Ecstatic Dance im SelbstversuchSich in Trance tanzen – doch der Saboteur ist immer dabei
Carlotta Henggeler
9.3.2025
In Zürich finden regelmässig Ecstatic-Dance-Treffen statt.
zVg
Alle zwei Wochen wird in Zürich Ecstatic Dance angeboten. Die Abende sind ausgebucht. Ecstatic Dance verspricht Freiheit durch Bewegung, doch gelingt es wirklich, den Kopf abzuschalten? Ein Selbstversuch.
In Zürich findet alle zwei Wochen ein Ecstatic-Dance-Event an verschiedenen Locations statt. Oft sind die Abende ausverkauft, dann treffen sich etwa 120 Anhänger*innen zum Tanz. Weitere Infos auf ecstaticdance.ch. Ein Eintritt kostet 31 Franken.
Getanzt wird ohne Drogen, Worte oder Ablenkung.
Der Selbstversuch zeigt: Trotz der freien Atmosphäre fällt es mir schwer, den Kopf auszuschalten und mich voll auf die Musik einzulassen.
Ruhig gleiten die Trams vor der reformierten Kirche St. Jakob am Stauffacher vor sich her. Ein bitterkalter Donnerstagabend im Februar 2025, aber ein idealer Tag für diesen Selbstversuch im Ecstatic Dance. Einmal im Monat findet in der offenen Citykirche im Zürcher Kreis 4 ein Tanztreff statt.
Die Idee ist simpel – sich in der Gruppe mit anderen in Trance tanze, ohne Drogen oder Alkohol. Doch es gibt für mich ein grosses Problem: mein Feind, der immer dabei ist, mein Kopf. Jenes eigenständige Wesen, das zu den komischsten Zeiten und Gelegenheiten To-do-Listen zusammenstellt und mich daran erinnert, noch Mails zu verschicken oder WhatsApp-Nachrichten zu beantworten.
«Welcome», werde ich auf Englisch mit französischem Akzent begrüsst. Ich melde mich an und husche in den Seitenflügel, wo sich um die fünf Leute vorbereiten. Einige ziehen sich um. Weg mit der Tageskleidung, her mit legerer Klamotten – sich damit quasi den Tag abstreifen. Einige stehen da, als würden sie joggen gehen, andere haben Batik-Hosen an oder wallende Kleider. Ein Stereotyp ist nicht auszumachen.
Im Bug der Kirche ist das Licht schon gedämmt, wer will, bekommt beim Eintritt eine wohlriechende Rauch-Dusche zum Start verpasst. Riecht es nach Palo Santo? Jenes Holz, das gerne in Yogastudios verbrannt wird? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Aber es riecht gut.
Eine Handvoll Besucher*innen wärmen sich auf – wie für eine Tanzstunde im Fitnessstudio. Andere liegen auf dem Boden und lassen den Raum und die Atmosphäre wirken. Gesprochen wird nicht.
Langsam füllt sich der Saal, das Licht wird noch mehr gedämmt. Johanna Köb macht das Warm-up. Die Organisatorin des Abends und Gründerin von Ecstatic Dance Swiss lässt uns – auf Englisch – durchs Gebäude bewegen, tänzeln. Wir sollen einfach Freude haben, uns gehen lassen und ganz bei uns sein. Bei Kollisionen mit anderen beim Tanzen lächeln, weiterziehen und smooth bleiben.
Sie heisst uns willkommen zu dieser Erfahrung. Der DJ ist ein bekannter Name in der Szene, die sich in Europa anfangs in Amsterdam ansiedelte. Und Johanna begrüsst ihren alten Bekannten. Ein Besucher ist ein Urgestein.
Kurz werden die Regeln aufgezählt und ein Kerzenritual zum Frühlingsanfang angestimmt – wenn ich das richtig verstanden habe, denn es hallt stark im Kirchenbug. Vorne an der Kanzel sind weitere Kerzen, die darauf warten, entzündet zu werden. Als Ritual, einfach wegen des Lichts? Das entscheidet jeder für sich. Alles kann, nichts muss und es gibt kein richtig oder falsch, das ist für mich ungewohnt in der heutigen Zeit. Ich lasse die Botschaft auf mich wirken.
Meine Maxime für die Erfahrung: Alles aufsaugen, keine Vorurteile fällen. Nur kurz leuchtet das Wort esoterisch in meinem Kopf auf.
Johanna wünscht uns eine schöne Erfahrung – und los gehts in der inzwischen gut gefüllten reformierten Citykirche.
Tanz dich frei – gar nicht so einfach
Die ersten Klänge von DJ Iradi sind beschwingt, leicht. Ich lasse mich treiben, bewege mich zur Musik, die Socken bleiben an. Ganz schön frisch für ein Gfrörli in diesem grossen Raum. Zuhause tanze ich oft stundenlang für mich – hier, umgeben von anderen Menschen, fällt es mir vorerst schwer, den Kopf abzuschalten. Ich schaue mich um, lasse mich von den Tanzrhythmen und Moves um mich herum inspirieren. Befehle meinem Kopf abzuschalten. Und finde vorerst den Off-Knopf nicht. Zu sehr bin ich mit dem Beobachten um mich herum absorbiert.
Einfach tanzen – die Guidelines:
Jede*r ist willkommen, es braucht keine Vorkenntnisse. Freude am Tanzen und Experimentieren von Vorteil. Es ist ein formfreier Tanz.
Das Ambiente ist frei von Vorurteilen oder Beurteilungen.
Handy ist nicht erlaubt. Es wird nicht gesprochen.
Alkohol und Drogen sind Tabu.
Es empfiehlt sich, barfuss zu tanzen.
Getanzt wird alleine, zu zweit oder in der Gruppe – so, wie es sich für jede*n stimmig anfühlt.
Ich zwinge mich, in Bewegung zu bleiben, mich von der Musik leiten zu lassen – und wechsle die Position, mich zieht es in die Raummitte. Andere Leute, andere Energien, anderer Rhythmus.
Das Set von DJ Iradi ist mal sphärisch, mal peitschend, mal leicht wie ein Sommerregen. Mal wird geklatscht, mal wird Iradi mit Zaghrouta-Rufen angefeuert – wie bei einer arabischen Hochzeit.
Nach einer gefühlten Stunde – schwer zu sagen, so ganz ohne Handy – wird mir warm. Ich ziehe den Pulli und Socken aus. Barfuss tanzt es sich besser.
Der Saal ist voll geworden, rund 120 Tanzende füllen den Saal. Man umtanzt sich, kreuzt sich. Dabei bleibt mein Wohlfühlraum um mich herum bestehen und respektiert. Einmal streife ich mit meinem Arm eine Tanzende. Wir blicken uns kurz an, lächeln – fertig.
Mein Kopf ist ruhiggestellt, aber nicht komplett ausgeschaltet. Es fühlt sich ungewohnt an, nichts zu müssen, alles zu können. Meine Gedanken wandern umher, lassen sich von der Musik tragen. Mal weit weg in die Vergangenheit, dann wieder hierher.
Ich verliere komplett das Zeitgefühl. Habe ich eine Stunde getanzt? Zwei? Ich kann es nicht sagen – und das ist gut so.
Der Hunger und ein Spiess im Fuss treiben mich nach Hause
Mein Magen knurrt immer wieder. Ich habe vor dem Start nur eine Kleinigkeit gegessen, um nicht mit vollem Bauch zu tanzen. Das rächt sich jetzt. Ich wäre gerne länger geblieben, zum Schluss soll es noch einen Closing Circle geben.
Aber mein Hunger und ein Spiess im Fuss treiben mich nach Hause, raus in die Kälte. Der Spiess entpuppt sich später als Fehlalarm.
An der Haltestelle begegnet mir per Zufall mein alter Chef. Ich erzähle ihm vom Ecstatic Dance. Die Worte sprudeln aus mir heraus. Ich bin wohlig-müde, gut gelaunt, zufrieden.
Trotzdem: Ich habe mich als Satellit im Raum gefühlt – losgelöst, auf mich gerichtet und beobachtend, aber auch in mich gekehrt. Ich habe mich wohlgefühlt, wie ein Molekül, das sich zwar andockt und anheftet, aber nicht vollständig in die Substanz eintaucht.
Ein weiterer Versuch?
Zu verkopft, um völlig losgelöst durch den Abend zu gleiten? Vielleicht. Den ekstatischen Höhepunkt habe ich heute nicht erlebt. Zu esoterisch war es mir – wie anfangs befürchtet – nicht. Würde es mir gelingen komplett in den Flow zu kommen, wenn ich den Versuch wiederholen würde?
Eine schwierige, hypothetische Frage. Meinen Feind Nummer eins, meinen Kopf, konnte ich grösstenteils ruhig stellen. Mein Körper fühlt sich leicht an, mein Kopf hat heute keine To-do-Liste erstellt. Das ist ein vielversprechender Start.
Werde ich wieder einen Abend besuchen, um mich von der Musik berauschen zu lassen? Das ist sehr wahrscheinlich. Doch nächstes Mal streife ich meine Tageskleidung ab – und lasse Büro und Alltag im Umkleideraum.
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