Wenn ein Selfie zum Wunder wird

Von Caroline Fink

14.11.2021

In Zeiten von Smartphone und Instagram sehen wir täglich zu viele Bilder. Doch es gibt sie noch: die andere Fotografie. Die Kolumnistin unternahm eine Reise nach Wetzlar, wo 1914 die erste Kleinbildkamera entstand – und jährlich einer der wichtigsten Preise für Fotografie vergeben wird.

Von Caroline Fink

14.11.2021

Wir leben in der Zeit der Bilderflut. Unsere Handyspeicher überquellen mit Fotos und auf Instagram lädt die Menschheit jede Sekunde 1074 Bilder hoch.

Auch ich bin auf Instagram.

Und obwohl mir Selfies suspekt sind und ich mir als Fotografin gern Zeit nehme, ertappe ich mich dabei, wie ich in Alltagssituationen zum Smartphone greife, um rasch ein Bild zu knipsen. Es ist ein Reflex und manchmal stört mich dieser.

Nur eines kann sie richtig gut

Beruflich aber kam für mich vor gut zwei Jahren eine Wende: Ich entdeckte eine Kamera, die kaum etwas kann. Sie dreht keine Videos. Sie hat keinen Autofokus.

Sie sieht aus, als hätte ich sie im Museum geholt. Nur eines kann sie und das richtig gut: Fotos machen.

Zur Autorin: Caroline Fink
Bild: Gaudenz Danuser

Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

Eher langsame Fotos, denn bis ich den Scharfstellring gedreht und die Blende gewählt habe, vergehen wenige Sekunden.

Doch genau diese Sekunden sind es, in denen die Magie passiert. In denen ich – und bei Porträts auch mein Gegenüber – zur Ruhe komme, um ein Bild entstehen zu lassen.

Ein wenig wie damals, als die Herren Daguerre und Niépce vor 200 Jahren ihre Apparaturen aufstellten, ihre Umwelt auf Metallplatten bannten und die Welt in Staunen versetzten.

Die Kraft der Fotografie

Letzte Woche dann folgte ich einer Einladung ins deutsche Wetzlar. In die Fabrikation, aus der auch meine neue Kamera – eine Leica M10 – stammt. Mit Fotograf*innen aus aller Welt besuchte ich den Ort, wo Wilhelm Oskar Barnack 1914 die erste handliche Kamera erfand, die Bilder auf Film belichtete.

Wir blickten durch Glasfenster in die heutigen Produktionsräume, hell und staubfrei wie ein Labor. Besuchten die Werkstatt, wo alte Kameramodelle geflickt werden mit Werkzeugen, die mich an Grossvaters Uhrmacherei erinnerten.

Und wir tauchten im Ernst Leitz Museum ein in die Geschichte und Gegenwart des Fotografierens, lauschten dem Klang verschiedener Auslöser, gingen durch Spiegelkabinette und entwickelten Bilder im digitalen Wasserbad.



Am Ende machte ich sogar ein Selfie. Nicht um mich selbst in den Fokus zu rücken, sondern vielmehr, weil das Wunder wieder für einen Moment spürbar wurde: Auf einen Auslöser zu drücken – und auf ewig ein Bild festzuhalten.

Für drei Tage tauchten wir ein in die Welt der Bilder fern der Bilderflut. Eine Welt, in der das Einzelbild etwas gilt. Und in der Zeit bleibt, zu überlegen, warum wir fotografieren.

Höhepunkt bildete am letzten Abend die Verleihung des Leica Oskar Barnack Awards, iner renommierten Auszeichnung im Bereich der dokumentarischen Fotografie. Er ging an Ana María Arévalo Gosen für Arbeiten in venezolanischen Frauengefängnissen sowie an Emile Ducke für eine Reportage zu russischen Gulags.

Es waren Momente, in denen allen klar war, worin die Kraft der Fotografie liegt.


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