29.03.2017 - 07:10

«Es gibt heute mehr arme Menschen in Nepal als vor dem Erdbeben»

von Sascha Bianchi, Nachhaltigkeitsblog
 

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Knapp zwei Jahre sind vergangen seit den schlimmen Erdbeben in Nepal. David Dandrès von der Glückskette war vor kurzem vor Ort. Im Interview erklärt er, warum der Wiederaufbau nur schleppend vorankommt.

David Dandrès reist regelmässig in Krisengebiete. Vor Ort ist er für den effizienten Einsatz der Spendengelder verantwortlich, spricht mit den Schweizer Hilfsorganisationen vor Ort und überprüft den Stand der Hilfsprojekte. Regulatorische Hürden und überforderte Behörden erschweren seinen Arbeitsalltag.

Letzte Woche kehrte David Dandrès von einer Reise nach Nepal zurück, in dem 2015 ein schweres Erdbeben grosse Zerstörung hinterliess. Im Interview erzählt er von seinen Erlebnissen.

Bluewin: Herr Dandrès, wie präsentiert sich die Lage vor Ort in Nepal?

David Dandrès: Die Lage hat sich seit dem Erdbeben 2015 verbessert. Heute haben 75 Prozent der als obdachlos registrierten Familien bereits finanzielle Hilfe vom nepalesischen Staat und den Hilfsorganisationen erhalten. Dieses Geld wird für den Wiederaufbau, Essen und Kleider verwendet. Die Regierung und lokale Hilfsorganisationen haben zudem Baumaterial, Saatgut und landwirtschaftliches Gerät verteilt. Seit meinem Besuch im letzten Jahr hat sich die Situation also deutlich verbessert und die Bevölkerung nimmt langsam konkrete Fortschritte beim Wiederaufbau wahr.

Wie sehen diese Fortschritte aus?

Mit den von der Glückskette gesammelten Geldern konnten bislang 91 Wohnhäuser wiederaufgebaut werden – weitere 160 Häuser befinden sich im Bau. Bis Ende des Monats wird der Wiederaufbau von fünf Schulen abgeschlossen sein, die Bewässerungskanäle konnten in fünf Dörfern repariert werden und fünf weitere Dörfer sind wieder an die Trinkwasserversorgung angeschlossen. Es bleibt aber noch viel zu tun.

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David Dandrès arbeitete mehrere Jahre als Journalist. Seit zehn Jahren engagiert er sich im Bereich der internationalen Zusammenarbeit. Seit letztem Jahr arbeitet er bei der Glückskette als Leiter von Hilfsprojekten.

Was hat Sie vor Ort am meisten betroffen?

Der Mut, die Geduld und die Entschlossenheit der Familien, die in den Bergen leben. Ich frage mich immer, was wir hier in der Schweiz tun würden, wenn wir innerhalb von zwei Minuten alles verlieren würden, woran wir fünfzehn Jahre gebaut haben: unser Haus, unsere Einkommensquellen. Die nepalesischen Familien haben trotz allem den Mut nicht verloren. Sie versuchen, in erster Linie ihren Kindern soweit wie möglich ein normales Familienleben zu ermöglichen. Sie spielen mit ihnen, kaufen ihnen Süssigkeiten. Die Kinder gehen fröhlich und gut gekleidet zur Schule, auch wenn sie zu fünft oder sechst in einer Holz- oder Blechhütte wohnen.

Welches sind heute die dringendsten Bedürfnisse der Menschen in Nepal?

Ganz klar die Unterkünfte. Tausende Familien fristen noch immer ein Leben unter extrem schwierigen Bedingungen. Betroffen sind vor allem die armen Bauern, die in den Bergen und Tälern rund um Kathmandu leben. Sie leben in Notunterkünften, die sie aus den Trümmern ihrer Häuser errichtet haben.

Haben diese Menschen keine Hilfsgüter erhalten?

Doch. Schweizer Hilfsorganisationen, die wir letzte Woche in dem Gebiet angetroffen haben, versuchen, ihnen auf verschiedene Weise zu helfen: So haben im letzten Jahr 2500 bedürftige Bauernfamilien jeweils umgerechnet 250 Franken von einer Partnerorganisation der Glückskette erhalten. Andere haben Ziegen oder Winterkleidung bekommen. Sie konnten aber noch nicht alle mit dem Wiederaufbau beginnen.

Warum?

Neben weiteren Finanzhilfen fehlt den Menschen vor allem Baumaterial und Werkzeug. Viele arme Familien konnten nur einen Bruchteil ihrer zerstörten Geräte für die Feldarbeit oder die Ausübung ihres Handwerks ersetzen. Das Resultat ist erschreckend und heute gibt es mehr arme Menschen in Nepal als vor der Katastrophe.

Wann wird der Wiederaufbau abgeschlossen sein?

650’000 Häuser und 6'000 öffentliche Gebäude sind zerstört oder schwer beschädigt worden. Das Ausmass der Schäden ist enorm. Der Wiederaufbau wird noch Jahre dauern. Wir rechnen mit mindestens fünf Jahren. Es kann aber auch länger dauern. Bei uns hier in Europa sehen wir, dass von Erdbeben zerstörte Dörfer auch nach über fünf Jahren noch nicht komplett wiederaufgebaut sind. Und das, obwohl uns deutlich mehr Mittel zur Verfügung stehen als in Nepal.

Worin liegt der Schwerpunkt der Schweizer Hilfsorganisationen vor Ort?

Die Tätigkeiten der Schweizer Organisationen sind sehr vielfältig. Sie engagieren sich für den Wiederaufbau von Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden wie Schulen und Gesundheitszentren, leisten Hilfe bei der Wiederaufnahme von Landwirtschaft und Viehzucht, fördern die Ausbildung in Bauberufen, die Wiederherstellung von Trinkwasserversorgung und Bewässerungsleitungen und bieten Unterstützung bei medizinischen Leistungen, insbesondere für Frauen und Kinder. Insgesamt wird die Glückskette den Wiederaufbau von 1100 Wohnhäusern, 34 Schulen, 7 Gesundheitszentren und 35 Bewässerungssystemen ermöglichen.

Gibt es Schicksale von Personen, Familien, Einsatzhelfern, die Sie besonders berührt haben?

Die 30-jährige Gyanu Jyoti aus Kiul im Distrikt Sindhupalchok verlor durch das Erdbeben am 25. April ihr Haus, eine Kuh und zwei Ziegen. Die Mutter einer 11-jährigen Tochter und eines 7-jährigen Sohnes leidet zudem an Herzproblemen. Sie arbeitet als Aushilfe in einer Primarschule mit einem monatlichen Einkommen von 45 Franken. Sie bekam von der Helvetas und Solidar Suisse finanzielle und fachliche Unterstützung für den Wiederaufbau ihres Hauses. Doch lassen wir sie selbst zu Wort kommen:

«Als Alleinerziehende war es für mich besonders schwierig, den Wiederaufbau anzugehen. Doch schliesslich habe ich den Mut gefasst und mich entschlossen, die Behelfsunterkunft abzureissen, die ich nach dem Erdbeben zusammengebastelt hatte. Ich sammelte in der näheren Umgebung Baumaterial wie Steine und Holz. Zunächst schien es ganz einfach, aber letztlich war es schwieriger als vermutet. Begleitet von einer zweimonatigen Schulung halfen mir Maurer, Zimmerer und andere Arbeiter, ein Haus zu bauen. Früher musste ich das Wasser für den täglichen Bedarf mühsam herschleppen, doch heute habe ich einen eigenen Wasseranschluss vor meinem Haus, was mir vieles erleichtert. Dank der Unterstützung der Schweizer Hilfsorganisation konnte ich zudem eine Toilette bauen. Dadurch haben sich die Hygieneverhältnisse für meine Kinder und mich ungemein verbessert. Ich bin mehr als dankbar, dass ich durch die Unterstützung beim Wiederaufbau nun nicht mehr gezwungen bin, in einer Behelfsunterkunft zu leben. Meine Kinder und ich sind überglücklich, nun ein eigenes Haus zu haben.»

Wurden bereits alle Schweizer Spendengelder von 2015 verteilt?

Nein. Das Geld wird in Teilbeträgen ausgezahlt. Um Spendenmittel zu erhalten, müssen die Organisationen ihre Vorhaben vor Ort genau beschreiben und regelmässig über den Fortgang der Arbeiten berichten. Wir von der Glückskette bewerten, analysieren und auditieren dann die geplanten Massnahmen. Am Schluss entscheidet eine Kommission über die weitere Finanzierung der Projekte.

Was ist Ihr Fazit vom Wiederaufbau?

Die Rahmenbedingungen, die uns von den nepalesischen Behörden vorgegeben werden, erschweren den Wiederaufbau. Sie ändern sich regelmässig. Und sie werden von Politikern und Funktionären unterschiedlich interpretiert. Die eigens geschaffene nationale Wiederaufbaubehörde steckt ebenfalls in Schwierigkeiten. Ihr Direktor wurde seines Amtes enthoben. Dies führt zu noch mehr Unsicherheit. Fakt ist also, dass der politische Apparat die Arbeit der Hilfsorganisationen ein Stückweit ausbremst. Darum konzentrieren wir uns im Moment auf die Sicherung der Lebensgrundlagen der Betroffenen.

Unterstützen Sie Menschen in Not

Sie wollen helfen? Das geht ganz einfach. Besuchen Sie die digitale Spendenplattform letshelp.ch. Hier finden Sie ausgewählte Projekte von Schweizer Hilfswerken, die auch in Nepal aktiv sind und das Zewo-Gütesiegel besitzen. Mit einer Spende für das Projekt von Helvetas sorgen Sie dafür, dass die Dorfbewohner von Palchok im kalten Winter ein Dach über dem Kopf haben. Bei «Save the Children» unterstützen Sie Projekte zur Traumabewältigung von Kindern. Letshelp.ch wird von Zewo, Swissfundraising und Swisscom getragen.

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Sascha Bianchi verantwortet den Nachhaltigkeitsblog und Partnerschaften mit myclimate, Filme für die Erde und der Umwelt Arena. Er schreibt regelmässig über Nachhaltigkeitstrends und Aktivitäten der Swisscom Partner.
Bild: Swisscom

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