampfe mit den Füssen, schreie weiter, werfe mich auf das Kissen. Die Gefühle, die hochkommen, überraschen mich: Es geht nicht etwa um Stress und alltägliche Sorgen, nicht um die Ungeduld, die mich oft umtreibt, und nicht um meine wiederkehrenden Selbstzweifel, wie ich erwartet hatte.

Nein, ich spüre einen überwältigenden Schmerz über den Verlust meines Vaters vor einigen Jahren. Nicht, dass mich sein Tod nicht mehr traurig gemacht oder beschäftigt hätte, aber ich hatte dennoch das Gefühl, das Erlebte weitgehendst verarbeitet gehabt zu haben.

Weit gefehlt: Es war noch so viel da, was bisher nicht rauskonnte. Ich schreie und heule und schlage die Wut und Traurigkeit in das Kissen. Es ist, als könnte ich dem immensen Schmerz von damals endlich die Stimme geben, die er verdient.


Video: In der Talkshow «Lässer» spricht Mahara McKay über Liebe und Loslassen.

Mahara McKay über Liebe und Loslassen

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22.10.2020


Nach stundenlangem Schreien, Schlagen und Atmen bin ich fix und fertig. Ich habe Kopfschmerzen, bin heiser, meine Faust tut mir weh, weil ich einmal das Kissen verfehlt und auf den Boden geschlagen habe, ich fühle mich wund und ausgelaugt.

Und leichter. Im Alltag sind wir so sehr darauf konditioniert, zu funktionieren, unschöne Gefühle zu unterdrücken oder uns abzulenken. Wie befreiend es ist, einfach mal zu schreien.

Das tue ich übrigens jetzt auch im Alltag öfter: Ich mache im Badezimmer den Handscream, boxe ein paar Mal im Schlafzimmer ins Kissen oder parkiere mit dem Auto auf einem leeren Parkplatz und schreie. Probieren Sie es aus.

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In der Rubrik «Die Kolumne» schreiben Redaktorinnen und Redaktoren von «blue News» regelmässig über Themen, die sie bewegen. Leserinnen und Leser, die Inputs haben oder Themenvorschläge einreichen möchten, schreiben bitte eine E-Mail an: redaktion.news@blue.ch.



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