Kolumne Wenn selbst das Feierabendbier ein schlechtes Gewissen macht

Bruno Bötschi

12.4.2026

Supplemente, Langlebigkeit und die komplette Vermessung unseres Seins: blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira ist davon genervt. Aber auch nicht immun, wie sie plötzlich merkt.
Supplemente, Langlebigkeit und die komplette Vermessung unseres Seins: blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira ist davon genervt. Aber auch nicht immun, wie sie plötzlich merkt.
Bild: Privat

Zwischen Fitness-Tracking und Vitaminpillen wächst der Druck, alles richtig zu machen – selbst ein Bier wirkt plötzlich wie ein Regelbruch. Die Kolumnistin merkt, wie sehr dieser Optimierungszwang sie selbst erfasst.

Michelle de Oliveira

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Ein Feierabendbier in der Sonne nach getaner Arbeit im Garten – und sofort meldet sich das schlechte Gewissen.
  • Die blue News Kolumnistin realisiert, wie sehr sie im Gesundheits- und Optimierungsdenken gelandet ist, obwohl sie das eigentlich ablehnt.
  • Longevity, Tracking und Supplements setzen sie unterschwellig unter Druck, ständig alles richtig zu machen.
  • Neu ist das nicht: Früher ging es um Dünnsein, heute um maximale Gesundheit. Am Ende bleibt die Frage, ob ein längeres Leben wirklich etwas bringt, wenn dabei der Genuss verloren geht.

Neulich war es so weit: Das Wetter hatte umgeschlagen und sollte für eine Weile gut bleiben. Endlich wieder anpflanzen. Ich füllte Töpfe mit Erde, säte, topfte um, stabilisierte Triebe und arrangierte Blumen.

Später sass ich in der tiefstehenden Sonne und trank ein eiskaltes Bier, noch immer mit erdverkrusteten Hosen und dunklen Rändern unter den Fingernägeln. Für einen Moment war da nur Zufriedenheit.

Bis sich ein Gedanke dazwischen schob: Ein Bier, wirklich? Am Sonntagnachmittag? Ich liess ihn vorbeiziehen und blieb sitzen.

Ganz verschwand er aber nicht. Eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Trotz konnte ich erkennen. Ich weiss, dass Alkohol schlecht ist, ein Nervengift, es gibt keine gesundheitlich unbedenkliche Menge. Basta.

Zur Person: Michelle de Oliveira
Bild: Privat

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogini, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren, aber auch aus ihrem ganz realen Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Portugal.

Doch muss es deshalb sein, dass das Feierabendbier mir ein schlechtes Gewissen beschwert?

Aber nicht nur das Bier stand plötzlich zur Debatte: der Sport – oder dessen Ausbleiben –, die Ernährung, der Schlaf. Das ständige Abwägen dessen, was richtig und was falsch ist.

So gesund wie möglich sein, so lange wie möglich leben. Longevity heisst das Schlagwort, das sich inzwischen überall festgesetzt hat.

Ich bin nicht immun

Diese Hyperfokussierung auf die Gesundheit ist nicht neu. Nur hatte ich bisher nie das Gefühl gehabt, dazuzugehören. Bis zu diesem Moment, in der Sonne, mit einem Bier in der Hand.

Plötzlich merkte ich: Ich bin nicht immun, auch ich bin ein bisschen reingerutscht.

Ich will es auch gerne richtig machen. Gesund bleiben, den Anschluss nicht verpassen, dazugehören. Gleichzeitig sträubt sich etwas dagegen. Ich bin in den 1990er Jahren gross geworden, der Blütezeit des Bodyshamings. Stars wurden öffentlich auf ihre vermeintlichen Extra-Kilos angesprochen und gebeten, vor laufender Kamera auf die Waage zu treten.

Ich und fast alle Mädchen um mich herum wollten so dünn sein wie Kate Moss, deren Worte «Nichts schmeckt so gut, wie dünn sein sich anfühlt» in unseren hungrigen Körpern wie ein Echo widerhallte.

Dann folgte eine etwas erholsamere Phase, Bodypositivity war das Stichwort, zumindest kam es mir kurz so vor. Nun sind wir aber zurück im Schlankheitswahn, wie jüngst bei den Oscars sichtbar wurde. Vor allem von den weiblichen Stars sind viele dünner als je zuvor.

Doch nicht nur dünn oder wahlweise sehr stark (also absolut durchtrainiert) sollte man sein. Der ganze Lebensstil muss optimiert werden:

Wir monitoren den Blutzucker, zählen die Schritte, tracken den Schlaf und die Atmung, überprüfen Blutwerte und lassen unser biologisches Alter bestimmen. Selbstverständlich sollten wir uns optimal ernähren.

Kein Zucker, sicher kein Alkohol und falls Kohlenhydrate, nur bestimmte zur richtigen Tageszeit. Auf jeden Fall genug Protein, aber auch zahlreiche andere Nährstoffe, Vitamine und Mineralstoffe dürfen auf keinen Fall vernachlässigt werden. Supplemente sind das neue Must-have.

Von Ashwagandha, Bittertropfen, Folsäure, Eisenpräparaten über Kollagen, Kreatin, Kupfertropfen, Magnesium, Melatonin, Omega-3 bis zu Vitamin D3, Q10 und Zink gehört alles dazu. Die Liste könnte schier endlos fortgesetzt werden. Ein Teil davon ist medizinisch sinnvoll, der andere ist geschicktes Marketing.

Reicht das? Fehlt etwas? Müsste ich mehr tun? 

Ich befinde mich irgendwo dazwischen. Als Fast-Veganerin nehme ich seit Jahren Vitamin B12 ein, hin und wieder Eisenpräparate.

Plötzlich frage ich mich aber: Reicht das? Fehlt etwas? Müsste ich mehr tun?

Die Grenze zwischen sinnvoller Vorsorge und dem Drang nach Optimierung ist mir nicht mehr klar. Sollte ich vielleicht doch Kalzium nehmen? Oder Omega-3, jetzt da die Perimenopause nicht mehr weit ist? Krafttraining machen, noch mehr schlafen – und ganz auf Alkohol verzichten?

Damit vielleicht aber auch auf solche unbeschwerten Momente wie jenen neulich in der Sonne mit einem Feierabendbier, das ich lange nicht mehr so genossen habe?

Dabei ist genau das das Stichwort: Genuss.

Vielleicht lebe ich etwas länger, wenn ich Dinge weglasse, die mir entweder schmecken oder Spass machen. Aber geht diese Rechnung wirklich auf oder steht am Ende doch ein fettes Minus da?

Ein Minus an Spass, Lebensfreude und Leichtigkeit des Moments? Und stattdessen das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, wenn man trotz aller Bemühungen dennoch krank und nicht 108 Jahre alt wird?

Eine Frage der Balance

Es ist wohl, wie so oft im Leben, eine Frage der Balance. Ich will auf mich Acht geben und gesund bleiben, auf jeden Fall. Aber ich will auch unbeschwert bleiben, mein Leben geniessen und gelegentlich in der Sonne sitzen und ein Bier trinken.

Ausserdem ist Stress auch einer der Faktoren, den man in der Longevity-Bewegung auf jeden Fall vermeiden soll. Dabei kann einen die Obsession mit dem ständigen Optimierungsdruck so stark stressen, dass der ganze Effekt verpufft.

Dann geniesse ich doch lieber direkt das Leben.


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