Tomo Muscionico: «Die Welt ist auch ein grausamer Ort»

Anna Maier

1.7.2019 - 00:00

Anna Maier trifft Fotograf Tomo Muscionico.
Bild: Simon Otto

Für den ehemaligen Schweizer Kriegsfotografen Tomo Muscionico hat das Wort «Shooting» eine schreckliche Doppeldeutigkeit. Seine – zum Teil traumatischen – Erlebnisse möchte er in einen Sinn verwandeln.

Tomo Muscionico aus Buchs, St. Galler Rheintal, war in manchem Epizentrum. Beim Fall der Berliner Mauer, im Bosnienkrieg, als Zeuge des Völkermordes in Kigali, der Revolution in der Tschechoslowakei, bei den Gefechten in Grosny und den Massakern in Haiti.

Er fotografierte aber auch die Staatsoberhäupter, die die meisten von uns nur aus den Geschichtsbüchern und Medien kennen: Mandela, Havel. Und einige amerikanische Präsidenten der jüngeren Zeit: Bush, Clinton, Trump.

Tomo Muscionico, Bindeglied der krassen Gegensätze, der sich hier Leichenteile von seiner Schutzweste wischt und dort in der Limousine mit Trump sitzend wiederfindet.

Steiniger Weg zurück in Alltag

Heute lebt Muscionico mit seiner Frau in Los Angeles, fotografiert nicht mehr an der Front, sondern für alle, die seinen teilweise zynischen Blick auf die Welt suchen. Denn auch wenn er heute zuweilen für Hochglanzmagazine im Einsatz steht: Belanglosigkeit findet man nicht in seinen Bildern.

Der 50-jährige Schweizer, der sich zeitlebens ein wenig hinter seiner Kamera versteckte, aber durch den Sucher Zeuge wurde von Dingen, die ein Mensch kaum aushalten kann, zeigt sich im Interview erbarmungslos. Präsentiert uns eine Realität, die eben auch existiert auf dieser Welt. Und den steinigen Weg zurück in einen «Alltag».

Erst im Februar hatte ich mit Schönheitschirurg Enrique Steiger einen Mann im Gespräch, der seit vielen Jahren in den Kriegs- und Krisengebieten unterwegs ist und dort unentgeltlich verletzte und verstümmelte Menschen zusammenflickt.

Beide Männer, Steiger wie auch Muscionico, haben eine differenzierte Sicht auf das Erlebte. Sie mögen es nicht, wenn sie als Helden dargestellt werden. Zu lange, so Muscionico, hätte er hinter die Kulissen gesehen, wie mit den Hilfswerken der Medientross von Krise zu Krise ziehe und die Reporter nicht nur den Gräuel dokumentierten, sondern die Berichterstattung zuweilen zu einem veritablen Business verkommen sei.

«Ich fing ursprünglich mit der Fotografie an, weil ich die Welt abbilden wollte wie sie ist. Und ich dachte damals in meinem jugendlichen Übermut auch, dass ich damit die Welt verbessern könnte. Doch dann merkst du irgendwann, dass alles zu einem Geschäft wird. Deshalb habe ich aufgehört als Kriegsreporter, weil ich meine Arbeit als heuchlerisch zu empfinden begann.»

Anti-Kriegsfotograf

Auch mit ein Grund, warum er heute das Wort «Kriegsreporter» nicht mehr hören mag: «Wir waren da, um Konflikte zu entblössen. Wir waren Anti-Kriegsfotografen, nicht Kriegsfotografen. Das ist einfach diese romantisierte Bezeichnung, die wir an Dinner-Partys anmerken können, um gut dazustehen. Die Realität war aber ganz anders.»

Kann man – mit all diesen zum Teil verstörenden Bildern im Kopf – wieder zurück in ein «normales Leben» finden?

Muscionico antwortet nicht gleich auf diese Frage, überlegt, man merkt, da rumort es innerlich. Das Verarbeiten, meint er, passiere viel später. Man entwickle einen Mechanismus, dass man das Verarbeiten hinauszögern könne, um sich nicht sofort mit dieser teils furchtbaren Realität auseinandersetzen zu müssen.

Der Schweizer Fotograf Tomo Muscionico in seiner Wahlheimat Los Angeles.
Bild: Joseph Lee

Und trotzdem gelang ihm dies nicht konsequent. «Ich war in Gebieten, wo die Leute fragten: «Warum fotografierst du mich? Du bist vom ‹Time Magazine›? Ich kenne das nicht. Ich werde morgen sterben, und du wirst gut dastehen. Du wirst einen World Press Award gewinnen, aber nichts an meiner Situation ändern.»

Zeuge von Hass und Härte

Und dann beantwortet er meine Frage: «Wer Traumatisches erlebt hat, der kann nicht einfach zurück in sein altes Leben. Es holt dich immer wieder ein. Aber anstatt in die Weltgeschichte reinzuhüpfen, fokussiere ich mich heute darauf, was mein Umfeld und mich bewegt.»

So widmet er sich einer Fotoserie über die Obdachlosen in Downtown Los Angeles und seinem nächsten Ziel, eine Familie zu gründen. «Nachdem ich während vieler Jahre Zeuge wurde von Hass und Härte, realisiere ich heute, dass alles Erlebte für mich vergeblich gewesen wäre, wenn ich nicht mithelfen könnte, ein kleines Stück bessere Welt zu hinterlassen. Vielleicht wird mir diese Chance gegeben, indem ich einem Kind Sicherheit, Stabilität und Liebe mitgeben kann.»

Wer Muscionico zuhört, wie er reflektiert und sinniert, der glaubt gern, dass das Erlebte ihn zwar stark geformt, aber nicht zerstört hat. Auch wenn er durch den Sucher seiner Kamera viel zu viel gesehen hat von dieser Welt.


Das ausführliche Interview mit Tomo Muscionico lesen Sie hier: KeinHochglanzmagazin.

Smiley face

Anna Maier ist seit über 20 Jahren als Journalistin tätig und in der Schweiz vor allem durch ihre Tätigkeiten bei Radio und Fernsehen bekannt. Seit Anfang 2018 betreibt sie ihr eigenes Online-Magazin www.keinhochglanzmagazin.com mit Fokus auf Menschen mit aussergewöhnlichen Lebensgeschichten.

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