17.02.2017 - 08:47

Glückskette-Direktor: «Der Spendenmarkt ist im Umbruch»

von Sascha Bianchi, Nachhaltigkeitsblog
 

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Der Schweizer Spendenmarkt befindet sich im Umbruch. Tony Burgener, Direktor der Glückskette, nimmt Stellung. Ein Interview.

Dieses Bild ging um die Welt: Auf dem Bild sieht man einen kleinen Jungen. Er liegt am Strand, trägt kurze Hosen und ein rotes T-Shirt. Auf den ersten Blick hat man das Gefühl, er schläft. Doch das Kind ist tot.

Das Bild verkörpert wie kein anderes die tragischen Opfer der grössten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Menschen haben das Bild geteilt und so eine Welle der Solidarität ausgelöst. Die Schweizer Glückskette hat mit ihrer Spendenaktion über 27 Millionen Schweizer Franken gesammelt. Eine Rekordsumme für einen Sammeltag für Flüchtlinge.  

Doch der Schein trügt. Obwohl sich Naturkatastrophen und humanitäre Krisen häufen, steigt hierzulande die Spenderquote seit Jahren nicht mehr an. Auf der politischen Bühne ist das Thema Solidarität immer weniger im Vordergrund. Soziale Medien und private Akteure fordern traditionelle Spendenorganisationen heraus. Wie soll man mit diesen Veränderungen umgehen? «Bluewin» hat bei Tony Burgener, Direktor der Glückskette, nachgefragt.

Bluewin: Herr Burgener, wie gewinnen Sie neue Spender?

Tony Burgener: Die Mehrheit unserer Spender ist über 45 Jahre alt und sehr spendenfreudig. In Zukunft müssen wir jedoch verstärkt jüngere Menschen ansprechen, damit der «Virus» der Solidarität auch in den nächsten Generationen noch weiterlebt. Dies tun wir über soziale Medien wie Facebook und Instagram. Auch Aktionen wie «Jeder Rappen zählt» helfen uns, junge Menschen für die humanitäre Hilfe zu sensibilisieren.  

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Tony Burgener ist seit 2012 Direktor der Glückskette. Begonnen hat er seine berufliche Karriere als Lehrer und Journalist. Danach war er als Delegierter beim Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) tätig. Anschliessend leitete Tony Burgener den Mediendienst der Expo.02 und war stellvertretender Kommunikationsdirektor des Internationalen Olympischen Komitees (IOK).
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Sind junge Menschen denn überhaupt am Spenden interessiert?

Am Spenden nicht unbedingt. Wir beobachten, dass die jüngere Generation vermehrt selbst aktiv werden will. Sie starten Aufrufe über soziale Netzwerke und sammeln Hilfsgüter via Facebook. Anschliessend fahren sie gleich selber in die Krisengebiete und leisten vor Ort Hilfe.  

Machen Ihnen diese spontan organisierten Hilfstruppen die Spenderbasis streitig?

Nein. Ich sehe sie als Ergänzung zum Einsatz der traditionellen Hilfswerke. Diese Pop-up Vereinigungen handeln schnell und unkompliziert. Sie nutzen neue Methoden, um Spender zu aktivieren. Allerdings sind sie nicht weltweit aktiv. Unsere Partner wie zum Beispiel das Schweizerische Rote Kreuz, Caritas oder Terre des Hommes bieten weltweit Hilfe an. Wir bestehen seit 70 Jahren. Während dieser Zeit konnten wir viel Wissen und Erfahrung sowie ein weltweites Kontaktnetz mit ihnen aufbauen.  

Flüchtlingshilfe auf Chios

Stellen Sie dieses Wissen den neuen Akteuren zur Verfügung?

Wir stehen im Dialog mit diesen ad-hoc-Vereinigungen und tauschen uns mit ihnen aus. Häufig fragen sie uns an, ob wir ihre Projekte finanziell unterstützen. Das ist leider nur bedingt möglich, weil wir sehr strenge Anforderungen an unsere Partner stellen. Sie müssen gewährleisten, dass die eingesetzten Mittel auch eine maximale Wirkung erzielen. Wir müssen uns in Zukunft bestimmt besser anpassen, ohne aber an der Qualität zu rütteln.  

Die Glückskette feierte letztes Jahr ihren 70. Geburtstag. Kritiker werfen ihnen ein angestaubtes Image vor. Wie reagieren Sie darauf?

Bei humanitären Katastrophen sind wir nach wie vor die Schweizer Spendenplattform Nummer 1. Damit das so bleibt, müssen wir uns weiterentwickeln. Wir wollen zukünftig näher am Geschehen sein, näher an den Betroffenen, näher am Spender und näher an den Partnerorganisationen. So haben wir während der Flüchtlingskrise 2015/16 mehrmals Mitarbeiter in die Krisenregionen geschickt. Sie konnten live vor Ort berichten und sich mit den Medien und Spendern austauschen.  

Der lokale Bezug nimmt also an Bedeutung zu?

Genau. Wir müssen uns dezentraler aufstellen. Das fängt beim Personal an. Heute besetzen viele Hilfswerke ihre Mitarbeiter in Krisenregionen mit Einheimischen. Das ist wichtig, weil sie die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung besser verstehen und sie mit Vertretern der Regierung auf Augenhöhe diskutieren können. 

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Der lokale Bezug nimmt an Bedeutung zu.
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Ausserdem wollen wir uns stärker am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen. Wenn Schweizer Politiker unsere Arbeit öffentlich als «organisierte Mitleidmaschinerie» bezeichnen, ist das bedenklich. Wir kämpfen dafür, dass die berühmte humanitäre Tradition der Schweiz nicht verloren geht. Wir suchen ausserdem neue Wege in der Zusammenarbeit mit Unternehmen, die für uns als Multiplikator sehr wichtig sind. Ganz wichtig ist dabei unser Mutterhaus, die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft, welche als Trägerin uns bei allen Sammlungen voll unterstützt. Ohne die SRG würde die Glückskette in der heutigen Form keinen Mehrwert bieten.  

Die Glückskette sammelt regelmässig Spenden für Kriegsopfer und Flüchtlinge. Wie erfolgreich laufen diese Aktionen?

Sammeltage für Flüchtlinge laufen fast immer schlechter als diejenigen für Naturkatastrophen. Dafür gibt es drei Gründe: Im Gegensatz zu einem Konflikt fragen sich Spender bei einer Naturkatastrophe nicht, ob die Betroffenen schuldig sind oder nicht. Sie identifizieren sich auch stärker mit den Opfern, weil es uns ja auch in der Schweiz treffen könnte. Bei Naturkatastrophen kommt alles unerwartet und die Berichte und Bilder stellen vermehrt die Opfer in den Vordergrund. Es gibt aber Ausnahmen. Die Spendenaktion im Herbst 2015 für die Flüchtlinge kam zu einem traurigen Höhepunkt, als das Bild des toten Flüchtlingsjungen an einem türkischen Strand in den Medien verbreitet wurde. Damit bekam die komplexe Flüchtlingsthematik ein Gesicht, mit dem sich jeder identifizieren konnte.

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Sammeltage für Flüchtlinge laufen fast immer schlechter als diejenigen für Naturkatastrophen.
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Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?

Als Spendenorganisation setzen wir grosse Hoffnungen in den technologischen Wandel. Soziale Medien helfen uns, die breite Bevölkerung über humanitäre Krisen zu informieren. Mit dem Handy als ständiger Begleiter wird vermutlich auch der Marktanteil von Online-Spenden zunehmen. Crowd funding wie letshelp.ch und Peer-to-Peer Plattformen dürften an Bedeutung gewinnen. Die Schweiz wird bestimmt Spendenweltmeister für humanitäre Anliegen bleiben.  

Swisscom und Glückskette: Langjährige Partnerschaft

Swisscom pflegt mit der Glückskette eine langjährige Partnerschaft. An nationalen Sammeltagen stellt Swisscom gratis Telefonleitungen bereit. Am Tsunami-Sammeltag 2004 konnten über 70'000 Anrufe entgegengenommen werden. Swisscom nimmt auch als Unternehmen regelmässig an Sammeltagen teil und organisiert Mitarbeiter-Spendenaktionen, bei denen das Unternehmen den gesammelten Betrag verdoppelt. Beim Erdbeben in Nepal konnte Swisscom so über 250'000 Franken spenden. Swisscom berät die Glückskette auch bei technischen Fragen.  

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Sascha Bianchi verantwortet den Nachhaltigkeitsblog und Partnerschaften mit myclimate, Filme für die Erde und der Umwelt Arena. Er schreibt regelmässig über Nachhaltigkeitstrends und Aktivitäten der Swisscom Partner.
Bild: Swisscom

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