KolumneWie ich plötzlich die Schönheit des Jodelns erkannte
Bruno Bötschi
17.1.2026
«Der Naturjodel ist eine Melodie ohne Worte, die das Empfinden der Bergler und Älpler zum Ausdruck bringt»: Erklärung auf der Webseite vom Eidgenössischen Jodlerverband.
Bild:Keystone
Eine Melodie geht der blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira ins Herz – und zu ihrer Überraschung ist es ein Jodel. Ein Naturjodel, um genau zu sein, denn das macht den entscheidenden Unterschied für die Schweizerin, die in Portugal lebt.
Michelle de Oliveira
17.01.2026, 13:49
Bruno Bötschi
Vor einer Weile fuhr ich vom Einkaufen nach Hause und hatte, wie ich das oft tue, Radio aus der Schweiz eingeschaltet. Ich hörte aber nicht richtig hin, konzentrierte mich auf den nervenaufreibenden Strassenverkehr.
Doch plötzlich geschah etwas.
Mir war, als öffnete sich ein neuer Raum, als rückte alles andere in den Hintergrund, würde klein und bedeutungslos. Eine zarte und gleichzeitig vereinnahmende Melodie erfüllte das Auto und mich. Im Radio wurde gejodelt. Ich lauschte gleichermassen gebannt und erstaunt.
Zur Person: Michelle de Oliveira
Bild: Privat
Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogini, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren, aber auch aus ihrem ganz realen Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Portugal.
Gebannt ob der Kraft dieser Musik und gleichzeitig erstaunt, weil mich Jodeln bisher nicht interessiert hatte, vielmehr sogar genervt hat.
Im Anschluss an das Stück erzählte die Radiomoderatorin, dass das Jodeln kürzlich von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt worden war.
Danach gab es einen Themenwechsel und andere Musik wurde gespielt.
Alte Verwandte sangen in einem noch älteren Jodelchörli
Die Melodie aber vibrierte weiter in mir, und einige Tage später suchte ich im Internet nach Jodel-Musik.
Doch was ich hörte, liess nichts anklingen, sondern entfachte eher wieder die altbekannte Abneigung.
Für mich war das Jodeln immer veraltet gewesen. Alte Verwandte sangen in einem noch älteren Jodelchörli und hatten Freude daran – aber mit mir hatte das alles gar nichts zu tun.
Aber die Melodie aus dem Auto liess mich nicht los, also suchte ich weiter. Und fand plötzlich Musik, die ähnlich klang.
Ich erkannte, worin der Unterschied lag zwischen dem Jodeln, das mir eine wohlige Gänsehaut bescherte, und dem, bei dem sich die Nackenhaare aufstellten: Es war der Text, beziehungsweise die Abwesenheit dessen.
«Der Naturjodel ist eine Melodie ohne Worte»
Ich las, dass man den Gesang ohne Text «Naturjodel» nannte. Und das war das, was mir direkt ins Herz gegangen war.
«Der Naturjodel ist eine Melodie ohne Worte, die das Empfinden der Bergler und Älpler zum Ausdruck bringt», schreibt der Eidgenössische Jodlerverband auf seiner Webseite.
Mich holten sie damit im Geiste tatsächlich sofort in die Berge, wo sich Erhebungen und Täler genauso abtauschen, wie die Sängerinnen und Sänger beim Jodeln zwischen Kopf- und Bruststimme wechseln.
Das Jodellied, also das Jodeln mit Text, geht mir auch darum nicht nahe, weil mich die Texte abstossen. «Noch immer werden die guten alten Zeiten besungen, wo die Schweizer noch echte Mannsbilder und die Frauen entweder herzige Geschöpfe, äs liebs Müeti oder böse Gattinnen waren», steht auf der Webseite des «Echo vom Eierstock», dem feministischen Jodelchor aus Nidwalden.
Das bringt es für mich auf den Punkt. Doch auch wenn mir ihre angepassten, zeitgenössischen Texte besser gefallen, bevorzuge ich den wortlosen Naturjodel.
Jodeln für mich wie eine neu entdeckte Brücke in die Heimat
Eigentlich lustig, denn ich liebe Texte in all ihren Formen und höre auch deshalb gerne deutsche und englische Musik. Dabei achte ich aber oft mehr auf den Inhalt, die Kombination, die Raffinesse und die Macht der Worte.
Das liebe ich, kann mich darum aber nicht immer auf die Melodie einlassen. Naturjodel hingegen besteht nur aus Melodie und führt an meinem Gehirn vorbei direkt ins Herz.
Ähnlich wie der portugiesische Fado. Als ich zum ersten Mal Fado hörte, sprach ich nur wenige Worte Portugiesisch und verstand nichts vom Text. Und fühlte doch alles.
Auch wenn ich mittlerweile gut Portugiesisch kann, gelingt es mir beim Fado noch immer, mich forttragen und bewegen zu lassen, ohne auf die Worte zu achten.
Wie das Jodeln zählt auch Fado zum immateriellen Kulturerbe. Während diese Musik vor allem Verlust, Sehnsucht und Melancholie – die typischen «Saudades» – thematisiert, symbolisiert das Jodeln die Weite, Natur und Zugehörigkeit.
Und so ist das Jodeln für mich wie eine neu entdeckte Brücke in die Heimat, über alle Erhebungen und Tiefen hinweg, die zwischen der Schweiz und Portugal liegen.
Den folgenden Naturjodel mag ich übrigens ganz besonders gerne:
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