Suchtmediziner Thilo Beck: «Ich bin für die Legalisierung von Kokain»

12.3.2018 - 10:10, Bruno Bötschi

Nur in London und Antwerpen konsumiert die Bevölkerung relativ gesehen mehr Kokain als in Zürich. Das ergab 2016 eine europaweite Untersuchung von städtischen Abwässern.
Keystone

Psychiater Thilo Beck betreut in Zürich Drogensüchtige. Er setzt sich gegen die Stigmatisierung von Abhängigen ein und fordert die Regulierung aller psychoaktiven Substanzen. Ein Interview.

Schweizerinnen und Schweizer mögen Schoggi, Käse und Würste – und Kokain. Laut der jährlichen Abwasserstudie der ETH-Wasserforschungsstelle Eawag 2016 werden in Zürich jeden Tag 1.7 Kilogramm Kokain konsumiert. Nur in Antwerpen und London sind noch mehr Restspuren des weissen Pulvers zu finden als in der Limmatstadt.

Auch in anderen Schweizer Städten wird ordentlich geschnupft: St. Gallen, Basel und Bern haben die Nase vorn. «Bluewin» wollte von Thilo Beck, Chefarzt für Psychiatrie bei der Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen (Arud) in Zürich, wissen, warum Kokain hierzulande derart beliebt ist und warum er sich für die Drogen-Legalisierung einsetzt.

Bluewin: Herr Beck, ich habe heute Morgen drei Tassen Kaffee getrunken. Würden Sie sagen, ich habe Drogen konsumiert?

Thilo Beck: Nein. Koffein kann zwar einen Gewöhnungseffekt auf Körper und Psyche haben, zählt aber nicht zu den Substanzen, die ein Suchtpotential haben – sprich im menschlichen Hirn das Belohnungssystem aktivieren können.

Der deutsche Ethnopharmakologe Christian Rätsch sagte 2013 in einem «Spiegel»-Gespräch: «Es gibt keinen Menschen, der keine Drogen konsumiert. In der Kartoffel zum Beispiel steckt Diazepam, das ist Valium. Wer Kartoffeln isst, nimmt eine verschreibungspflichtige Substanz zu sich ... Im Grund sind wir alle illegal.»

Der Konsum von bewusstseinserweiternden Substanzen ist ein menschliches Bedürfnis. Wenn wir mit Freunden zusammen sind, trinken wir gerne ein Glas Wein, um den sozialen Austausch zu unterstützen. Während Partys werden Substanzen konsumiert, um das Erleben der Musik und des Tanzes zu intensivieren. Wir kennen dieses Bedürfnis nach Erweiterung des psychischen Erlebens auch aus religiösen Kulthandlungen, die häufig mit Substanzen kombiniert werden. Die Steigerung der Leistungsfähigkeit mit stimulierenden Substanzen, in der Fachsprache Neuroenhancement genannt, ist ebenfalls ein weit verbreitetes Bedürfnis.

In Zürich werden, laut der jährlichen Abwasserstudie der ETH-Wasserforschungsstelle Eawag 2016, jeden Tag 1.7 Kilogramm Kokain konsumiert. Die «NZZ» schrieb von einer Stadt im «Bann des weissen Gifts». Sie arbeiten seit über 20 Jahren als Suchtmediziner. Wie schätzen Sie die aktuelle Drogen-Situation ein?

Zürich ist vergleichbar mit anderen europäischen Partystädten. Die Stadt hat eine ausgeprägte Ausgehkultur, ähnlich wie Berlin, London oder Barcelona. In Zürich geht man gerne aus, es wird gefeiert und es werden im hohen Mass psychoaktive Substanzen konsumiert. Deshalb belegt Zürich beim Kokain einen Spitzenplatz.

Suchtmediziner Thilo Beck: «Fakt ist, dass die Mehrheit der Menschen mit psychoaktiven Substanzen kontrolliert umgeht. Das gilt für Cannabis genauso wie für Alkohol, Kokain und Heroin – am wenigstens gilt es für Tabak.»
zVg

Ist das schlimm?

Ich stelle es einfach fest. Es ist eine Tatsache, ein Bestandteil unserer Kultur.

Gibt es Menschen, die frei von jeglichen Süchten sind?

Der Konsum von bewusstseinserweiternden Substanzen heisst nicht automatisch, dass man süchtig ist. Eine Tatsache, die häufig verzerrt dargestellt wird. Fakt ist, dass die Mehrheit der Menschen mit psychoaktiven Substanzen kontrolliert umgeht. Das gilt für Cannabis genauso wie für Alkohol, Kokain und Heroin – am wenigstens gilt es für Tabak.

Warum?

Tabak hat das höchste Suchtpotential von den erwähnten Substanzen. 20 bis 30 Prozent der Menschen, die regelmässig rauchen, bekommen irgendwann ein Problem mit der Kontrolle über ihren Konsum. Bei Alkohol, Heroin und Kokain sind es 15 bis 25 Prozent, bei Cannabis ist das Suchtpotential deutlich geringer.

Ethnopharmakologe Rätsch sagt über Alkohol: «Nichts Anderes fügt dem Körper so viel Schaden zu wie Alkohol. Er greift nahezu alle Organe an und macht unproduktiv, schläfrig, teilnahmslos. Ich trinke jedenfalls keinen mehr. Nie.»

Das stimmt. Alkohol hat ein ausgeprägtes Schadenspotential, im Ausmass vergleichbar mit gerauchtem Tabak. Er ist ein Nerven- und Gewebegift. Alkohol schädigt die Leber, kann zu Demenz führen, verursacht Gefühlsstörungen in den Beinen und den Händen, kann zu Leberzirrhose führen und verursacht in hohem Mass Krebs. Bei Heroin zum Beispiel ist das ähnlich wie bei Cannabis kaum der Fall: Wenn ich Heroin verantwortungsbewusst konsumiere, also in dem Sinn, dass ich saubere Substanzen benütze und weiss, wie ich diese handhaben muss, hat Heroin, anders als Alkohol, fast keine körperliche Schädigungen zur Folge. Heroin macht weitaus nicht jeden beim ersten Mal süchtig. Diese und viele andere illegale Substanzen wurden und werden pauschal verteufelt und oft mit unberechtigten Zuschreibungen beurteilt. Es liegt an vielen, meist nicht substanzbedingten Faktoren, ob und wie jemand die Kontrolle über den Konsum einer Substanz verliert.

Rätsch sagt weiter: «... reines Kokain hat dagegen oft kaum negative Auswirkungen, wenn Dosis, Set und Setting stimmen.»

In einem positiven Umfeld und in kontrollierter Form ist der Konsum von Kokain – rein vom Schadenspotential betrachtet – durchaus vertretbar. Aber auch Kokain kann negative gesundheitliche Auswirkungen haben. Es wirkt gefässverengend mit dem akuten Risiko von Herzinfarkt oder Hirnschlag, fördert bei chronischem Konsum weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In der Nase kann Kokain bei langem, exzessivem Konsum Geschwüre verursachen, weil es die Nasenschleimhaut reizt. Massiver Konsum kann zu vorübergehenden Psychosen führen. Wird Kokain gespritzt, kann es Gewebsnekrose auslösen und so weiter. Wie beim Alkohol sind die meisten dieser Nebenwirkungen abhängig von Dauer und Dosis des Konsums.

Im «Zürcher Kokain-Report», der vor wenigen Tagen der «Woz – Die Wochenzeitung» beigelegt war, sagen Sie: «Das Schadenspotential von Kokain wird übertrieben eingeschätzt.»

Wie gesagt, Kokain erhöht das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Auf der anderen Seite: Das Leben an sich ist gefährlich. Alles, was wir Menschen tun, hat ein gewisses Schadenspotential. Fahre ich Auto, wächst das Risiko in einen Unfall verwickelt zu werden.

Sie sind für die Legalisierung von Kokain.

Ja, ich bin für die Legalisierung respektive Regulierung von allen psychoaktiven Substanzen.

Das müssen Sie erklären.

Diese Substanzen werden konsumiert, egal ob sie verboten sind oder nicht. Eine Erfahrung haben wir in der Geschichte der Menschheit immer wieder gemacht: Die Verbotspolitik verringert den Konsum nicht, sie führt eher zu einer Erhöhung, wie die Prohibition, das Verbot für Alkohol, in den USA gezeigt hat. Auf dem illegalen Drogenmarkt haben zudem die Mafia und andere kartellartige Organisationen das Sagen und es gelten die Gesetze der Gewinnoptimierung. Ich bin überzeugt, in einem regulierten Markt würden deutlich weniger Menschen zu Schaden kommen. Und ganz wichtig: Der Staat würde Einnahmen generieren. Diese könnte er unter anderem für Unterstützungsmassnahmen für Konsumenten einsetzen, die Probleme mit den Substanzen entwickeln. Mit der Drogen-Regulierung könnten wir die Schäden, die der illegale Markt heute verursacht, massiv einschränken.

Andere Experten behaupten, nach einer Legalisierung würde die Verfügbarkeit von Kokain steigen und dementsprechend auch die Zahl der Süchtigen.

Viele Leute, die das Wort «Legalisierung» hören, denken, Kokain wäre danach am Kiosk zu kaufen, also quasi überall verfügbar. Das ist aber nicht die Idee einer Regulierung in diesem Bereich. Es geht viel mehr darum, sich zu überlegen – und das wäre bei jeder Substanz wieder anders – unter welchen Bedingungen sie der Staat zur Verfügung stellen will und kann.

Geht es etwas konkreter? Zu welchem Preis könnte Kokain gekauft werden?

Der Preis darf nicht zu hoch sein, um den Schwarzmarkt keine Chance zu geben, aber auch nicht zu tief, damit die Nachfrage nicht unnötig stimuliert wird. Die Frage der zulässigen Werbung, beziehungsweise eines Werbeverbots, die örtliche und zeitliche Verfügbarkeit , sprich die Anzahl, Lage und Öffnungszeiten der Verkaufsstellen, und die Altersgrenze sind weitere zu definierende Rahmenbedingungen. Kokain könnte zum Beispiel in lizenzierten Drugshops mit autorisiertem Personal angeboten werden ...

... so wie ich heute Medikamente in der Apotheke einkaufe und dort beraten werden?

Genau. Und natürlich gäbe es eine Altersbegrenzung. Das geschulte Personal könnte auch erkennen, wenn ein Mensch Probleme mit dem Konsum hat und ihn darauf ansprechen. Ein Drogendealer tut das nicht, der will möglichst viel von seinem Stoff verkaufen.

Könnte die Schweiz Kokain im Alleingang legalisieren oder bräuchte es dazu andere Länder in Europa, die den Schritt ebenfalls tun würden?

Fakt ist: Die Weltkommission für Drogenpolitik (GCDP), ihr gehört unter anderem die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss an, haben die Staaten dazu ermuntert, wo immer es geht, die Graubereiche der Gesetzgebung auszunutzen für Versuche im Bereich der Drogen-Regulierung. Ziel ist es, die Substanzen aus dem illegalen Markt herauszunehmen und in einem legalen Setting an die Konsumenten zu bringen. Ich bin überzeugt davon, die Zeit ist reif für solche Massnahmen. Dass an solchen Versuchen Interesse besteht, zeigt die aktuelle Marktöffnung beim Cannabis. Ein US-amerikanischer Bundesstaat nach dem anderen reguliert aktuell den Stoff. Es ist noch nicht abzusehen, welchen Dominoeffekt dies auslösen könnte, zumal auch der Druck der Produzentenländer immer grösser wird. Sie sagen immer lauter, wir können so nicht weitermachen, die Drogenkartelle machen unsere Länder kaputt.

Denken Sie, in den nächsten zehn Jahren könnte Kokain legalisiert werden?

Ich würde wünschen, dass so etwas in den nächsten Jahren möglich sein wird. Ich bin aber kein Hellseher. Gesellschaftliche Veränderungen brauchen ihre Zeit. Es wird keine Hauruck-Lösungen geben. Aber es geht nun darum, Schritt für Schritt Erkenntnisse zu sammeln und zu realisieren, dass man nicht so viel Angst vor diesen Substanzen haben muss. Die Menschen müssen erkennen, dass die Drogen-Legalisierung mehr Nutzen als Schaden bringen wird. Ich bin persönlich überzeugt davon, dass man das beweisen kann, wenn man in diese Experimente reingeht. Es wird nicht zu einer Katastrophe kommen.

Viele Schweizerinnen und Schweizer wissen wahrscheinlich nicht mehr: Noch 1922 war die Schweiz das einzige Industrieland der Welt, in dem Heroin und Kokain legal produziert und exportiert werden konnte.

Das stimmt, damals waren diese Substanzen noch im Umlauf bei uns.

Wie kam es, dass Kokain und die anderen psychoaktiven Substanzen einen derart schlechten Ruf verpasst bekommen haben?

Sie wurden ohne rationale Grundlage verteufelt und für die Verfolgung anderweitiger politischer Ziele missbraucht. Heroin, Cannabis und Kokain sind Paradebeispiele dafür. In den USA wurden Afroamerikaner und Chinesen von Behörden und Presse gezielt als Schwerverbrecher diskriminiert, weil sie angeblich übermässig Drogen konsumieren würden. Auch in der Schweiz wurden über diese Substanzen gewisse Bevölkerungsgruppen stigmatisiert.

Von 1986 bis 1992 herrschte Ausnahmezustand in Zürich. Täglich tummelten sich bis zu 3000 Fixer auf dem Platzspitz beim Hauptbahnhof. Es war die grösste offene Drogenszene der Welt.
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Wirklich wahr, dass Kokain als Katalysator für Homosexualität dargestellt wurde, um der Droge ein absolutes Horrorimage zu verpassen?

Ja, es wurden Verknüpfen gemacht, die wissenschaftlich gesehen absolut unhaltbar sind.

Manch eine Schweizerin oder ein Schweizer ist vielleicht gegen die Legalisierung von Drogen, weil sie oder er noch die Bilder vom Needle Park im Kopf haben: Von 1986 bis 1992 herrschte Ausnahmezustand in Zürich. Täglich tummelten sich bis zu 3000 Fixer auf dem Platzspitz beim Hauptbahnhof. Es war die grösste offene Drogenszene der Welt.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt, den Sie da ansprechen. Was wir anfangs der 1990er in Zürich erlebt haben, hat nichts mit der Wirkung der Drogen zu tun. Die Menschen wurden zu Junkies, weil sie die illegalen Umstände dazu gemacht haben. Die Leute gingen kaputt, weil sie der Illegalität überlassen wurden. Sie mussten das Heroin zu horrenden Preisen auf dem Schwarzmarkt einkaufen, fingen deswegen an zu delinquieren, kamen ins Gefängnis, verloren im Beschaffungsstress Wohnung und Arbeit, wurden stigmatisiert und schieden aus der Gesellschaft aus. Tausende infizierten sich mit HIV und Hepatitis, da keine sauberen Spritzen verfügbar waren. Die Behörden wurden gezwungen, neue Wege zu gehen, weil die Zustände unhaltbar wurden.

Damals wurde die Vier-Säulen-Politik entwickelt.

Diese Vier-Säulen-Politik, also das koordinierte Zusammenspiel von Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression gilt bis heute als wegweisend. In der Schweiz wurde damals zur Kenntnis genommen, der war on drugs has failed, der Krieg gegen Drogen ist gescheitert. Statt die Konsumenten zu stigmatisieren, müssen wir sie schützen und dafür sorgen, dass sie weniger verunreinigte Substanzen konsumieren und nicht mehr dem tödlichen Stress der Illegalität ausgesetzt werden. Seither gibt es hierzulande für Menschen mit einer Opioidabhängigkeit eine medizinische Regulierung des Heroin-Marktes.

Heroin und andere Opioide werden nicht in Läden verkauft, sondern über ärztliche Verschreibung zur Verfügung gestellt.

So ist es. Der Erfolg dieser Massnahme mit positiven Effekten für die Betroffenen und die Gesellschaft ist eindrücklich und unbestritten. Diesen äusserst erfolgreichen Ansatz der Regulierung haben wir bisher nicht auf andere psychoaktive Substanzen und nicht auf den Bereich des Freizeitkonsums, ausserhalb der medizinischen Verschreibung für suchterkrankte Personen übertragen. Leider. Denn wie eingangs betont: Die Mehrheit der Menschen konsumiert diese Substanzen unproblematisch, und der Schwarzmarkt setzt sie unnötigen Risiken aus. Das wird immer wieder ausgeblendet. Man fokussiert mit der selektiven Wahrnehmung lieber auf jene Menschen, die ein Problem mit Drogen haben.

Zur Person: Thilo Beck

Thilo Beck begann nach Abschluss seines Medizinstudiums 1993 seine Ausbildung zum Psychiater, unter anderem an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und dem Psychiatrischen Ambulatorium in Wetzikon. 1997 kam er zur Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen (Arud) nach Zürich. Es war dies die Zeit kurz nach der Auflösung der offenen Drogenszene am Letten. Mit der Vier-Säulen-Politik wurde die Situation aufgefangen, wobei die Arud eine zentrale Rolle eingenommen hat. Mittlerweile ist sie eines der grössten Zentren in der Schweiz für die Behandlung aller Substanzstörungen und nicht substanzgebundener Süchte. Seit 2007 ist Beck bei der Arud Chefarzt für Psychiatrie.

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