10.01.2017 - 07:45

Discovering Hands: Blinde Frauen, die Brustkrebs ertasten

von Sarah Hefti, Nachhaltigkeitsblog
 

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Brustkrebs gehört in der Schweiz zu den häufigsten Krebsarten bei Frauen. Die frühzeitige Erkennung von Gewebeveränderungen ist essentiell für eine erfolgreiche Therapie. Einen besonderen Weg wählt Discovering Hands: Das in Deutschland ansässige Sozialunternehmen setzt auf den besonderen Tastsinn blinder und sehbehinderter Frauen - mit Erfolg.

Discovering Hands beschäftigt blinde und sehbehinderte Frauen, die zu zertifizierten Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTUs) geschult werden. Die MTUs lernen in ihrer neunmonatigen praktischen und theoretischen Qualifizierung, ihre haptisch überragenden Fähigkeiten gezielt zur Brustkrebsfrüherkennung einzusetzen. Ein Defizit wandelt sich so zur besonderen Begabung.

Mit Fingerspitzengefühl

Auf den Oberkörper der Patientinnen werden haptische Streifen geklebt. Sie unterteilen die Brust in verschiedene Zonen und dienen den MTUs als Orientierungshilfe. Anhand dieses taktilen Koordinatensystems werden allfällige Befunde digital dokumentiert und den behandelnden Ärzten weitergeleitet.

Sie legen dann fest, ob weitere Untersuchungen wie ein Brustultraschall oder eine Mammografie nötig sind. Dieser Ablauf zeigt: Die Tastuntersuchungen durch die MTUs ersetzen nicht die schulmedizinische Krebsvorsorge. Sie sind aber eine sinnvolle Ergänzung.

Start-up der besonderen Art

Der innovative Ansatz von Discovering Hands ist erfolgversprechend. Eine von der Universität Essen durchgeführte Studie zeigt, dass MTUs in der Untersuchung bis zu 30 Prozent häufiger und bis zu 50 Prozent kleinere Gewebeveränderungen entdecken als Ärzte. Hinzu kommt ein angenehmer Untersuchungsablauf für die Patientinnen. Sie erhalten ein hohes Mass an Aufmerksamkeit und Zuwendung.

Die bessere Früherkennung ist das eine, die beruflichen Einsatz- und Entwicklungsmöglichkeiten der blinden und sehbehinderten Frauen durch Discovering Hands das andere. Der Einsatz der MTUs räumt mit Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderung auf. Die Frauen werden nicht trotz ihrer Behinderung beschäftigt, sondern gerade wegen ihrer Begabung.

«Durch den persönlichen, hautnahen Kontakt mit der MTU erleben Patientinnen, dass sie ganz unbefangen mit den sehbehinderten Frauen umgehen können», erklärt Pressesprecherin Gudrun Heyder. «Sie erleben sie als souveräne, zugewandte Persönlichkeiten. Auch das baut Vorurteile und Unsicherheiten ab.» Das Start-up Discovering Hands wurde kürzlich mit dem Next Economy Award des Deutschen Nachhaltigkeitspreises prämiert.

Tastuntersucherinnen berichten

Sarah Schönhuber (24): «Von der Tätigkeit als Medizinischen Tastuntersucherinnen habe ich im Bildungszentrum erfahren. Weil ich gerne mit Menschen arbeite und so meinen Tastsinn für etwas Gutes einsetzen kann, entschied ich mich für diese Massnahme», erzählt Sarah Schönhuber. Sie wurde bestärkt, dass ihre Behinderung für den MTU-Beruf kein Nachteil, sondern sogar Voraussetzung sei. Denn der Tastsinn verbessert sich erheblich, wenn die Orientierung mittels der Augen weitgehend wegfällt. Ihren früheren Beruf als Medizinische Fachangestellte musste Schönhuber wegen einer seltenen Augenkrankheit aufgeben.

Anja Hirschel (45): «Die Patientinnen sind fasziniert von dieser Art der Untersuchung und äusserst entspannt. Bisher hat jede gesagt, dass sie in einem Jahr wiederkommen will», erzählt Anja Hirschel. Anfängliche Unsicherheiten der Patientinnen, wie sie mit der sehbehinderten MTU umgehen sollen, «lösen sich schon bei der Begrüssung in Rauch auf». Die gelernte Winzerin musste ihren Beruf nach einem Umzug nach Nordrhein-Westfalen aufgeben. «Hier gibt es ja keine Weinberge!» Was tun? Im Internet stiess die von Geburt an stark sehbehinderte 45-Jährige auf «discovering hands®» und absolvierte schliesslich die Qualifizierung zur MTU.

Bald auch in der Schweiz?

Das Sozialunternehmen Discovering Hands expandiert in Deutschland und international weiter. Für 2017 sind Pilotprojekte in Indien und Mexiko geplant. In Österreich und Kolumbien werden bereits erste MTUs eingesetzt.

Und wie sieht es in der Schweiz aus? Discovering Hands prüft Möglichkeiten, im Verlaufe des Jahres auch hierzulande ein Pilotprojekt zu starten. Derzeit wird ein Scouting Team mit drei Mitarbeiterinnen in Zürich und in Luzern aufgebaut.

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Sarah Hefti arbeitet in der Unternehmenskommunikation von Swisscom und verantwortet den Nachhaltigkeitsblog mit. Sie schreibt regelmässig über Nachhaltigkeitstrends.
Bild: Swisscom

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