30.06.2016 - 16:19

«Lassen Sie sich die Online-Spiele von Ihren Kindern erklären»

SCHWEIZ MINECRAFT ZUERICH

Kennen Sie «Minecraft»? Wenn nicht, halb so wild. Aber informieren Sie sich unbedingt über die Computerspiele, die Ihre Kinder spielen.
Bild: Keystone/Gaetan Bally

von Ursula Darmstaedter, Nachhaltigkeitsblog
 

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Der Fall des vermissten Knaben Paul S. wirft Fragen zur Sicherheit von Online-Games auf. Wir haben darüber mit einem Fachmann für Jugendmedienschutz gesprochen.

«Minecraft» ist eines der erfolgreichsten Online-Spiele. Auch Paul S., der unlängst vermisste Bub aus Gunzgen, hat es gerne gespielt. Bringen sich junge Menschen damit in Gefahr? Michael In Albon, Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom, hat sich unseren Fragen gestellt.

Momentan spricht man an vielen Stellen von der Gefahr solcher Spiele, weil sie die Funktion bieten, mit fremden Mitspielern zu sprechen. Wir gross ist diese Gefahr wirklich?

Michael In Albon: Wenn Jugendliche übers Netz mit Fremden sprechen, ist dies eigentlich sicherer, als wenn sie dies im realen Leben − beispielsweise auf dem Schulweg − tun. Mit jemandem online zu chatten oder eine unbekannte Person in der realen Welt zu treffen, das sind zwei komplett unterschiedliche Dinge. Diese Grenze dürfen Kinder und Jugendliche nicht überschreiten. Meine Kinder lernen in der Schule, zum wiederholten Male, dass sie nie zu jemandem ins Auto steigen sollen. Wieso sollten sie sich also mit jemandem treffen, den sie «nur» aus dem Internet kennen? Dieser Fall zeigt auf, wie wichtig es ist, dass Kinder und Jugendliche begleitet solche Spiele angehen oder im Internet surfen.

Denken Sie, dass die Eltern von Paul S. hier etwas verpasst haben?

Wie käme ich dazu, sowas zu behaupten? Wir wissen es nicht. Es kann sein, dass Eltern alles richtig machen, und dennoch etwas passiert. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir «zwingen» unsere Kinder, einen Velohelm zu tragen, dennoch kann ein Unfall passieren. Ich schätze die Medienkompetenz der Schweizer Eltern in vielen Fällen nicht rosig ein. Aber es greift zu kurz, dieser Tatsache allein die Schuld für solche Vorfälle zu geben. In den meisten Fällen zeigt sich die Situation komplex. Es hängt von verschiedenen Faktoren ab. Kriminelle sind meist Experten im Manipulieren. Jugendliche andererseits sind einfach beeinflussbar und rasch beeindruckt.

«Mit jemandem online zu chatten oder eine unbekannte Person in der realen Welt zu treffen, das sind zwei komplett unterschiedliche Dinge.»

Michael In Albon, Jungendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom

Gibt es Regeln, an die sich Eltern halten können?

Viele Eltern verstehen nicht, wie die sozialen Netzwerke oder Online-Games funktionieren. Dabei ist es eigentlich keine Hexerei, wir geben an unseren Medienkursen diese Tipps:

  1. Achten Sie darauf, dass die Spiele altersgerecht sind. Sowohl im Apple Store als auch auf Google Play sind die Spiele mit der entsprechenden Alterskennzeichnung versehen.
  2. Lassen Sie sich von Ihren Kindern die Spiele und Plattformen erklären. Wie funktioniert was? Wo kann man was tun? Ihr Kind wird stolz sein und Sie können einfacher eingreifen, wenn etwas nicht in Ordnung ist.
  3. Verbote sind wenig hilfreich, sie reizen die Kinder und Jugendlichen zusätzlich. Der Inhalt des Spiels ist eigentlich irrelevant, ob das nun «Minecraft» oder ein anderes Spiel ist. Es geht darum, dass Kinder und Jugendliche die Gefahren verstehen. Deshalb ist es wichtig, dass man mit ihnen spricht. Sie sollen sich bewusst sein, dass online zwar ein 13-jähriger Yann mit ihnen spricht, in der realen Welt aber der 38-jährige Thomas dahinterstecken kann. Und wenn Sie dennoch etwas verbieten: Erklären Sie, warum.
  4. Eltern sollten Vorbild sein. Kinder kopieren Verhaltensmuster von ihren Referenzpersonen. Das sind in jüngeren Jahren vor allem die Eltern. Man sollte sein eigenes Mediennutzungsverhalten auch vor diesem Hintergrund hinterfragen.
  5. Falsche Scham ablegen: Holen Sie sich Hilfe, beim Schulsozialdienst oder ähnlichen Diensten in Ihrer Gemeinde. Auch die Polizei kann in bestimmten Fällen helfen.

Gibt es denn keine technischen Hilfsmittel, die hier helfen können?

Es gibt Filter-Software, die bestimmte Web-Inhalte sperren. Aber kein Filter ist perfekt. Auch kann man Apps auf Smartphones und Tablets sperren. Man kann auch die Internetverbindung zeitlich einschränken (gewisse WLAN-Router können mit einem Zeitplan ein- und ausgeschaltet werden). Ich denke zudem, dass man die Aufgabe der Medienerziehung nicht an eine App delegieren kann. Da müssen wir Eltern mit unserer Kompetenz, mit unserem gesunden Menschenverstand hinstehen.

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Michael In Albon ist Jugendmedienschutz-Beauftragter und Medienkompetenz-Experte bei Swisscom. Er schreibt regelmässig zum Thema Medienkompetenz. Er ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen.
Bild: Swisscom

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