Verena Steiger – die Frau mit den vielen Gesichtern

Barbara Schmutz

6.2.2020 - 14:12

Mit sicherer Hand: Verena Steiger bemalt eine von ungezählten Wachsmasken, die sie Jahr für Jahr für die Fasnacht macht.
Bild: Alexandra Wey

Verena Steiger ist Drückerin, so heisst der Beruf der Maskenmacherin. In ihrem Atelier in Steinen SZ hütet sie die älteste Maskensammlung der Schweiz, ein Kulturgut von nationaler Bedeutung.

Drehen sich die Masken, die im Fenster des Jugendstilhauses hängen, zur Besucherin hin? Eine nach der anderen? Es dünkt sie, dass die weissen Gesichter beobachten, wie sie über den gekiesten Vorplatz geht, die Treppe hinaufsteigt und unter dem Vordach, getragen von zwei verschnörkelten, schlanken Säulen auf die Klingel drückt.

Bevor sich die Türe öffnet, schaut sie nochmal zu den Masken hin. Sie sind der Strasse zugewandt, den Fussgängern, die das Haus passieren, den paar wenigen Autos, die vorbeifahren. Gleichmütig, regungslos. Und doch signalisieren sie denen draussen, dass drinnen eine Welt ist, wie es sie in anderen Stuben kein zweites Mal zu sehen gibt.

Ist eben mit Gips gegossen worden: Eine Maskenform.
Bild: Alexandra Wey

Das Jugendstilhaus in Steinen SZ ist das Domizil von Verena Steigers Maskenatelier. Seit 1992 hält sie die letzte Maskenmanufaktur der Schweiz im Einfraubetrieb am Laufen und ist in ganz Europa die einzige, die professionell und in Handarbeit Wachsmasken herstellt. Federleichte zweite Gesichter, die sich genährt von der Körperwärme ihren Trägern anpassen und so lebendig wirken, als führten sie ein eigenes Leben.

Endlich Ordnung

Drückerin heisst Steigers Metier, weil beim Maskenmachen Stoff auf eine Gipsform gedrückt wird. Dass ihr Beruf einen Namen hat, weiss sie erst seit 2017, seit ihre Tochter Susan Steiger im Rahmen ihrer Abschlussarbeit für den Master Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste recherchierte, woher die Textil- und Wachsmasken stammen, die im Atelier der Mutter lagern.

Im Openair-Atelier: Verena Steiger hat bei zwei Negativformen die beiden Hälften mit Spanngurten zusammengezurrt.
Bild: Alexandra Wey

Die Besucherin in Steigers Atelier weiss nicht, worauf sie ihren Blick als Erstes ruhen lassen soll. Auf dem Boden, der sich im Entrée ausbreitet, belegt in einem Rautenmuster mit schwarzen und beigefarbenen Plättli? Oder soll sie ihn den ellenlangen Gestellen entlang wandern lassen, die die eine Wand auf der ganzen Länge säumen und auf deren Tablaren ungezählte Maskenformen liegen? Heitere Gesichter und grimmige, solche mit Stupsnasen und riesigen Zinken, Glubschäugige und Verlebte, Hinterhältige und Unschuldige, Diktatoren und Präsidenten.



Die Hausherrin greift sich eine dicke Strickjacke, schlüpft rein, es ist kühl im Atelier. Sie geht von Zimmer zu Zimmer, über Linoleumböden und knarrende Holzriemen, die weiss gestrichenen Holzkassettendecken hängen tief. Die alten Tische, die an den Fenstern stehen, sind mit Farbtupfern gesprenkelt, in einem Raum steht ein Gusseisenmonster von Maschine, hundert Jahre alt, mit ihr stanzt Verena Steiger Löcher für Augen und Mund in die Masken.

«Das ist meine Sammlung»

Sie eilt voraus, Richtung Keller, öffnet erst eine Türe, dann eine zweite und zeigt auf Regalreihen: «Das ist meine Sammlung», sagt sie. «Endlich geordnet.»

Jahrelang hat sie aufgeräumt, um die über 430 Negativ-Maskenformen der Nummerierung nach zu stapeln. Und als die Ordnung vollendet war, fühlte sie sich erdrückt «von der Aufgabe, die älteste Maskensammlung der Schweiz zu hüten». Seit sie weiss, dass das Atelier wahrscheinlich von der Familie übernommen, die Bewahrung des Kulturguts von nationaler Bedeutung weitergeführt wird, ist ihr wieder leicht ums Herz.

Sie nimmt eine Form aus einem der Regale. Es sind zwei Blöcke, ungefähr so gross wie Backsteine, das Negativ für die Gipsform. Sie legt sie nebeneinander. Ein Gesicht ist zu sehen, die Nase nach unten liegt es auf dem Tisch. Steiger nimmt eine Spanngurte, zurrt die beiden Hälften der Negativform zusammen und fettet sie ein.

Bemalt und mit Wimpern versehen: Wachsmasken.
Bild: Alexandra Wey

Nun rührt sie den Gips an, giesst ihn in die Negativform, nicht bis ganz oben, drückt einen abgerundeten Holzblock in die flüssige Masse, damit das Positiv auf der Rückseite hohl ist, lässt den Gips eine Weile härten und klopft dann mit einem Hammer vorsichtig auf die Negativform, bis sich das noch nicht vollständig trockene Positiv daraus löst. Sie bessert schadhafte Stellen aus, zuletzt poliert sie den feinen Grat weg, der mitten über das Gesicht läuft – die Naht zwischen den beiden Negativform-Hälften hat ihn verursacht.

Fragil und stabil, transparent und blickdicht

In Steigers Atelier ist das ganze Jahr über Betrieb. Sie macht Masken für Theater, Opern und für Pantomimen, grosse eiförmige Gesichter mit knubbligen Nasen und runden Augenöffnungen. Sie macht Commedia dell’Arte-Masken, die Formen dafür bekam sie vom Schauspieler Fredi Roth geschenkt, der sie selber angefertigt hatte.

Sie macht Masken aus Drahtgitter – eine Studentin der Accademio Teatro Dimitri ist für ein Projekt daran interessiert. Mit einem Pinsel tupft sie Nasenlöcher auf das feine Drahtgeflecht, malt Mund, Augen und Augenbrauen. Wer sie aufsetzt, wird einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Zwar ist nicht zu erkennen, wer hinter dem Gitter steckt, die Gesichtszüge aber schimmern durch, die Maskierte trägt zwei Gesichter in einem spazieren.



Am liebsten arbeitet Steiger mit Wachs. «Wachs fasziniert mich«, sagt sie. «Er ist gleichzeitig fragil und stabil, transparent und blickdicht.» Vor Jahren machte sie eine Ausstellung mit Wachsköpfen. Kopf für Kopf zog sie aus dem warmen, weichen Material «es war wie eine Geburt. Oder die Masken hier», sie zeigt auf die Gesichter im Fenster, «die habe ich innen bemalt, die Farbe schimmert nach aussen durch.» Sie möchte in Zukunft wieder vermehrt künstlerisch tätig sein. Will Masken drücken, die dünner sind als die jetzigen, transparenter.

«Das wär doch was für dich»

Seit September läuft das Atelier auf Hochtouren. Jahr für Jahr fabriziert Verena Steiger Hunderte von Wachsmasken für die Steiner und Schwyzer Fasnacht. In Kartonschachteln lagern, Gesicht auf Gesicht, das Domino, Päijassebueb und Päijassemeitli, das Hudi, der Alt Herr, der Blätz. Jede einzelne ist ein Unikat, jede hat Steiger von Hand gemacht.

Sie sind bereit für die Fasnacht: Die Wachsmasken für die Figur des Blätz.
Bild: Alexandra Wey

Sie hat Gipsformen gefettet und feuchte Gaze- und Baumwollstreifen darauf aufgetragen, Schicht für Schicht mit Leim verbunden. Sie hat die Maske 24 Stunden lang trocknen lassen, hat sie von der Gipsform gelöst, Augen und Mund ausgestanzt, Lippen, Wimpern, Augenbrauen gemalt und das Gesicht mit Wachs behandelt. Einige der Formen, die sie fürs Maskenmachen brauchte, sind über hundert Jahre alt.

Und ihr Atelier? Wie weit reicht seine Geschichte zurück? Bis die Tochter sich für die Vergangenheit zu interessieren begann, wusste das Verena Steiger nicht, ihr fehlte die Zeit für Nachforschungen. Sie hatte ursprünglich Floristin gelernt, machte dann eine Theaterausbildung, perfektionierte in verschiedenen Lehrgängen Malen und Zeichen und bildete sich in dreidimensionaler Gestaltung weiter.



Dann lernte sie ihren Mann kennen, er war in der Maskenfabrik Müller in Gersau für den Einkauf von Fasnachtsartikeln zuständig. «Komm doch zu uns arbeiten, das wär etwas für dich», sagte Thomas Steiger seiner zukünftigen Frau. Sie folgte seinem Rat. 1982 kaufte das mittlerweile verheiratete Paar der Schappespinnerei Camenzind, den Besitzern der Maskenfabrik, die Firma ab, zügelten sie 1989 nach Steinen und nannten sie fortan Atelier. Die Namensänderung bezeichnete besser, was das Maskenmachen ist: ein Kunsthandwerk.

Letzte Handgriffe: Der «Blätz», die Symbol- und Hauptfigur der Schwyzer Fasnacht bekommt seine Maske gerichtet.
Bild: Alexandra Wey

«Im Moment kann die Geschichte der Vorgänger des Maskenateliers Steiger bis ins Jahr 1896 zurückverfolgt werden», schreibt Susan Steiger in einem der drei Bände der Masken-Trilogie, die der Zuger Grafiker Heiri Scherer zum Maskenatelier Steiger herausgegeben hat. Ihre Recherchen führten Steiger nach Einsiedeln, wo im ausgehenden 19. Jahrhundert der Fabrikant Dominik Kälin Masken machte, das Handwerk dafür hatte er in Paris erlernt.

Seine Pariser Larven waren fein gearbeitet und leicht, so leicht, wie die Masken, die Verena Steiger macht. 1908, ein Jahr vor seinem Tod, verkaufte Kälin die Fabrik seiner Hausangestellten und Mitarbeiterin Berta Kromer. 1925 zügelte diese mit ihrem Mann die Maskenfabrik nach Speicher AR. Zwei Jahre später übernahm sie Friedrich Müller, und als er 1951 starb, führte seine Frau die Fabrik noch 23 Jahre lang weiter, bis sie sie 1974 an die Schappespinnerei Camenzind in Gersau verkaufte. Acht Jahre später, 1982, übernahm das Ehepaar Steiger die Fabrik, seit 1992 ist das Maskenatelier im Besitz von Verena Steiger.

Auf dem Schwyzer Hauptplatz: Kinder betteln beim «Blätz» um Orangen.
Bild: Alexandra Wey

Sie nimmt einen Päijassebueb von einem der Maskenstapel und streicht ihm über das Gesicht. Bald wird die Maske in einer Rott durch den Flecken Schwyz tänzeln. Einer der Narren aus dem Ensemble wird den Päijassebueb mit seinem Gesicht wärmen, bis er ihm zur zweiten Haut wird. Am Güdisdienstag dann streift er sie wieder ab. Er geht, in den Ohren den Trommelwirbel der Tambouren, zum Feuer, das auf dem Schwyzer Hauptplatz lodert, die Flammen zehn Meter hoch. Er geht näher hin, noch näher, ganz nah. Er zieht die Maske ab, wirft sie ins Feuer, der Wachs schmilzt.

Nächstes Jahr wird Verena Steiger neue Masken machen. Päijassebuebe und Päijassameitli, das Domino, das Hudi, den Alt Herr, den Blätz.

Mehr Infos zur Schwyzer Fasnacht gibt es hier.

Zum Weiterlesen: «Masken», eine Trilogie über Verena Steigers Formensammlung, ihre Werkstatt und ihr Atelier, über die Fasnacht und den Brauch des Maskenverbrennens, Heiri Scherer (Herausgeber), NZZ Libro, 65 Fr.

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