Auswanderer-Kolumne

Sollen wir das als Familie wirklich wagen?

Von Michelle de Oliveira

13.3.2022

Die Kolumnistin blickte auf den Atlantik und es war ihr, als puste der raue, kalte Wind ihr Schönheit und Besonderheit ins Gesicht – und mitten ins Herz.
Bild: Privat

Die Kolumnistin hat immer vom Leben am Meer geträumt. Doch als die Möglichkeit auf einmal ganz real wird, kommen Ängste und Unsicherheiten auf. Sie merkt: Die Entscheidung ist keine leichte.

Von Michelle de Oliveira

13.3.2022

«Dann ziehen wir eben nach Portugal», sage ich und schaue meinen Mann von der Seite an. Er blickt zurück und sagt: «Daran habe ich auch gedacht.»

Da sitzen wir, nebeneinander auf dem Sofa, in der tollen Zürcher 5-Zimmer-Genossenschaftswohnung, in die wir nur wenige Monate zuvor gezogen sind. In deren Wände wir endlos viele Löcher gebohrt und uns für die nächsten 20 Jahre installiert hatten. Mindestens.

Wir sitzen da, einige Stunden, nachdem mein Mann erfahren hat, dass die Agentur, in der er arbeitet, überraschend schliessen wird. Es ist Oktober, ab Januar ist mein Mann theoretisch arbeitslos.

Werde ich Heimweh haben?

Wir sind geschockt und denken beide dasselbe: Was, wenn wir es jetzt wagen würden? Ein Leben in Portugal. In der Heimat meines Mannes. Wir denken an das Häuschen, das wir im letzten Sommer gekauft haben, als Ferienhaus und zum Vermieten.

Ich hatte immer davon geträumt, wieder ins Ausland zu ziehen, in ein wärmeres Land, vielleicht sogar ans Meer. Seit ich meinen Mann kenne, redeten wir regelmässig darüber, wie es wäre, in Portugal zu leben. Doch es blieb eine Träumerei.

Zur Autorin: Michelle de Oliveira
Bild: zVg

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogalehrerin und Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle und Esoterische. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren. Seit kurzem lebt sie mit ihrer Familie in Portugal.

Wir waren beide in der Schweiz verwurzelt, und auch unsere zwei Kinder liebten ihr Umfeld. Für den grossen Schritt, unser gewohntes Leben aufzugeben, fehlte uns schlicht der Mut.

Bis jetzt?

Wir liegen die nächsten Nächte immer wieder wach, schieben Ängste schwer wie Ziegelsteine in unseren Köpfen umher. Wird es klappen, dass ich von Portugal aus arbeiten kann? Wird mein Mann einen Job finden, der ihn glücklich macht? Werden wir finanziell über die Runden kommen? Was ist mit der Altersvorsorge?

Wird mir das Leben in diesem Dorf nicht zu eintönig? Werde ich Heimweh haben? Wie wird es den Kindern mit dem Umzug ergehen? Werden wir glücklich sein? Oder den Entschluss bald bereuen? Die Gedanken türmen sich zu einer scheinbar unüberwindbaren Wand auf.

Doch gleichzeitig spüren wir eine Leichtigkeit, eine Aufregung und Vorfreude, wie es sie nur gibt, wenn sich ganz Grosses ankündigt. Ein Leben am Meer! Dieser Gedanke lässt mich jedes Mal breit grinsen.

Zwei Wochen verbringen wir in diesem Schwebezustand der Unentschlossenheit, der mich fast wahnsinnig macht. Bis wir es nach stundenlangen Gesprächen und endlosen Pro- und Contra-Listen nicht mehr aushalten. Eine Entscheidung muss gefällt werden. Wir sitzen in der Herbstsonne und schauen uns an. Und nicken.

Plötzlich ist ganz klar: Wir werden nach Santa Cruz ziehen, ein kleines Dorf an der Atlantikküste, wo mein Mann als Kind und Jugendlicher stets den Sommer verbracht hatte.

Der Atlantik bewegt mein Innerstes

Ich fand Santa Cruz bei meinen ersten Besuchen vor einigen Jahren zwar ein ganz nettes Kaff für ein paar Tage Ferien, mehr aber auch nicht. Erst als ich zum ersten Mal im Winter dort war, passierte es. Während es im Sommer voller und lebendiger war, gehörten die Wintertage nur wenigen Leuten.

Viele der ohnehin schon nicht zahlreichen Restaurants waren geschlossen, die Fensterläden der Ferienhäuser verriegelt, der Strand bis auf die Fischer fast menschenleer. An diesem Strand stand ich eines Tages im Februar. Ich blickte auf den Atlantik und es war mir, als pustete der raue, kalte Wind mir die Schönheit und Besonderheit dieses Ortes ins Gesicht. Und mitten ins Herz. Es bewegte sich etwas in meinem Innersten und liess mich nicht mehr los.

Von diesem Moment an verbrachte ich Stunden auf Immobilienportalen und kannte bald jedes Haus und jede Wohnung, die zum Verkauf standen. Das waren nicht viele. Und entweder lag der Preis weit über unserem Budget oder der Zustand war dürftig.

Bis wir im letzten Sommer unser Reihenhäuschen gefunden haben. Etwas ausserhalb des Dorfes steht es nur gut hundert Meter vom Meer weg. Die Entscheidung fiel in der ersten Viertelstunde der Besichtigung. Wir wollten das Haus kaufen.

Mir graut vor dem Abschied

Unser Haus, in dem wir nun also nicht nur unsere Ferien, sondern unser Leben verbringen würden.

Als wir den Kindern von unserer Entscheidung erzählen, freut sich der Vierjährige riesig darüber, dass er dann jeden Tag am Strand spielen könne. Und die Zweijährige wiederholte eifrig, dass sie auf jeden Fall auch mitkommen wolle.

Die Nachricht Familie und Freunden in der Schweiz mitzuteilen, fällt mir schwerer. Ich weine immer, weil mir schon jetzt vor dem Abschied graut. Und gleichzeitig wächst die Vorfreude jedes Mal, wenn ich von unseren Plänen erzähle.

Unsere Liebsten reagieren fast alle gleich: Schade, dass ihr geht, aber wir können eure Entscheidung absolut nachvollziehen. Und viele sagen: Wir beneiden euch um das grosse Abenteuer, das vor euch liegt.