Sekten im Hoch wegen Corona: «Viele Leute sind leichtgläubig»

Sulamith Ehrensperger

22.4.2020 - 14:08

Sekten und Verschwörungstheoretiker wollen die Corona-Krise für sich nutzen. Sie stossen bei leichtgläubigen Menschen auf offene Ohren. 
Bild: Getty Images

Sekten, Gurus und Wunderheilern beschert das Corona-Virus und seine Folgen ein Hoch. Ein Gespräch über Esoterikboom, Wundermittel und Leichtgläubigkeit mit dem Sektenexperten Hugo Stamm.

Herr Stamm, wie geht es Ihnen im Corona-Stillstand?

Mir geht es den Umständen entsprechend sehr gut. Ich bin fast jeden zweiten Tag am Windsurfen auf dem Urnersee. Das fühlt sich manchmal an wie Ferien. Allerdings vermisse ich meine Kinder und meinen Enkel sehr.

Viele Leute sind zurzeit allein und orientierungslos, haben Angst oder wollen ihrem neuen Alltag einen Sinn geben. Könnte die aktuelle Krise ein Grund sein, dass mehr Menschen als sonst bei spirituellen Bewegungen, Sekten oder Gurus Halt suchen?

Ja, das ist so. Solange es uns gut geht, ist die Frage nach dem Jenseits und dem höheren Sinn meist zweitrangig. In Krisenzeiten hingegen, wenn wir leiden, brauchen wir eine neue Perspektive. Es scheint ein evolutionärer Reflex zu sein, dass wir uns dann auf religiöse und übersinnliche Konzepte zurückbesinnen, in Parallelwelten abdriften und dort nach neuen Inhalten, einem neuen Lebenssinn oder gar Wundern suchen. Dies zeigt klar die Verletzlichkeit von uns Menschen.

Hugo Stamm blickt auf eine über 40-jährige Karriere als Journalist, Publizist und Buchautor zurück. Er arbeitete vier Jahrzehnte lang beim «Tages-Anzeiger» und spezialisierte sich auf die Themen Sekten, Religionen und Spiritualität. 
Bild: zVg

Was bereitet Ihnen als Sektenexperte zurzeit am meisten Sorgen?

Die vielen angeblichen Wunderrezepte und Heilsversprechen gegen das Coronavirus und für ein starkes Immunsystem – beides preisen aktuell unzählige Anbieter aus der weit verzweigten Esoterikszene an. Weil Geist- und Wunderheiler, Schamanen, Sektengurus und spirituelle Meister nun vorwiegend übers Internet Leute ködern, werden die verrücktesten Wundermittel angeboten und verkauft.

Wie gefährlich sind solche angeblichen Wundermittel?

Das Angebot an verrückten Methoden und zusammengebrauten Wundermitteln ist gross. Es gibt Homöopathen, die Globuli gegen das Virus propagieren. Hoch im Kurs sind auch Bachblüten oder Schüsslersalze. Die Gefahr besteht, dass man sich in falscher Sicherheit wiegt, nachlässig wird oder sich bei einer Krankheit zu spät schulmedizinisch behandeln lässt. Andere lassen sich von unseriösen Schamanen am Telefon therapieren, lassen die Wohnung ausräuchern, oder sie glauben an Fasten- und Schwitzkuren. Sekten wie Scientology preisen einen Reinigungs-Rundown an, ein Entgiftungsprogramm mit täglich stundenlanger Sauna und Vitaminpräparaten. Besonders abgedriftet finde ich Esoteriker, die unter einer Pyramide aus Kupferrohren sitzen und glauben, dass sie so abgeschirmt seien vor böser Strahlung oder Viren.



Was ist mit Verschwörungstheorien – auch die dürften dank Corona Hochsaison haben.

Unsichtbare Krankheiten respektive unheimliche Erreger wie Coronaviren sind für Verschwörungstheoretiker wie ein Biotop. Mittlerweile gibt es eine weltweite Community, die die verrücktesten Ideen verbreitet. Diese Erklärungsmuster stehen radikal im Widerspruch zu gesichertem Expertenwissen. Doch viele Leute sind leichtgläubig und lassen sich von den einfachen Erklärungsmustern blenden.

Welche denn?

Beispielsweise, dass China das Virus als Kampfmittel gezüchtet habe. Der Covid-19-Erreger sei dann aber irrtümlicherweise entwichen. Oder dass die USA Urheber seien, um im Handelskrieg China zu schaden. Oder dass Bill Gates es gezüchtet habe, um zusammen mit anderen Superreichen dank der Entwicklung von Corona-Medikamenten und -Impfungen zusätzliche Milliarden zu verdienen. Manche Sekten und Freikirchen predigen ausserdem, dass Seuchen und Pandemien apokalyptische Zeichen für den Anbruch der letzten Tage der Menschheit seien.

Aberglaube ist für Sie ‹das grösste geistige Übel unserer Zeit›. Sie warnen davor, weil er weltweit auf dem Vormarsch sei. Man könnte doch meinen, wir seien eine aufgeklärte Gesellschaft.

Etwa jeder dritte Schweizer ist sektengefährdet, unser Land ist also eine Hochburg solcher Gruppierungen. Im Esoterikbereich gibt es etwa 500 Disziplinen, die alle Erfolg versprechen und von Hunderten kleineren bis grösseren Gruppen angeboten werden. Feen, Kobolde, Erdgeister und Engel sollen uns beschützen oder spirituelle Meister uns das Heil bringen – das sind Ideen, die Leute von der teils komplexen Alltagsrealität entfremden. Sie sind oft nicht mehr fähig, ein Problem selber zu lösen und suchen Lösungen bei esoterischen Anbietern, Wunderheilern, Schamanen oder spirituellen Meistern. Doch ihre Rezepte sind meist wirkungslos und vermitteln ein falsches Weltbild. Es ist bequemer, ihren Heilsversprechen zu glauben, als sich selbstverantwortlich mit der komplexen Realität auseinanderzusetzen. Man gibt die Verantwortung ab, wird autoritätsgläubig und dadurch leicht manipulierbar.

Auch Marc hat solche Erfahrungen gemacht – der junge Mann ist Protagonist in Ihrem Roman. Der Plot ist fiktional, die Gruppen und spirituellen Zentren sind jedoch authentisch beschrieben. Wie viel Hugo Stamm ist in ‹Späte Erlösung› drin?

Meine Tochter sagt, dass sie mich auf jeder dritten Seite erkennt. Es ist klar, dass ich von meiner Erfahrung der letzten 40 Jahre als Journalist und Beobachter der Sektenszene zehre – und damit mein Alter Ego spürbar ist.



Wir kennen Sie als Reporter, der unbeirrt und faktengestützt die esoterischen Abgründe unserer scheinbar so aufgeklärten Gesellschaft aufdeckt. Ihr neuestes Buch ist nun eine Liebes- und Abenteuergeschichte in der Sektenwelt. Sind Sie unter die Belletristiker gegangen?

(lacht) Ich habe mir damit quasi ein Geschenk zur Pension gemacht. Als Journalist, der es gewöhnt ist, Artikel einfach und klar aufzubauen und sich streng an Fakten zu halten, war der Ausflug in die Belletristik ein schwieriges Abenteuer. Es war tatsächlich ein jahrelanger Lernprozess. Ich fühlte mich anfänglich wie eine lahme Ente. Die erste Fassung hatte ich in einem halben Jahr geschrieben, in der jetzigen ist kein einziger Satz mehr davon zu finden.

Missionieren Sie damit auch auf eine Art und Weise, indem Sie mit dem Roman Leute aufklären, die sich sonst nicht mit Esoterik befassen würden?

Die kritische Berichterstattung über Sekten ist in der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Der Roman ist daher ein neuer Weg, Leute zu sensibilisieren, die lieber Geschichten lesen als Sachbücher. Mir macht die Entwicklung grosse Sorgen, weil Esoterik die Qualität einer neuen Weltreligion hat. Sie hat sich über den ganzen Globus verbreitet und zieht immer mehr Leute in ihren Bann. Es gibt Tausende Angebote, fast wie beim Einkaufen in einem Supermarkt: Je nach Bedürfnis pickt man das heraus, was einem gerade anspricht.

Bietet uns die Internetrecherche nicht genügend Möglichkeiten, sich darüber zu informieren, ob ein Angebot seriös oder sektiererisch ist?

Wer ein Stichwort eingibt, stösst zuerst auf unzählige Treffer der esoterischen Anbieter oder auf positive Berichte der Anhänger. Deshalb verschwinden die kritischen Berichte oft in den Tiefen des Internets und sind schwer zu finden. Die vielen zustimmenden Treffer geben Suchenden das Gefühl, es handle sich um seriöse Angebote. Um sich ein abgerundetes Urteil bilden zu können, muss man gut recherchieren können – und auch wollen. Wer von esoterischen Phänomen fasziniert ist, sucht meist unbewusst nach Artikeln, die das eigene Weltbild bestätigen.



Was tun, wenn ich unsicher bin?

Die beiden Schweizer Beratungsstellen Infosekta und Relinfo bieten seriöse Informationen. Wer unsicher ist, kann auf ihren Websites nachschauen oder telefonische Auskünfte einholen. Ich empfehle ausserdem, esoterische Angebote kritisch zu hinterfragen. Konkret: Sind die Versprechen und Ideen glaubwürdig oder plausibel? Gibt es tatsächlich Wundermittel oder sanfte Heilmethoden, die auch bei schweren Krankheiten wirkungsvoll sind? So kann man sich fragen, weshalb sich zum Beispiel Krebspatienten Operationen und Chemotherapien unterziehen, wenn es angeblich sanfte Heilmethoden gibt, wie viele Heiler versprechen. Man sollte also trotz allen Verlockungen stets den gesunden Menschenverstand einsetzen.

So kritisch zu sein, wie Sie es sind – ist das nicht unglaublich anstrengend?

Der Kampf für geistige Freiheit ist anstrengend, aber er lohnt sich. Philosophische Erkenntnisse runden das Weltbild ab und geben Sicherheit und Geborgenheit. Weil ich genau hinschaue und vieles hinterfrage, habe ich das Gefühl, die Welt ein Stück besser zu verstehen – und dies, ohne die Hilfe eines Gurus oder Gottes in Anspruch nehmen zu müssen.

Der Plot ist fiktional, die Gruppen und spirituellen Zentren, sind authentisch beschrieben. Das Buch von Hugo Stamm gibt einen Überblick über die esoterischen Phänomene und beschreibt auch, weshalb sie immer mehr faszinieren.
Bild: Tredition 

Bibliografie: Späte Erlösung, Hugo Stamm, Tredition Verlag oder direkt auf der Seite von Hugo Stamm, 27 Franken.

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