23.06.2017 - 16:34

Alle zwei Minuten wählt jemand «'s 143gi»

Dargebotene Hand

640 Freiwillige beraten täglich per Telefon Menschen in schwierigen Lebenslagen. Zuhören können ist dabei eine wichtige Eigenschaft.
Bild: Dargebotene Hand

von Sascha Bianchi, Nachhaltigkeitsblog
 

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Die Telefonseelsorge der Dargebotenen Hand existiert seit 60 Jahren. Immer wichtiger wird aber die Beratung per Internet. Zum Jubiläum läuft ein Crowdfunding für das Buchprojekt «Die Seelentröster».

Was tun, wenn man einfach nicht mehr weiter weiss? Viele würden sagen: die Dargebotene Hand anrufen. Seit 60 Jahren ist sie rund um die Uhr zuverlässig unter der kostenlosen Telefonnummer 143 erreichbar – aber nicht nur, das Internet wird für die gemeinnützige Organisation nämlich immer wichtiger. Sie nutzt den runden Geburtstag, um auf die Notwendigkeit ihrer Dienste aufmerksam zu machen. Der Nachhaltigkeitsblog hat bei Geschäftsführer Franco Baumgartner nachgefragt.

Herr Baumgartner, 60 Jahre Dargebotene Hand: Wie unterscheidet sich der Arbeitsalltag der Organisation gegenüber früher?

Franco Baumgartner: In den Anfängen wurde mit Festangestellten gearbeitet, Priester oder Theologen aus der Evangelischen Kirche. Heute sind wir eine konfessionell ungebundene Freiwilligenorganisation mit Service-public-Charakter: Von der Bevölkerung für die Bevölkerung. Die wichtigsten Personen sind dabei unsere 640 Freiwilligen am Telefon. Sie arbeiten zwei- bis dreimal pro Monat während vier Stunden, und dies zu jeder Tages- und Nachtzeit. 

Was für Personen rufen bei Ihnen an und was liegt ihnen auf dem Herzen?

Wir haben jährlich 200'000 Anrufe. Alle zwei Minuten ruft jemand an, besonders am Abend und in der Nacht. Die Frauen sind dabei mit zwei Dritteln in der Mehrheit, 80 Prozent der Personen sind über 40 Jahre alt. Ein knappes Drittel sind Menschen mit psychischen Problemen oder Krankheiten. Ein Viertel hat Probleme in der Beziehung. Viele suchen einfach jemanden zum Reden, zum Beispiel über den Job oder Arbeitslosigkeit, aber auch über Gewalt. Die Online-Kommunikation nimmt dabei zu: Junge Menschen kontaktieren uns vermehrt via Chat und E-Mail, weil sie sich schriftlich vor allem bei heiklen Themen geschützter fühlen als am Telefon. Deshalb wollen wir dieses Angebot ausbauen. 

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Franco Baumgartner arbeitet seit 2011 bei der Dargebotenen Hand. Davor war er als Freiwilliger für die Organisation tätig.
Bild: Dargebotene Hand

Gibt es ein Schicksal, das Sie besonders betroffen gemacht hat?

Besonders herausfordernd sind Menschen kurz vor dem Suizid. Wenn es uns aber gelingt, im Dialog die andere, menschliche Seite zu zeigen und einen Grund fürs Leben aufzuzeigen, ist das sehr schön und wertvoll. Allgemein staune ich immer wieder, wie gross das persönliche Leid manchmal sein kann, von dem man im Alltag nichts hört. Es sind eben nicht nur die spektakulären Themen, wie sie in den Medien zu lesen sind, sondern die stillen, ruhigen Leiden wie Depression oder Einsamkeit, die Menschen umtreibt. Bei uns wird das sehr sichtbar, diese Schicksale berühren mich sehr. Aber wir sind keine Lebensretter. Wir wollen einfach für Menschen da sein und versuchen, sie im Gespräch aufzufangen. 

Wer sind die vielen Freiwilligen am anderen Ende der Leitung?

Es sind bodenständige Menschen, die eine grosse Lebenserfahrung mitbringen. Fachliche Qualifikationen braucht es keine, wichtig ist die Haltung: Offenheit, Toleranz, Kritikfähigkeit sich selber gegenüber und die Fähigkeit, nicht zu schnell über jemanden zu urteilen. Wir rekrutieren über normale Kanäle wie Zeitungen oder unsere Facebook-Seite. Wer sich interessiert, absolviert während eines Jahres die Ausbildung in einer unserer zwölf Regionalstellen. Pro Jahr brauchen wir um die 60 neue Freiwillige. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung das Angebot mitträgt, nur so kann es aufrecht erhalten werden.

Sie publizieren zum Jubiläum ein Buch und sammeln dafür Spenden auf letshelp.ch. Was erwartet die Leser darin?

Unser Video erklärt das Projekt im Detail. Auf letshelp.ch können alle spenden, die uns unterstützen möchten. Im Rahmen unseres Jubiläums sind ausserdem im Oktober diverse Events geplant.

Wie unterstützt Swisscom Sie bei Ihrer Arbeit?

Swisscom ist seit Jahren unsere treue Hauptsponsorin. Dies beinhaltet einerseits einen jährlichen finanziellen Beitrag, aber sie übernimmt auch die ganzen Kosten für die Kommunikation der Regionalstellen, also Internet und Telefon. Ausserdem können wir die Infrastruktur des Unternehmens nutzen. Das erwähnte Buch wird überdies durch einen Beitrag von Swisscom ermöglicht.

6 Highlights aus dem Nachhaltigkeitsbericht von Swisscom

Über die Dargebotenen Hand

Die Dargebotene Hand ist der gesamtschweizerische Dachverband zwölf lokal und regional verankerter, unabhängiger Organisationen. Sie ist offen für alle Menschen, unabhängig von Religion, Kultur und Herkunft und richtet sich nach den Grundsätzen des Europäischen Verbandes der Telefon-Seelsorgen IFOTES (International Federation Of Telephone Emergency Services). Die Regionalstellen bieten via Telefonnummer 143, aber auch online eigenständige Beratungsdienste an. Swisscom unterstützt als Partnerin seit Jahren die Tätigkeiten der Organisation. www.143.ch

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So warb die Dargebotene Hand in den Anfängen für ihren Dienst.
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Sascha Bianchi verantwortet den Nachhaltigkeitsblog und Partnerschaften mit myclimate, Filme für die Erde und der Umwelt Arena. Er schreibt regelmässig über Nachhaltigkeitstrends und Aktivitäten der Swisscom Partner.
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