Nationaler Trauertag am Freitag Schweigeminute gibt Raum für gemeinsames Trauern

Jenny Keller

7.1.2026

Menschen versammeln sich in Crans-Montana, um der Opfer der Brandkatastrophe zu gedenken. Am Freitag wird die Schweiz zeitgleich mit der Gedenkfeier landesweit eine Schweigeminute abhalten.
Menschen versammeln sich in Crans-Montana, um der Opfer der Brandkatastrophe zu gedenken. Am Freitag wird die Schweiz zeitgleich mit der Gedenkfeier landesweit eine Schweigeminute abhalten.
Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa

Am Freitag um 14.00 Uhr steht die Schweiz still. Zeitgleich mit der Gedenkfeier in Martigny wird landesweit eine Schweigeminute abgehalten. Das Ritual ist historisch gewachsen und psychologisch wirksam.

Jenny Keller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Am Freitag, 9. Januar 2026, ruft der Bund zu einer landesweiten Schweigeminute um 14 Uhr auf.
  • Die moderne Schweigeminute entstand nach dem Ersten Weltkrieg und wurde 1919 erstmals offiziell abgehalten.
  • Sie wirkt vor allem durch Gleichzeitigkeit: Viele Menschen halten zur selben Zeit inne.
  • Forschende sprechen von emotionaler Synchronisierung und stabilisierender Wirkung nach Katastrophen.
  • Eine Schweigeminute ist ein Anfang des Gedenkens, ersetzt aber keine Aufarbeitung.

Am Freitag, 9. Januar 2026, ruft der Bund gemeinsam mit den Kirchen zu einem nationalen Trauertag auf – und zu einer landesweiten Schweigeminute um 14.00 Uhr. Wenn in Crans-Montana die offizielle Gedenkfeier für die Opfer der Brandkatastrophe beginnt, läuten in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken.

So können Menschen im ganzen Land gemeinsam innehalten und der 40 Getöteten sowie der vielen Verletzten gedenken. Die Schweigeminute gibt der Erschütterung, die das Unglück ausgelöst hat, einen gemeinsamen Zeitpunkt.

Die Schweigeminute ist kein religiöses Ritual, keine politische Rede und kein kollektiver Text. Sie bietet einen gemeinsamen Rahmen für Trauer, ohne etwas vorzuschreiben. Darin liegt ihre besondere Wirkung.

Idee stammt aus dem Krieg

Entstanden ist sie als Idee aus der Zivilgesellschaft. Wer die Schweigeminute «erfunden» hat, lässt sich nicht klar auf eine einzelne Person reduzieren.

Als einer der frühesten Ideengeber gilt der australische Journalist Edward George Honey. Honey diente im Ersten Weltkrieg kurzzeitig in der britischen Armee. Wegen gesundheitlicher Probleme, zeitgenössisch als Kriegsneurose bezeichnet, wurde er frühzeitig aus dem Dienst entlassen. Zurück im Zivilleben arbeitete er für die «Evening News» in London.

Edward George Honey (1885–1922): Der australische Journalist schlug im Mai 1919 erstmals ein landesweites Schweigen zum Gedenken an die Kriegstoten vor.
Edward George Honey (1885–1922): Der australische Journalist schlug im Mai 1919 erstmals ein landesweites Schweigen zum Gedenken an die Kriegstoten vor.
Wikimedia

Im Mai 1919 veröffentlichte Honey unter dem Pseudonym Warren Foster einen Leserbrief, in dem er das Gedenken an den Waffenstillstand kritisierte. Zu laut, zu feierlich, zu wenig Raum für die Toten. Stattdessen schlug er mehrere Minuten stillen Gedenkens vor – als säkulares Ritual für alle, unabhängig von Glauben oder Herkunft. Fünf Minuten, schrieb Honey, sollten genügen. Es gehe um eine stille Verbindung mit den Toten und um eine Form des Erinnerns.

Kanonenschüsse in Kapstadt

Honey war nicht der Erste, der Stille als öffentliches Gedenken einsetzte. Bereits 1918 kam es im südafrikanischen Kapstadt zu täglichen Gedenkpausen. Initiiert wurden sie vom schottischstämmigen Stadtrat Robert Rutherford Brydone, gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister, Sir Harry Hands.

Ursprünglich diente der Kanonenschuss der Noonday Gun, die bis heute täglich um 12 Uhr abgefeuert wird, im 19. Jahrhundert als akustisches Zeitsignal für den Hafen: Schiffe stellten ihre Chronometer danach ein, Geschäfte und Verwaltungen richteten sich danach.

Während des Ersten Weltkriegs wurde der Schuss der Noonday Gun bewusst genutzt, um eine öffentliche Gedenkpause einzuleiten. Mit dem Kanonendonner kam der Verkehr zum Stillstand, Menschen hielten inne, Arbeit und Bewegung ruhten für einige Minuten. Erst danach erklangen Musik oder Trompetensignale. Diese Praxis gilt als eine der frühesten koordinierten Schweigepausen.

Die politische Durchsetzung folgte wenig später durch James Percy Fitzpatrick, einen südafrikanischen Autor und Politiker. Er griff die Erfahrung aus Kapstadt und Honeys Idee auf und schlug dem britischen Hof vor, das Schweigen auf zwei Minuten zu begrenzen – eine Dauer, die als emotional wirksam und durchführbar galt. Die Idee dabei war einfach: Jeder soll trauern können, wie er oder sie will.

Vom Empire zum internationalen Ritual

Tatsächlich übernahm der britische König George V. den Vorschlag. Am 7. November 1919 erschien der königliche Aufruf in zahlreichen britischen Zeitungen. Darin bat George V. seine Untertanen, am 11. Tag des 11. Monats zur 11. Stunde für zwei Minuten alle Tätigkeiten einzustellen. Arbeit, Verkehr und Geräusche sollten ruhen, damit sich die Gedanken «in perfekter Stille» auf das Gedenken an die Gefallenen richten könnten.

Am 11. November 1919, dem ersten Jahrestag des Waffenstillstands, stand das öffentliche Leben im britischen Empire tatsächlich still. Zeitgenössische Berichte schildern stehende Busse, verstummte Fabriken und Menschen, die – oft widerwillig begonnen – von der kollektiven Stille erfasst wurden. Eine Minute für die Toten, eine für die Überlebenden.

Gemeinsames Gedenken: Menschen versammeln sich in Crans-Montana, um ihre Trauer über die Opfer der Brandkatastrophe auszudrücken.
Gemeinsames Gedenken: Menschen versammeln sich in Crans-Montana, um ihre Trauer über die Opfer der Brandkatastrophe auszudrücken.
Baz Ratner/AP/dpa

Der König liess Fitzpatrick danach schriftlich ausrichten, dass er «dankbar in Erinnerung behält, dass die Idee der zweiminütigen Schweigepause am Armistice Day [Tag des Waffenstillstands] auf Ihre Initiative zurückgeht – ein Vorschlag, der im ganzen Empire mit aufrichtiger Anteilnahme aufgenommen und umgesetzt wurde.»

Die Schweigepause setzte sich rasch als verbindliches Ritual durch und wurde zum internationalen Vorbild. Frankreich führte 1922 offiziell die minute de silence ein. Frankreich prägte damit jene einminütige Variante, die sich später in vielen Ländern durchsetzte.

Symbolischer Anfang der Aufarbeitung

Entscheidend ist bei einer Schweigeminute neben der Stille vor allem ihre Gleichzeitigkeit. Menschen halten zur selben Zeit inne, an unterschiedlichen Orten. Dieses gemeinsame Aussetzen von Bewegung, Geräusch und Handlung verbindet individuelles Erinnern mit kollektiver Wahrnehmung.

Forschende sprechen von emotionaler Synchronisierung. Gemeinsames Schweigen könne Verbundenheit herstellen, ohne Gedanken oder Gefühle vorzugeben. Anders als Reden oder Musik lässt Stille Raum für eigene Bilder, Erinnerungen und Emotionen. Gerade nach Katastrophen gilt das als stabilisierend.

Gleichzeitig hat das Ritual Grenzen. Ein Moment des Schweigens ersetzt keine Aufarbeitung von Verantwortung, Versagen oder strukturellen Ursachen. In der Forschung gilt die Schweigeminute deshalb als symbolischer Anfang, nicht als Abschluss.