Vom Kampf der Schweizer Bergbauern gegen das Unkraut

Isabel Plana

1.10.2019

Die gelben Blüten des Hahnenfusses auf der Alp Hinterfeld im Urner Meiental sehen zwar schön aus, das Unkraut wird aber immer mehr zum Problem für die Bergbauern.
Bild: Schweizer Berghilfe

Was für Hobbygärtner ein Makel im Garten ist, ist für Bergbauern häufig ein grosses Problem: Unkraut. Im Urner Meiental und im Glarner Braunwald werden Methoden getestet, die das Übel an der Wurzel packen.

Ein leuchtend gelber Blütenteppich überzieht die Wiesen auf der Alp Hinterfeld im Urner Meiental. Wanderer erfreuen sich an seinem Anblick, der Alpgenossenschaft ist er hingegen ein Dorn im Auge. Denn der Hahnenfuss, Verursacher der gelben Pracht, ist giftig.

Die Kühe fressen ihn nicht gern, und so kann er sich ungestört ausbreiten – auf Kosten der anderen Pflanzen. «Je mehr Gräser, Klee und Kräuter der Hahnenfuss verdrängt, umso schlechter wird der Futterwert der Weide. Und das kann auf Dauer die Qualität der Alpmilch und des Käses beeinträchtigen», weiss Helen Willems vom Beratungsbüro Alpe.

Die Meientaler Alpgenossenschaft hat sich an die Agrarbiologin gewandt, um die Situation auf der Alp Hinterfeld zu untersuchen. «Der Hahnenfuss ist für uns zu einem grossen Problem geworden», sagt Adrian Arnold von der Alpgenossenschaft. «Wir hoffen, zusammen mit dem Büro Alpe eine Lösung zu finden, wie wir dieses Unkraut zurückdrängen können. Von den Erkenntnissen könnten auch andere Alpen profitieren, denn der Hahnenfuss ist vielerorts eine Plage.»

Willkommener Dünger für das Unkraut

Die Ursachen für die Hahnenfuss-Invasion sind bereits jetzt klar. Zum einen profitiert das Unkraut von der veränderten Bewirtschaftung. «Früher hat man die Weiden intensiver gepflegt, unerwünschte Pflanzen frühzeitig und regelmässig von Hand entfernt. Heute liegt dieser Mehraufwand häufig einfach nicht mehr drin», weiss Arnold.

Agrarbiologin Helen Willems führt auf der Alp Hinterfeld Feldversuche zur Bekämpfung des Hahnenfusses durch.
Bild: Isabel Plana/Schweizer Berghilfe

Zum anderen fällt beim Melken der Kühe im Stall Gülle an, die auf der Alp Hinterfeld, wie auf vielen anderen Alpen auch, auf die Weiden ausgebracht wird. Das kann vor allem dann zu einem Problem werden, wenn die Gülle nicht gut verteilt wird und sich auf wenigen Flächen konzentriert. «Das bekommt der artenreichen Alpweide nicht, sie ist natürlicherweise eher mager und an nährstoffarme Bedingungen angepasst», so Willems.

Für den Hahnenfuss und anderes Unkraut ist die Gülle hingegen ein willkommener Dünger. Abhilfe würde ein Misthaufen schaffen. «Im Gegensatz zur Gülle, die sofort im Boden versickert, geht es beim Mist länger, bis er sich zersetzt und die Nährstoffe für die Pflanzen verfügbar werden», erklärt die Agrarbiologin.

Ob Unkraut oder nicht: Den Heuschrecken ist auch der Hahnenfuss ein willkommener Sitzplatz.
Bild: Isabel Plana/Schweizer Berghilfe

Als erste Massnahme hat die Alpgenossenschaft bereits ein neues Güllenfass angeschafft, mit dem die Gülle über die gesamte Alp, auch an den steileren Stellen, verteilt werden kann. Die bereits stark vom Hahnenfuss belasteten Fläche können so entlastet werden.

Verschiedene Methoden im Test

Über den Zeitraum von fünf Sommern führen Willems und ihr Team im Auftrag der Alpgenossenschaft und mitfinanziert durch die Schweizer Berghilfe die Studie auf der Alp Hinterfeld durch. «2016 haben wir erst einmal den Ist-Zustand aufgenommen. Danach folgten drei Sommer mit Feldversuchen, in denen wir verschiedene Behandlungsmethoden angewendet haben», beschreibt Willems das Vorgehen.

Eine der getesteten Massnahme gegen den Hahnenfuss ist das Kalken der Wiesen. Kalk erhöht den pH-Wert des Bodens. Das passt dem Hahnenfuss nicht, der im Gegensatz zu den Kräutern und Gräsern ein saures Milieu mag. Um diese und weitere Methoden zur Hahnenfussbekämpfung zu prüfen, haben die Wissenschaftler an vier unterschiedlichen Orten auf der Alp Felder abgesteckt.

Für jede Test-Parzelle wird der Anteil an Hahnenfuss abgeschätzt und notiert.
Bild: Isabel Plana/Schweizer Berghilfe

Jedes dieser Felder besteht aus sechs Parzellen, auf denen der Hahnenfuss auf unterschiedliche Weise behandelt wird. Auf einer kommt auch ein Herbizid zum Einsatz, dies aber nur zu Vergleichszwecken.

«Herbizide sollten auf Alpen so gut wie möglich vermieden werden. Schliesslich ist das Alpgebiet ein wertvolles Grundwasserreservoir, welches nicht unnötig belastet werden sollte. Uns geht es vor allem darum, zeigen zu können, ob und wie gut die ökologischen Alternativen wirken», erklärt Willems.

Zum Höhepunkt der Hahnenfuss-Blüte wird das Gebiet jeweils mit einer Drohne überflogen und fotografiert. Die Grösse der gelben Fläche gibt Aufschluss über die Ausdehnung des Hahnenfusses. Weil aber auch andere Alpenpflanzen gelb blühen, muss Helen Willems die Versuchsfelder vom Boden aus genauer unter die Lupe nehmen und die Daten aus den Luftaufnahmen entsprechend korrigieren.

Knapp 50 Kilometer weiter nordöstlich von der Alp Hinterfeld, in Braunwald, hat Familie Schuler mit einem anderen Unkraut zu kämpfen.
Bild: Isabel Plana/Schweizer Berghilfe

«Nächstes Jahr werden wir den Hahnenfuss dann nicht mehr behandeln und eine abschliessende Vegetationsaufnahme machen», erklärt Willems. Der Vergleich mit den Daten von 2016 wird zeigen, welche Bekämpfungsmassnahmen am besten gegen den Hahnenfuss gewirkt haben. «Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich noch keine Prognose machen. Da müssen wir jetzt einfach noch ein bisschen Geduld haben.»

Mit heissem Wasser gegen Wiesenblacken

Nicht mehr länger zuwarten wollten Balz und Esther Schuler. Den Bio-Bauern aus Braunwald macht nicht der Hahnenfuss, sondern die Wiesenblacke das Leben schwer. Die Weiden, auf denen ihre Mutterkühe grasen, sind übersät mit den bis zu zwei Meter tief wurzelnden Ampfergewächsen.

Seit letztem Sommer geht die Unkrautbekämpfung bei der Familie Schuler etwas leichter: Dank einer Maschine, mit der kochend heisses Wasser in die Wurzelballen der Blacken gespritzt wird.
Bild: Schweiz Tourismus

Wie der Hahnenfuss bleiben auch die Blacken von den gefrässigen Kühen verschont und verdrängen so mehr und mehr die nahrhaften Gräser. «Auf der Suche nach einer ökologischen Bekämpfungsmethode bin ich auf eine Maschine gestossen, die mit hohem Druck kochendheisses Wasser in die Wurzelballen der Blacken spritzt», erzählt Balz Schuler und demonstriert den Vorgang.

Wie bei einem Hochdruckreiniger kommt das Wasser aus der Düse geschossen und dringt in den Boden ein. Es zischt und dampft, und der Erhitzer, der das Wasser beim Durchlauf auf Siedetemperatur bringt, macht ordentlich Lärm. Nach einigen Sekunden ist der Spuk vorbei und Balz geht ein paar Schritte weiter zum nächsten Wiesenblacken-Nest.

Die Wurzeln lassen sich nach dem Bespritzen mit heissem Wasser einfach aus dem Boden lösen.
Bild: Schweiz Tourismus

«Das kochende Wasser tötet die Wurzeln der Blacken ab, sodass man sie danach einfacher aus dem Boden ziehen kann», erklärt Balz. Beim anschliessenden Jäten helfen seine drei kleinen Söhne tatkräftig mit. «Schau mal, diese Wurzel ist fast so gross wie ich», meint der 10-jährige Corsin.

Auch wenn die Beseitigung der Wiesenblacken dank der Maschine einfacher und schneller geht, sieht der Bio-Bauer auch Nachteile. «Zum einen werden andere Pflanzenwurzeln und Bodenlebewesen durch diese Prozedur in Mitleidenschaft gezogen. Aber zumindest ist der Kollateralschaden lokal begrenzt und nicht flächendeckend wie bei einem Chemie-Einsatz.»

Auch Corsin, Balz’ ältester Sohn, packt tatkräftig mit an – und staunt nicht schlecht, wie lang die Wurzen der oberflächlich ziemlich unscheinbaren Blacken sind.
Bild: Isabel Plana/Schweizer Berghilfe

Zum anderen ist die Maschine ziemlich teuer. Schulers haben für die Anschaffung einen Zustupf der Berghilfe bekommen. «Wir stellen die Maschine auch den anderen Bauern in Braunwald zur Mitbenutzung zur Verfügung. Sie lässt sich nicht nur für die Unkrautbekämpfung einsetzen, sondern zum Beispiel auch zum Hochdruckreinigen des Stallbodens.»

Dass Hahnenfuss und Wiesenblacken sich komplett vom Acker machen – die Illusion haben weder die Urner Älpler noch Familie Schuler. Denn wie der Volksmund schon sagt: Unkraut vergeht nicht. Aber wenn es nur schon weniger davon hat, ist den Bergbauern geholfen.

Diese Reportage erschien zuerst in der «Berghilf-Ziitig».

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