16.01.2017 - 23:45

Barrierefrei: Digitale Inhalte auch für Menschen mit Einschränkungen

von Sascha Bianchi, Nachhaltigkeitsblog
 

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Computer, Tablets und Smartphones sind das Tor zu digitalen Welt. Für viele ist dieser Zugang aber eingeschränkt. Warum? Weil digitale Inhalte bislang nur ungenügend auf die Bedürfnisse von Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen ausgerichtet sind. Dabei lohnt sich ein barrierefreies Angebot.

Moderne Technologien können Hürden abbauen. Das gilt insbesondere für Menschen mit Beeinträchtigungen. Der amerikanische Konzern Apple ist hierfür ein gutes Beispiel. Bei der Funktion «VoiceOver» wird der Inhalt auf dem Handy-Bildschirm vorgelesen. So können selbst Blinde mit dem Smartphone Fotos machen. Das iPhone sagt einem sogar, welchen Gesichtsausdruck die Personen auf dem Bild haben. Mit der Funktion «Live Listen» lassen sich Umgebungsgeräusche gezielt herausfiltern. So wird das iPhone zu einer sinnvollen Hilfestellung für Menschen mit einer Sinnesbeeinträchtigung.  

Doch selbst iPhone-Nutzern sind Grenzen gesetzt in der digitalen Welt. Viele Apps, Newsportale und Onlineshops sind noch immer nicht barrierefrei. Zeit zu Handeln. Was es braucht und wo bereits Lösungen angeboten werden, erklärt Prof. Alireza Darvishy, Leiter des ICT-Accessibility Labs der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), im Interview.

Bluewin: Herr Prof. Darvishy, wo sehen Sie die Hürden und Lösungen für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen?

Alireza Darvishy: Die Hürden variieren je nach Beeinträchtigung und Form der digitalen Inhalte. Menschen mit Hörbeeinträchtigungen sind bei Video-Inhalten auf Untertitel angewiesen. So können sie Dialoge und Kommentare in Videos mitverfolgen. Bei Spielfilmen hilft blinden Menschen eine sogenannte Audiodeskription, die rein visuelle Handlungen in akustischer Form präsentiert. Bei Webseiten können Änderungen der Schriftgrösse und farbliche Kontraste für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen hilfreich sein. Menschen mit Arthrose leiden, wenn sie viel mit Maus und Tastatur scrollen und klicken müssen, um an die gesuchten Inhalte zu gelangen. Hier können alternative Eingabemöglichkeiten wie die Tastatur, Spracheingaben oder die Augensteuerung eine Hilfestellung sein. Barrierefreiheit heisst in diesem Kontext, dass alle Menschen digitale Inhalte gleichwertig wahrnehmen und mit ihnen interagieren können.

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Alireza Darvishy ist Professor für den Bereich ICT-Accessibility am Institut für angewandte Informationstechnologie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Er befasst sich seit 20 Jahren mit dem Thema Barrierefreiheit. Für seine Arbeit wurde er im Dezember 2016 mit dem UNESCO Preis „Digital Integration of People with Disabilities“ ausgezeichnet.
Bild: ZVG

Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich beim Thema Barrierefreiheit?

Im internationalen Vergleich steht die Schweiz hinter Nordamerika. In den USA gibt es seit 1990 den sogenannten «Americans with Disabilities Act», der das Thema Barrierefreiheit wesentlich vorangetrieben hat. Grosskonzerne wie IBM, Google und Apple engagieren sich deshalb schon seit vielen Jahren für das Thema. Ihre Arbeiten sind vorbildlich. Europäische Länder und die Schweiz haben erst viel später angefangen, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Schweiz befindet sich heute gesamteuropäisch im Mittelfeld.

Lohnt sich ein Angebot an barrierefreien Inhalten überhaupt?

Selbstverständlich! Studien belegen, dass fast jeder fünfte Schweizer unter einer Sinnesbeeinträchtigung leidet. Mit der zunehmenden Alterung unserer Gesellschaft wird dieser Wert zunehmen. Barrierefreie Angebote helfen Unternehmen, neue Zielgruppen zu erschliessen. Der Abbau von Barrieren im Internet unterstützt Menschen mit einer Beeinträchtigung auch beim Weg (zurück) in die Arbeitswelt.  

Was leisten Unternehmen hierzulande?

Die Schweiz hat 2004 das Behindertengleichstellungsgesetz verabschiedet. Seither bemühen sich auch einheimische Unternehmen, ihre Dienstleistungen für Menschen mit Beeinträchtigungen barrierefrei anzubieten. Eine Grossbank stellt zum Beispiel einfach zugängliche Geldautomaten, barrierefreies Online Banking sowie Kontoauszüge in Gross- und Blindenschrift zur Verfügung. Leider gibt es aber immer noch einen grossen Nachholbedarf.

Diese Angebote unterstützen Menschen mit Beeinträchtigungen

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Sascha Bianchi,

Was hindert Unternehmen, sich zu engagieren?

Werden die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen beim Design von digitalen Inhalten von Anfang an mitberücksichtigt, sind die entstehenden Produktionskosten vernachlässigbar. Wird hingegen ein bestehendes Angebot nachträglich barrierefrei gemacht, entstehen höhere Kosten für die Unternehmen.  

Swisscom hat kürzlich ein barrierefreies TV-Angebot lanciert. Wie stufen Sie dieses Angebot ein?

Die Anpassungen erachte ich als sehr begrüssenswert. In den «Einstellungen» der aktuellen Swisscom UHD TV Box können Kunden Untertitel, Audiodeskriptionen und Gebärdensprache für TV-Sendungen, die dies anbieten, zentral aktivieren («Bluewin» berichtete bereits detailliert). In der Programmübersicht werden danach Inhalte mit solchen Ergänzungen optisch hervorgehoben. Von dieser Kennzeichnung profitieren Menschen mit einer Sinnesbeeinträchtigung. Die umgesetzten Massnahmen sind ein erster wichtiger Schritt und ein wichtiges Signal für andere Anbieter, gleichzuziehen. 

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