Kolumne Wie Lebkuchen ein Stück Schweizer Kindheit nach Portugal brachte

Bruno Bötschi

23.11.2025

Lebkuchenherzen mit Kosenamen gibt es hierzulande auf jedem Jahrmarkt zu kaufen. Die blue News Koluminstin wollte aber keinen Lebkuchen kaufen, sondern lieber eine selber backen.
Lebkuchenherzen mit Kosenamen gibt es hierzulande auf jedem Jahrmarkt zu kaufen. Die blue News Koluminstin wollte aber keinen Lebkuchen kaufen, sondern lieber eine selber backen.
Bild: Matthias Balk/dpa

Die Kolumnistin hatte Lust auf Lebkuchen – aus Nostalgiegründen und weil sie Heimweh hatte. Auch wenn das Endergebnis aussah wie ein Kuhfladen, schmeckte der Lebkuchen lecker – und vor allem nach der Schweiz.

Michelle de Oliveira

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Als die blue News Kolumnistin Michelle de Oliveira, die seit einigen Jahren in Portugal lebt, kürzlich wieder Heimweh nach der Schweiz hatte, erinnerte sie sich an das Lebkuchen-Rezept ihrer Mutter.
  • Kurz darauf stand de Oliveira in der Küche und versuchte sich als Bäckerin. 
  • Der Teig war klebrig und bald schon zweifelte die Kolumnistin, ob sie einen Lebkuchen buk oder Bauschaum erschuf. Was würde wohl die Familie sagen?
  • «Mmm, riecht nach Schweiz», sagte de Oliveiras Sohn, bevor er in den Lebkuchen biss – danach sagte er noch mit vollem Mund: «Mega fein.»

Es ist November und erst vor kurzem haben wir die letzten Schoggi-Eier vom Osterhasen gegessen. Zugegeben, die waren im Schrank weit nach hinten gerutscht und gingen dadurch vergessen.

Doch jetzt quellen unsere Schubladen schon wieder über mit Süssigkeiten, Halloween sei Dank: Gummizeug in allen erdenklichen Formen, Schokoriegel, Lutschbonbons, Lollis und Knisterpulver.

Daneben steht eine riesige Papiertüte voller Broas. Das ist ein typisch portugiesisches Gebäck, das aus Mehl, Zucker, Zimt, Nüssen und Honig gebacken wird und am 1. November und weit darüber hinaus gegessen wird.

Zur Person: Michelle de Oliveira
Bild: Privat

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogini, Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren, aber auch aus ihrem ganz realen Leben mit all seinen Freuden und Herausforderungen. Sie lebt mit ihrer Familie in Portugal.

Zudem bringen die Kinder fast täglich aus der Schule oder von Kindergeburtstagen weitere Leckereien nach Hause. Ich weiss schon gar nicht mehr, wohin damit, geschweige denn, wer das alles essen soll.

Sehnsucht nach Mutters Lebkuchen

Wir haben also mehr als genug Süsses im Haus. Und doch hatte ich plötzlich riesige Lust auf etwas anderes. Es war aber nicht nur Lust, sondern auch eine Spur Heimweh.

Ich vermisste den Lebkuchen, den meine Mutter in meiner Kindheit oft gebacken hatte. Ich erinnere mich genau daran, wie sehr ich mich jedes Mal freute, wenn sie das Kuchenblech aus dem Ofen zog und die ganze Wohnung danach gerochen hat.

Sofort frage ich bei meiner Mutter nach dem Rezept. Doch dort stand logischerweise: Lebkuchengewürz. Lebkuchengewürz in Portugal?

Das könnte schwierig werden. Ich durchsuchte die grössten Supermärkte in der Umgebung, das Reformhaus, den Gewürzladen. Nichts.

Natürlich hätte ich mir das Gewürz aus den einzelnen Bestandteilen selbst mischen können. Das war mir aber zu riskant, der Lebkuchen sollte schliesslich so schmecken wie früher. Also blieb mir nichts anderes übrig, als das Gewürz online zu bestellen. Aufgrund von Lieferverzögerungen musste fast zwei Wochen darauf warten.

Die Kolumnistin ist keine gute Bäckerin

Als es endlich im Briefkasten lag, machte ich mich sofort voller Vorfreude ans Werk. Doch irgendwann stutzte ich: Ausser vier Esslöffeln Öl war keine Flüssigkeit auf dem Rezept aufgeführt.

Ich bin wirklich keine ausserordentlich gute Bäckerin, aber dass hier etwas nicht stimmen konnte, fiel sogar mir auf. Mit klebrigen Fingern googelte ich und fügte dann eine geschätzte Menge Milch hinzu.

Jetzt sah das ganze schon besser aus, aber sicher war ich mir nicht. Ich schickte meiner Mutter eine Sprachnachricht: «Kann es sein, dass du beim Rezept etwas vergessen hast? Irgendeine Flüssigkeit?»

Der Teig war klebrig und ich zweifelte, ob ich einen Lebkuchen buk oder Bauschaum erschuf. Nun denn, ich klatschte die Masse auf das Blech, schob es in den Ofen und hoffte das Beste. Zumindest das Lebkuchengewürz schien seine Pflicht zu erfüllen und schon bald roch es im ganzen Haus nach Zimt, Anis, Fenchel und Kardamom.

«Mama, de gseht us wie en Chuehflade!»

Später stellte ich den lauwarmen Lebkuchen auf den Tisch und war gespannt auf die Reaktionen. Ich wusste natürlich schon, dass er gut schmeckte, ich hatte in der Küche heimlich genascht.

Aber was würde die Familie sagen? Mir blieb nicht viel Zeit zum Überlegen, denn mein Sohn sagte: «Mama, de gseht us wie en Chuehflade!» Womit er zweifellos recht hatte. Exakt so sah das Ding aus. Probieren wollten ihn trotzdem alle und ich hielt für einen Moment die Luft an.

«Mmm, riecht nach Schweiz», sagte mein Sohn und meinte den Lebkuchen, nicht den Kuhfladen. Er biss hinein und sagte mit vollem Mund: «Mega fein.»

Meine Tochter nahm einen Bissen, murmelte etwas Ähnliches, sagte aber nach einer Weile, dass sie ihn nicht gernhat und fügte entschuldigend an: «Ich bin einfach eine Person, die nicht gerne Kuchen mag.»

Damit hat sie absolut recht, sogar von ihrem eigenen Geburtstagskuchen hatte sie dieses Jahr nur die Smarties-Verzierung gegessen. Sie lief also ausser Konkurrenz. Mein Mann nickte anerkennend und sagte wie der Sohn: «Mega fein.»

In der Eile ging ein halber Liter Milch vergessen

Ich ass zwei weitere Stücke und war happy. Etwas zu trocken zwar, aber die Lebkuchentradition war ja eben erst gestartet. Meine Mutter rief mich übrigens kurz darauf an: Tatsächlich war in der Eile ein halber Liter Milch vergessen gegangen.

Zum Glück hatte ich mehrere Beutel Lebkuchengewürz bestellt und werde bald wieder einen Lebkuchen backen, diesmal mit der richtigen Menge Milch.

Und damit ein bisschen Schweizer Kindheit nach Portugal bringen – egal, wie viele andere Süssigkeiten wir schon haben.


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