«Was würde ich Freundinnen anbieten, ohne mich zu schämen?»

Sulamith Ehrensperger

13.8.2020 - 06:50

Kleider weitergeben ist eine gute Sache. Bloss: Aussortierte Fashion geht meist an kommerzielle Altkleidersammler. Wie kommt sie in die Hände von karitativen Spendern? Ein Augenschein bei Caritas Secondhand in Zürich.

Das T-Shirt, das zu klein ist, oder auch die Hose, die einem nicht mehr gefällt: Viele fanden durch die Coronapandemie endlich Zeit, ihren Kleiderschrank auszumisten.

Auch ich hatte den nötigen Elan, Kinderkleider auszusortieren. Das von der Tante gestrickte Jäggli oder der Strampler einer nachhaltigen Marke, der mal ein Weihnachtsgeschenk war – was tun mit aussortierten Kleidern, die einen doch emotional noch berühren?

Kleidersäcke sind wie Wundertüten

Françoise Tsoungui öffnet den Container vor dem Caritas-Secondhand-Laden im Viadukt in Zürich. Sie findet allerlei Säcke: Einkaufstaschen, Papiertaschen, Abfallsäcke – randvoll mit aussortierter Kleidung. «Die Säcke sind manchmal wahre Wundertüten. Wir nehmen alles, was zum Anziehen ist, alles, was an den Körper kommt», sagt Tsoungui. Sie leitet seit 2017 die sechs Secondhand-Läden von Caritas Zürich.

«Dinge wie dieses Sitzkissen können wir aber nicht brauchen.» Immer wieder findet sie Gegenstände, die nicht in den Kleidersack gehören. Am Morgen hat Tsoungui schon einen Kinderwagen vor der Ladentür entdeckt. «Manchmal wissen wir nicht, ob der Besitzer noch irgendwo ist. Ich warte dann ab, solange bis ich sicher bin, dass es für uns gedacht ist.»

Rund 15 Tonnen mehr Altkleider als sonst

Während das Ausmisten für viele Kleiderschränke und Haushalte vermutlich eine Erleichterung war, bedeutet es für die Textilverwerter grosse Herausforderungen. Rund 15 Tonnen mehr Altkleider als sonst sind im Mai und Juni in den Textilsammelsäcken des Caritas-Secondhand-Ladens in Zürich gelandet.



Als Einzige in der Schweiz sortiert die Caritas die direkt gespendeten Kleider und bringt sie in den Verkauf für einen sozialen Zweck. Alleine im Kanton Zürich jeweils 150 Tonnen Altkleider pro Jahr. Deshalb habe auch ich mich entschieden, meine Kleider dort zu spenden.

Kinderkleidung gibt es ab einem Franken 

Immer gesucht sind gut erhaltene Textilien, die man noch tragen könne, sagt Tsoungui. «Als Faustregel gilt: Was würde ich Freundinnen oder Freunden noch anbieten wollen, ohne mich zu schämen?» Stück für Stück schaut sie, ob die Kleidung sauber und fleckenfrei ist, ohne Löcher und nicht nach Keller oder Schweiss müffelt.

«Für ein solches Jäggli würden wir vier Franken verlangen», meint Tsoungui, als sie die Kinderkleider meiner Tochter begutachtet. «Bei Kinderkleidern haben wir günstige Preise. Wir bewegen uns von einem bis 15 Franken.» Auch grosse «bequeme» Grössen sind bei ihrer Kundschaft sehr gefragt – von der Grösse L an aufwärts.

Fast Fashion befeuert schlechte Ware

Im Laden im Viadukt finden sich Teile von bekannten Fast-Fashion-Modeketten bis hin zu Designer-Kleidung. «In jüngster Zeit haben wir allerdings eine Zunahme von Kleidern schlechter Qualität festgestellt», so Tsoungui. «Sogenannte Fast Fashion befeuert schlechte Ware.»

Dabei sei gerade Vintage-Kleidung bei den Jungen sehr gefragt. Glücklicherweise gibt es genug Personen, die auch diese Nostalgie-Bekleidung in guter Qualität spenden.

Die Secondhand-Läden sind nicht nur für Armutsbetroffene geöffnet, auch Familien aus dem Mittelstand, Studierende und Secondhand-Fans zählt Tsoungui zu ihrer Kundschaft. «Vielen Spendern ist wichtig, dass es bei uns landet, weil sie noch von früher wissen, dass die Caritas den Armen hilft.»



Diese Wahrnehmung habe sich mit der Zeit verändert, was nicht nur am Retromodetrend liege, sondern auch am zunehmenden Nachhaltigkeit-Bewusstsein, erzählt die Leiterin. In der aktuellen Situation merken sie und ihr Team, dass auch immer mal wieder die Forderung komme: «Ihr seid für die Armen da, also müsstet ihr die Kleider gratis abgeben. Dies würde unser Konzept nicht erfüllen. Wir wollen das Geld, das wir erwirtschaften, Armutsbetroffenen geben.»

«Armutswelle» im Herbst erwartet

Das Secondhand-Team rechnet mit einer «Armutswelle» im Herbst als Folge der Corona- und Wirtschaftskrise. «Wir möchten vorbereitet sein und Nischen anbieten für Leute, die neu in einem Caritasladen einkaufen, weil sie kein Geld für neue Kleider haben.»

Auch während des Lockdowns sei die Nachfrage nach Secondhand-Mode laut Tsoungui spürbar da gewesen. Caritas Zürich hatte innerhalb einer Woche einen Onlineshop eingerichtet, der schweizweit rege genutzt wurde. «Wir haben gemerkt, dass der Bedarf in allen Landesteilen da war, um bei uns einzukaufen.»

Schweizerinnen und Schweizer sollen im Schnitt 118 Kleidungsstücke im Schrank haben. Und jedes Jahr werden rund 6,3 Kilogramm Altkleider pro Person – teilweise ungetragen – weggegeben. Trendforscher glauben, dass uns die Coronakrise langfristig zu einem bewussteren Mode-Shopping bewegt habe. Wie auch immer, ich wie auch viele andere habe mir Gedanken zum eigenen Konsumverhalten gemacht.

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