13.09.2017 - 23:00, Claire Gobet

«Diese Technologie wird die Luftfahrt revolutionieren»

 

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In vielen Sektoren arbeiten Experten daran, die Welt sauberer zu machen - auch in der Aviatik. André Borschberg will die bei Solar Impulse gewonnenen Erfahrungen dafür nutzen, H55 zu einem weltweiten Projekt für elektrisches Fliegen zu machen.

André Borschberg ist Pionier, Erfinder, Ingenieur und Designer. Als Solar Impulse Pilot hat er zahlreiche Rekorde gebrochen und Unmögliches möglich gemacht. Er ist zusammen mit Bertrand Piccard in einem Solarflugzeug um die Welt geflogen - ohne einen Tropfen Treibstoff.

Von Kindesbeinen an begeistert sich André Borschberg für Flugzeuge. Später erwirbt er an der EPFL sein Ingenieurdiplom und macht einen Pilotenschein. Heute will er die Luftfahrt weiterentwickeln. Sein neuestes Projekt heisst H55. Im Interview gibt er Bluewin Einblicke in sein neues Unternehmen. 

Bluewin: Wie lässt sich das Ziel von H55 beschreiben?

André Borschberg: H55 soll Technologien zur Produktion von Elektroflugzeugen fördern. Diese können nach Art eines Hubschraubers senkrecht starten, fliegen anschliessend aber dank ihrer Tragflügel wie ein Flugzeug waagerecht weiter. Vor allem verbrauchen sie viel weniger Energie. Damit sind sie sauberer, leiser und günstiger als heutige Flugzeuge und können auch unabhängig von Flughäfen operieren.  

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in 10 Jahren?

Wir möchten, dass das H55 auf internationaler Ebene die elektrischen Antriebstechniken vorantreibt. Wir möchten keine Flugzeuge bauen, sondern der Luftfahrt die entsprechenden Technologien und unsere Erfahrung zur Verfügung stellen.  

Woran arbeiten Sie im Moment?

Derzeit geht es vor allem um technologische Aspekte. Ein erstes einsitziges Elektroflugzeug ist bereits unterwegs. Nun arbeiten wir an einem zweiten, etwas grösseren Modell. Wir stehen mit Flugzeugbauern in Kontakt, um ihnen unsere Lösungen zu präsentieren. Wir kommen gut voran. Dennoch braucht alles seine Zeit, da man nicht einfach unsere heutigen Flugzeuge nehmen und ihren Verbrennungsmotor durch einen Elektromotor ersetzen kann. Man muss vielmehr ein neuartiges Flugzeug entwickeln, das tatsächlich alle Trümpfe des elektrischen Antriebs ausspielt.  

Woher stammt die bei H55 genutzte Technologie? Greift sie auf die mit Solar Impulse gemachten Erfahrungen zurück?

Ja, bei H55 nutzen wir das Know-how, das wir in den 15 Jahren unseres Abenteuers mit Solar Impulse gesammelt haben. Neben der Tatsache, dass es Sonnenenergie nutzt und dadurch eine quasi unbegrenzte Flugzeit ermöglicht, ist Solar Impulse das Elektroflugzeug mit den meisten Flugstunden überhaupt. Dank der Zuverlässigkeit und Effizienz des Elektroantriebs konnte ich fünf Tage und fünf Nächte am Stück in der Luft bleiben.

Betrachten wir die kleinen elektrischen Drohnen, die man mittlerweile bereits in Supermärkten erhält. Im Wind und in Turbulenzen sind sie stabiler als hochtechnisierte Hubschrauber. Dadurch, dass Elektromotoren auf eine Änderung der Stromstärke sofort reagieren, lassen sie sich nicht nur zum Antrieb, sondern auch zur Stabilisierung des Flugzeugs nutzen. Kein Zweifel: Diese Technologien werden die Luftfahrt revolutionieren.

Die schönsten Momente der Solar Impulse Weltumrundung

  • Departure Abu Dhabi Solar Impulse
  • Pacific Take Off Solar Impulse
  • Pazifiküberquerung geschafft Solar Impulse
  • Japan nach USA Solar Impulse

Mit wem arbeiten Sie zusammen?

Das Gründungsteam besteht aus fünf Personen, von denen drei bereits an Solar Impulse beteiligt waren. Wir profitieren natürlich auch vom gesamten Partnernetz von Solar Impulse.

Wir werden zudem vom Kanton Wallis, insbesondere der Stiftung The Ark, dem BAZL (Bundesamt für Zivilluftfahrt), mit den Mitteln aus der Abgabe für die Förderung der erneuerbaren Energien sowie von verschiedenen Sponsoren und Partnern wie Hamilton unterstützt. Weiterhin bereiten wir den Einstieg von Venture-Capital-Fonds vor, um den zukünftigen Finanzbedarf zu decken.

Wie kommt Ihr Projekt in der Luftfahrtbranche an? Ist es einfach, Synergien zu schaffen und zu kooperieren?

Die Luftfahrt ist in diesem Bereich zweigeteilt: auf der einen Seite die Flugzeugbauer, die angesichts ihrer Grösse in ihren Verfahren und Abläufen gefangen sind, aber eben sehr zuverlässige Modelle bauen können – auf der anderen Seite innovative Unternehmen aus dem Silicon Valley mit all ihren Ideen, denen es aber im Hinblick auf die Zulassungsanforderungen an Kapazitäten mangelt. Bei Solar Impulse mussten wir mit einem Riesenaufwand Zertifizierungen und Zulassungen einholen, um die Zuverlässigkeit unseres Flugzeuges nachzuweisen. H55 sieht sich als Brücke zwischen diesen beiden Welten.

Übrigens haben wir Doris Leuthard vorgeschlagen, aus dieser neuen Flugzeugtechnik ein nationales Projekt zu machen. Unser Luftraum muss neu organisiert werden. Wir müssen den überregionalen Verkehr neu denken und die dritte Dimension einbeziehen. Wir arbeiten deshalb Hand in Hand, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie diese Welt aussehen wird und welche Auswirkungen dies in technischer und administrativer Hinsicht haben wird.  

Wann wird der Luftverkehr elektrisch sein?

In fünf Jahren werden wir die ersten derartigen Flugzeuge am Himmel sehen. Dies ist keine Frage der Technologie, schliesslich gibt es so etwas bereits. Was uns bremst, ist unsere Fähigkeit, neue Lösungen zu integrieren. Schliesslich bedurfte es eines Softwarespezialisten, Elon Musk, um endlich ein überzeugendes Elektrofahrzeug zu schaffen, wogegen sich die Automobilindustrie lange Zeit gesträubt hatte.

Fliegen wir bald im Elektro-Lufttaxi?

  • Lilium
  • Lilium
  • Lilium
  • Hexa

Warum haben Sie sich für die Schweiz entschieden, um H55 zu entwickeln?

Abgesehen davon, dass wir selbst Schweizer sind, ist die Industrie- und Universitätslandschaft in der Schweiz einfach spitze. Dank unserer Hochschulen wie EPFL, ETH Zürich und den Fachhochschulen verfügt die Schweiz über ein riesiges Know-how. Andererseits haben wir natürlich einen globalen Anspruch und möchten mit verschiedenen Ländern zusammenarbeiten.  

Die mithilfe der H55-Technologien entwickelten Flugzeuge sind vernetzt und erzeugen während des Flugs enorme Datenmengen. Über Big-Data-Lösungen wird die Luftfahrt von diesen Daten enorm profitieren, gerade im Bereich der Sicherheit.

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