Darum sollten wir öfter über Schweizer Alpenpässe reisen

Von Caroline Fink

1.3.2021

 Vom Julierpass aus führt die Strasse – aus dem Engadin kommend – hinab nach Bivio.
Vom Julierpass aus führt die Strasse – aus dem Engadin kommend – hinab nach Bivio.
Bild: Caroline Fink

Alpenpässe lassen uns am Strassenrand ins Gebirge eintauchen. Sie verbinden uns mit Ahnen, eröffnen neue Welten. Nicht nur geografisch, auch im symbolischen Sinne – wie die Kolumnistin bei minus 5 Grad und Sturm am Simplon jüngst erfuhr.

Vergangenen Montag verbrachte ich auf dem Simplon. Jenem Pass, der sich zwischen Brig und Domodossola erhebt. Ich hatte den Auftrag gefasst, diesen für das französische Magazin «L'Alpe» zu fotografieren.

Was anstrengender war als erwartet: Der Südwind peitschte – bei minus 5 Grad vor Sonnenaufgang – über die weissen Weiten der Passhöhe. Und den Kaffee des Hotels Monte Leone trinkt man aktuell draussen im Schneetreiben.

Dennoch merkte ich einmal mehr, dass ich Pässe mag. Weil sie wild sind und meist karg. Orte, an denen die Wucht der Bergwelt auf die Sicherheitszone der Zivilisation trifft. Orte, an denen ich aus meinem Fiat Panda steige und im Gebirge stehe.

Als würden sie uns mit unseren Ahnen verbinden

Zur Autorin: Caroline Fink
Bild: Gaudenz Danuser

Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

Zudem mag ich Pässe, weil sie die Geschichte der Alpen in sich tragen. Gerade so, als würden sie uns mit unseren fernen Ahnen verbinden.

Auch Ötzi war vor über 5000 Jahren in der Nähe des Tisenjochs unterwegs. Noch 1000 Jahre früher verlor Schnidi am Schnidejoch im Berner Oberland Pfeilbogen und Schuhe. Und fast schwindlig vor Geschichte wurde mir am Grossen St. Bernhard, als wir über den Plan de Jupiter wanderten, eine Ebene auf der italienischen Seite des Passes.

Bis heute erinnert das Hochplateau an den Tempel des Jupiters, den die Römer hier gebaut hatten. Wobei der Göttervater an dieser Stelle Iuppiter Poeninus hiess: Man hatte Jupiter kurzerhand mit seinem Vorgänger, dem keltischen Gott Penn, fusioniert.

Und heute? Steht auf der Ebene eine Statue des Heiligen Bernhard. Denn dieser hat laut Legende ganz in der Nähe den Drachen aka das Böse aka den heidnischen Götzen besiegt und im Jahr 1050 auf der Passhöhe ein Hospiz gegründet.

Auf dem Simplonpass – zwischen Brig und dem italienischen Domodossola – bieten Hospiz und Hotels ein Bett oder Verpflegung; im Bild das Hotel Monte Leone.
Auf dem Simplonpass – zwischen Brig und dem italienischen Domodossola – bieten Hospiz und Hotels ein Bett oder Verpflegung; im Bild das Hotel Monte Leone.
Bild: Caroline Fink

Seit bald tausend Jahren wird dieses Schutzhaus von Augustiner-Chorherren geführt, nicht zuletzt bekannt für ihre Zucht der Bernhardinerhunde.

Womit wir wieder beim Simplon sind: Auf dessen Passhöhe ordnete Napoleon vor 200 Jahren den Bau eines weiteren Hospizes an, liess dieses indes halb fertig stehen. Bis die Chorherren des Grossen St. Bernhard den mächtigen Bau vollendeten und fortan als Dépendance betrieben.

Symbole der Veränderung

Heute leben noch vier Chorherren auf dem Simplon. Einen von ihnen treffe ich am stürmischen Montag im Hospiz. Prior François – oder Père François, wie ihn viele nennen – serviert mir heissen Tee und berichtet von seiner Arbeit als Prior und Gastgeber.

Dabei erzählt mir der Mann mit dem weichen Blick und der ruhigen Stimme, was er selbst an Pässen mag: dass sie Übergänge sind – und damit Symbole der Veränderung. Was zum Hospiz passe: Wer hier einkehre, gehe vielleicht von der Trauer in die Heiterkeit, von der Verzweiflung ins Vertrauen, von der Wut in die Gelassenheit. Oder ganz einfach: von Norden nach Süden.

 Unverkennbar: Drei Bernhardinerhunde aus der Hundezucht auf dem Grossen St. Bernhard posieren während ihrem Morgenspaziergang.
Unverkennbar: Drei Bernhardinerhunde aus der Hundezucht auf dem Grossen St. Bernhard posieren während ihres Morgenspaziergangs.
Bild: Caroline Fink

Ein schöner Gedanke, denke ich mir, als ich wieder hinaus in den Wind trete. Bloss ins südliche Domodossola führt mich die Strasse an diesem Tag nicht. Aktuell braucht es einen Corona-Test, um den Grenzposten in Gondo zu passieren, und einen solchen habe ich nicht gemacht.

So steige ich in meinen Fiat Panda und fahre zurück Richtung Brig. Im Vertrauen, dass die Pässe bald wieder mehr als nur symbolische Übergänge sein werden.

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