16.02.2016 - 09:52

Computer an Schulen: Was Hänschen nicht lernt…

Computing In Kindergarten

Was spricht dafür, was dagegen? Kinder beim Lernen des Umgangs mit Computern.
Bild: Keystone/Elaine Thompson

Marc Böhler, Nachhaltigkeitsblog
 

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Unter bestimmten Umständen sehen sogar Fundamentalkritiker positive Auswirkungen von Computer & Co. im Bildungswesen. Tatsache ist: Wer den Umgang damit nicht früh lernt, ist später benachteiligt und sogar gefährdet.

Gern höre ich Meinungen, bei denen von vornherein klar ist, dass sie vollkommen anders sind als meine eigene. Das regt an, erschreckt allerdings manchmal auch. Bei einem Swisscom Medienkurs für Eltern sagte eine Teilnehmerin, für sie bedeute «Vertrauen», wenn man als Eltern jederzeit ganz genau wisse, was die Kinder tun. Das hat kaum etwas mit Vertrauen zu tun. Nein: Dafür wäre das Wortpaar «absolute Kontrolle» richtig!

Meinungsverschiedenheiten auf höherem Niveau erlebe ich immer wieder bei der Lektüre von Behauptungen von Manfred Spitzer. Spitzer schimpft gegen die Neuen Medien im Unterricht. Er lobt das Bücherlesen, Theaterspielen und Musizieren als Königsdisziplinen für eine erfolgreiche Entwicklung von Kindern. Als ob es sich bei diesen sinnlichen Beschäftigungen nicht genauso um eine Auseinandersetzung mit «Medien» handeln würde. Inzwischen verstehe ich, wo das Problem liegt: Spitzers und mein Verständnis für den Begriff «Medien» ist komplett unterschiedlich.

Daumenspiele

Spitzer findet Finger- und Klötzchenspiele ausserordentlich wichtig. Es ist eine Binsenwahrheit, dass es für die Entwicklung von Kindern wichtig ist, die materielle Welt sinnlich zu erfahren. Um die Abgrenzung zur immateriellen Welt zu lernen, ist ein wohldosiertes Spielen mit digitalen Medien meiner Meinung nach ebenso wichtig. Die Welt der Erwachsenen spielt sich mehr und mehr in digitalen Medien und virtuellen Welten ab. Wer bis zwölf nur mit Rechenschieber, Bleistift, Papier und anderen analogen Medien spielt, dem fehlt die Bewegungsfähigkeit in der digitalen Welt.

Klar, wer zu viel mit digitalen Medien spielt, dem fehlt die Bewegungsfähigkeit in der analogen Welt. Zudem haben Games, Smartphone und Internet ein hohes Verzettelungspotential. Umso wichtiger ist es, dass die Menschen möglichst früh lernen, der Versuchung von Multitasking selbstbestimmt und mit Eigenverantwortung zu widerstehen.

Je vielseitiger das Medium, desto wichtiger die Begleitung

Dann und wann muss ich bei Spitzers Aussagen zustimmend nicken. Tablet-Computer sind tausendfach vielseitiger als Papier-Bücher. Aber wahr ist auch: In den digitalen Medien steckt Engel und Teufel zugleich. Die Begleitung und Betreuung ist umso wichtiger und aufwändiger. Wer glaubt, ein technisches Medium könne das Medium «Lehrerin» oder «Lehrer» ersetzen, liegt falsch.

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Gefährlich: Kinder am Erwerben einer Kompetenz hindern

Aber Spitzers restriktive Empfehlungen bei der Erziehung – etwa Tablet- und PC-Einsatz an Schulen verbieten – sind meiner Meinung nach riskant. Eltern und Schulen, die diese befolgen, verhindern das Training von allgemeinen Medienkompetenzen. Irgendwann werden die jungen Erwachsenen mit der «verrückten» digitalen Medienwelt konfrontiert. Dann fehlt es möglicherweise an Eigenverantwortung. Diese ist ein wesentlicher Teil von Medienkompetenz.

Ich bin der Meinung, die Schaffung von Medienkompetenz bedeute unter anderem die Entwicklung eines verantwortungsvollen Umgangs mit allen Medien. Ein Umgang, bei dem immer der Mensch bestimmt, was geschieht, und nicht das Medium. Bei Büchern ist das schnell gelernt. Digitale Medien brauchen Zeit. Und was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

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Marc Böhler leitet Swisscom Medienkurse für Eltern, Lehrpersonen und für Schülerinnen und Schüler. Als Internet-Soziologe der ersten Stunde, nach langjähriger Tätigkeit als Online-Redaktor bei der Neuen Zürcher Zeitung sowie nach Engagements als Projektleiter bei Schweizer Radio und Fernsehen und als Web-Redaktor bei economiesuisse verfügt er über einen weiten Horizont zu Nachhaltigkeitsfragen im Umgang mit Neuen Medien.
Bild: Swisscom

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