Sterbehilfe: Ja oder nein? – Das meint die «Bluewin»-Leserschaft

27.8.2018 - 12:02, Bruno Bötschi

Die Mehrheit der Leserinnen und Leser von «Bluewin» zeigen Verständnis für die Entscheidung von Vater Zbinden und befürwortet den begleiteten Freitod.(Symbolbild)
Bild: Keystone

Mit ihrem Text «Sterbehilfe: Der Abschied von unserem Vater» trafen die Geschwister Ruth und Jürg Zbinden einen Nerv der «Bluewin»-Leserschaft.

Seit dem Erscheinen des Artikels sind unzählige Mails auf der Redaktion eingetroffen. Sterbehilfe: Ja oder nein?

Die überwältigende Mehrheit der Leserinnen und Leser zeigen Verständnis für die Entscheidung von Vater Zbinden und befürwortet den begleiteten Freitod. Viele beschrieben in ihren Mails ihre persönlichen Erfahrungen.

So zum Beispiel Hansruedi Bodenmann: «Ich bin seit meinem 20. Lebensjahr Mitglied von Exit. Es gab mir immer eine gewisse Sicherheit im Leben, das alles so gemacht werden wird, wie ich es wünsche. Ich bin nun 67 Jahre alt und an ALS erkrankt.

Vor sieben Jahren wurde die Krankheit im Muskelzentrum in St. Gallen diagnostiziert. Bis jetzt bin ich nur von der Hüfte an abwärts betroffen. Ich habe eine 24-Stunden-Pflege in Thailand. In der Schweiz könnte ich mir das nicht leisten. Dank der Sterbeorganisation weiss ich, dass ich nicht als lebendige 'Leiche' diese Welt verlassen werde.»

«Loslassen tut weh»

Beeindruckt vom Bericht der Geschwister Zbinden zeigt sich Priska Ingold. Sie schreibt: «Meine Meinung ist, dass jeder Mensch selber bestimmen darf, wann er seinem Leben ein Ende setzen möchte. Egal, wie die Umstände sind. Klar, es ist für die Angehörigen nicht leicht, Abschied zu nehmen und Menschen loszulassen, die man liebt. Doch sollten wir da vermehrt versuchen, 'in die Schuhe des anderen zu treten', alles andere ist Ego-Sauce.»

Wie schwierig Loslassen sein kann, darüber berichtet Katharina Rhyner in ihrer Mail: «Der Beitrag hat mich zutiefst berührt, musste ich doch vor gut einem Jahr meinen geliebten Mann und Vater unserer drei Kinder auf dieselbe Weise hergeben. Die letzte Woche seines Lebens pflegte ich ihn zusammen mit der Spitex zu Hause.

Es war die schmerzvollste Woche meines Lebens: Mein Mann kam nicht mehr aus dem Bett. Er mochte nichts mehr essen, und ich musste ihm mehrmals täglich Morphium gegen die starken Schmerzen verabreichen. Mein Mann war sehr gläubig; aus diesem Grund hatte ich auch meine Mühe, seinen Entschluss zu akzeptieren. Aber zusehen und nicht helfen können ist fast nicht zu ertragen.

Seinen letzten Blick in meine Augen werde ich nie vergessen, bevor er – kurz vor seinem 75. Geburtstag – für immer seine Augen schloss. Wir hatten uns sehr geliebt und hätten in diesem Jahr die goldene Hochzeit feiern können – das war noch unser gemeinsames Ziel... »

«Jeder soll über seinen Abschied selber entscheiden»

Marcel Stuber ist seit Jahren Mitglied bei einer Sterbeorganisation und  «absolut dafür», dass jeder Mensch über seinen Abschied selber entscheiden kann: «Dass man Leute leiden lässt, obwohl keine Heilungsschancen bestehen, finde ich inakzeptabel, insbesondere dann, wenn der Betroffene den Wunsch äussert zu sterben.»

Kein Verständnis für den Freitod hat Richard Dähler (85) aus Zürich: «Würde – das umwerfende Argument der Sterbehilfeindustrie.» (Symbolbild)
Bild: Keystone

Doris Schöni aus Muri bei Bern befürwortet die Sterbehilfe, «aber nicht nur für physisch Versehrte. Wenn man einfach nicht mehr mag, die Welt nicht mehr versteht, die augenblickliche Mentalität einem widerstrebt, sollte jeder Mensch die Möglichkeit zum Suizid haben. Allerdings stelle ich mir einen anderen Tod vor als jener mit Natrium-Pentobarbital. Sterbend möchte ich noch schweben, also schwebend und mit starken Farben sterben, was nur durch eine Droge, wie zum Beispiel Morphin, ermöglicht wird. Warum ist das verboten?»

Auch Werner Nideröst (68) ist froh, dass es Sterbehilfe-Organisationen gibt in der Schweiz: «Sie sind für den Betroffenen ein Anker. Ich fände es schrecklich, wenn man sein ganzes Leben selbstbestimmt verbracht hat, und am Ende jemand sagen würde: Du darfst nicht gehen. Gesunde Leute erklären oft, man dürfe unserem Herrgott nicht ins Handwerk pfuschen. Ich glaube nicht, dass unser Herr so grausam ist, dass er Menschen elendiglich sterben sehen will.»

Der Entscheid von Vater Zbinden sei mit Respekt zu akzeptieren, schreibt Lisa Zwahlen: «Ich bin an Nieren- und Blasenkrebs erkrankt. Im Moment denke ich nicht ans Sterben. Ich geniesse jeden Tag auf meine Weise. Es gibt nichts was ich nicht machen kann, darf oder will. Die heutige Medizin ist weit fortgeschritten, doch sie kann es nicht verhindern, dass man ab einem gewissen Grad, nichts mehr machen kann, ausser das Sterben zu erleichtern.»

«Das Leben ist ein Geschenk»

Für Gabriele Balsiger ist klar: «Mein Mann und ich werden, wenn nötig, mit Exit sterben. Ein unwürdiges Leben verlängern, ist kein Thema für uns beide. Aber natürlich muss jeder Mensch für sich selber entscheiden, wie und wann er diese Erde verlassen möchte. Ich finde es aber wichtig, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit angesprochen wird.»

Helmut Karger fand den Bericht der Geschwister Zbinden «sehr gut verfasst», aber für ihn wäre der Freitod keine Option: «Das Leben ist ein Geschenk. Es war nicht mein Entscheid zu leben und es soll auch nicht mein Entscheid sein, zu sterben.»

Kein Verständnis für den Freitod hat Richard Dähler (85) aus Zürich: «Würde – das umwerfende Argument der Sterbehilfeindustrie.» Albrecht Lauener aus Oberbuchsiten sieht es ähnlich: «Wenn es ein Weiterleben nach dem Tode gibt – was alle Religionen erzählen –, dann ist das selbstbestimmte Sterben das grösste Verbrechen, das im wahrhaftigen Sinne an Gotteslästerung grenzt!»

Béatrice Keller hat ebenfalls Mühe mit dem Entscheid von Vater Zbinden: «Ich bin der Meinung, dass es nicht  das Recht des Menschen ist, bewusst das Ende eines Lebens zu bestimmen. Mein Leben steht in Gottes Hand und ich traue darauf, dass er es so richten wird, wie es für mich gut ist. Ich vertraue Gott und ich will nicht Gott spielen.»

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