Shanthakumar Subramaniam: «Ich bin ein richtiger Seebueb»

3.7.2018 - 08:30, Marianne Siegenthaler

Shanthakumar Subramaniam: «Manche Eigenschaft, die als typisch schweizerisch bezeichnet wird, habe ich übernommen.»
Mariannne  Siegenthaler

Shanthakumar Subramaniam kam vor 27 Jahren als Flüchtling aus Sri Lanka in die Schweiz. Heute produziert er massgeschneiderte Bootsdecken für kleine Fischerböötli, schnelle Segelyachten und luxuriöse Motorboote.

Ich treffe den 42-jährigen Shanthakumar Subramaniam – alle nennen ihn nur Shanthan – in seinem Atelier in Stäfa am Zürichsee. Auf grossflächigen Tischen liegen die Stoffe für Bootsblachen und Verdeck bereit. Manche Blachen wurden bereits vor Ort, also auf dem Boot, grob zugeschnitten, hier folgt die Feinarbeit.

Mit Spezialnähmaschinen wird das strapazierfähige Material verarbeitet und mit Reissverschlüssen,  Knöpfen und Riemen versehen. Es ist eine echte Präzisionsarbeit, denn die Bootsdecke ist sozusagen ein Massanzug, der perfekt sitzen muss.

Bluewin: Herr Subramaniam, Sie sind als Jugendlicher aus Sri Lanka geflohen und  in die Schweiz gekommen. Heute kennt Sie fast jeder Bootsbesitzer am Zürichsee. Wie ist es dazu gekommen?

Shanthakumar Subramaniam: Ich war 15, als ich zusammen mit meinem älteren Bruder nach Männedorf ZH gekommen bin. Mein Betreuer kümmerte sich darum, dass ich eine Lehrstelle fand. Keine einfache Sache, denn ich sprach kaum ein Wort Deutsch. Er schickte mich zu Yalcin, der eigentlich Herrenschneider war in seiner türkischen Heimat, jetzt aber Bootsdecken, Verdecke und ähnliches für Schiffe aller Art schneiderte. Yalcin wollte mich erst gar nicht einstellen. Ich arbeitete dann eine Woche auf Probe, und so hat es mit der Lehrstelle geklappt. Nachdem ich meine Lehre als Sattler abgeschlossen hatte, arbeitete ich weiter bei Yalcin – und konnte sein Geschäft nach seiner Pensionierung übernehmen.

Shanthakumar Subramaniam: «Kaum ein Bootsbesitzer verzichtet auf eine massgefertigte Decke oder Persenning, wie wir sagen, denn sie ist der beste Schutz für das Boot.»
Marianne Siegenthaler

Auf dem Zürichsee gibt es jede Menge Boote, das bedeutet sicher auch viel Arbeit für Sie?

Stimmt. Sobald es im Frühling Zeit wird zum Einwassern, geht es richtig los. Kaum ein Bootsbesitzer verzichtet auf eine massgefertigte Decke oder Persenning, wie wir sagen, denn sie ist der beste Schutz für das Boot. Manche brauchen eine neue Blache, andere benötigen eine Reparatur, weil das Alter oder ein Sturm der Decke zugesetzt hat.

Wie sieht denn Ihr Arbeitstag aus?

In der Hauptsaison stehe ich jeweils um fünf Uhr auf und bin schon kurz darauf im Atelier. Da bereite ich die Arbeiten für meinen Mitarbeiter vor, bin aber bei schönem Wetter bald wieder draussen, um die Schiffe auszumessen. Zu diesem Zweck habe ich immer ein Gummiboot im Auto mit dabei. Es sind ja nicht alle Schiffe im Hafen stationiert, sondern manche auch an einer Boje.

Weshalb ist die Massarbeit so wichtig?

Es sollen sich einerseits bei Regen keine Pfützen bilden, anderseits darf der Wind nicht drunterblasen können, weil die Decke dann abreissen könnte. Einen groben Zuschnitt mache ich deshalb meisten schon auf dem Schiff, damit wirklich alles passt, muss ich aber sehr genau Mass nehmen. Auch bei Booten des gleichen Typs gibt es kleine Unterschiede, die entscheidend sein können für den tadellosen Sitz.

Wie lange arbeiten Sie an solch einer Persenning? Und was kostet sie?

Das ist sehr unterschiedlich. Eine Blache für ein einfaches, kleines Fischerboot ist in rund fünf Stunden genäht und kostet zwischen 1000 und 1500 Franken. Häufig ist es aber sehr viel komplizierter und wird auch entsprechend teurer. Eine Decke muss ja nicht nur gut sitzen, sondern sollte auch möglichst schnell und unkompliziert auf dem Boot befestigt werden können.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Ich liebe den See – ich bin ein richtiger Seebueb – und bin deshalb besonders gerne im und auf dem See unterwegs. Zudem habe ich viel Kontakt mit Kunden oder auch ehemaligen Auftraggebern, die ich in den Häfen antreffe. Man kennt sich, man hält einen kurzen Schwatz – das gefällt mir. Und natürlich freut es mich, wenn die Persenning, vor allem, wenn es ein komplizierter Schnitt ist, dann perfekt passt.

Was mögen Sie weniger?

Den stinkenden Leim, mit dem die Nähte wasserdicht gemacht werden. Im Ernst: Der Bürokram liegt mir weniger, aber das muss halt auch sein.

Shanthakumar Subramaniam: «Ich arbeite sehr viel – aber auch sehr gerne. Mir macht es nichts aus, dass ich über Monate von morgens um fünf bis abends um acht unterwegs bin.»
Marianne Siegenthaler

Sie leben jetzt schon seit 30 Jahren in der Schweiz. Fühlen Sie sich hier zuhause?

Ja! Ich lebe ja auch schon viel länger hier als in meiner alten Heimat. Inzwischen bin ich längst Schweizer Bürger geworden, ich habe mich in Meilen einbürgern lassen. Die Sprache, die Menschen, die Mentalität – das alles ist mir sehr vertraut. Und manche Eigenschaft, die als typisch schweizerisch bezeichnet wird, habe ich auch übernommen.

Welche?

Ich arbeite sehr viel – aber auch sehr gerne. Mir macht es nichts aus, dass ich über Monate von morgens um fünf bis abends um acht unterwegs oder im Atelier am Nähen bin. Ich glaube, wenn ich nichts zu tun hätte, wäre ich bestimmt nicht glücklich.

Vermissen Sie manchmal Ihre alte Heimat?

Ich habe immer noch viele Freunde und Verwandte in dem Dorf in Sri Lanka, in welchem ich aufgewachsen bin. Die vermisse ich schon, aber ich besuche sie jedes Jahr vom Dezember bis Februar, wenn hier in Sachen Arbeit nicht viel los ist. Ich geniesse die Art und Weise, wie die Menschen da leben, den Kontakt zu Freunden und Verwandten – und das scharfe Essen! Ich komme aber auch immer wieder gerne zurück.

Haben Sie selber auch ein Boot?

Ja. Und damit habe ich mir einen Traum erfüllt. Ich wünschte mir schon während der Lehre, dass auch ich eines Tages stolzer Besitzer eines Bootes sein werde. Denn was gibt es Schöneres, als auf dem Zürichsee mit dem Schiff unterwegs zu sein? Als es dann nach vielen Jahren auf der Warteliste endlich geklappt hat mit dem Bootsplatz, konnte ich mir mit einem eigenen Motorboot diesen Traum erfüllen.

Bürgerkrieg in Sri Lanka

Durch die Unterdrückung der Tamilen kam es 1983 in Sri Lanka zum Bürgerkrieg zwischen Tamilen und Singhalesen. Zahlreiche Tamilen wurden getötet, viele flüchteten – unter anderem auch in die Schweiz. Heute leben hierzulande über 43‘000 Tamilen, diejenigen mit Schweizer Pass nicht mitgerechnet. Obwohl man ihnen anfangs mit viel Skepsis begegnete, haben sich diese inzwischen gut integriert – trotzdem bilden sie eine eigene Gesellschaft, die stark von Traditionen geprägt ist. Die Hoffnung auf eine Rückkehr haben viele aufgegeben, da sie gemäss Schweizerischer Flüchtlingshilfe in ihrer Heimat nach wie vor gefährdet sind.

Die Gesprächserie: «Wir sind die Schweiz»

Die Schweiz ist ein Land, in dem man gerne lebt, in dem fast alles funktioniert, manches sogar perfekt. In unserer Gesprächsserie «Wir sind die Schweiz» sprechen wir mit Menschen aus unserem Land über ihre Sicht auf die Heimat. Zuletzt sprachen wir mit Boutique-Besitzerin Sabine JudVolunteer Adrian Huser, Gymi-Schüler Simon Kloos, Ex-Dompteuse Elvira Wegmann und Autorin Sybil Schreiber.

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